Suche
Suche Menü

Sambia: Solidarität, Tränen und Freude

Die Nachricht erreichte mich an einem Freitag morgen. Ein Mädchen, mit deren Mutter ich im Chor singe, war in der vorigen Nacht verstorben. Die Nachricht hat mich sehr betroffen gemacht.

Da es üblich ist, Kinder zur Chorprobe mitzubringen, kannte ich die kleine Kondiwe nun seit einigen Monaten. Am Abend trafen sich alle Chormitglieder, um gemeinsam zum „funeral house“, wörtlich übersetzt „Beerdigungshaus“ zu fahren.
In Sambia ist es üblich, die Hinterbliebenen des Verstorbenen bis zum Tag der Beisetzung in seiner/ihrer Trauer zu begleiten. Nachbarn, Freunde, Verwandte und Gemeindemitglieder kommen zum Wohnhaus, um den Hinterbliebenen Kondolenzwünsche zu überbringen.
Wir kamen als Gruppe an und begannen schon vor der Haustüre zu singen. Im Wohnzimmer waren alle Möbel weggeräumt und circa 10 Frauen saßen auf dem mit Bambusmatten ausgelegten Fußboden.
Wir sangen zwei Stunden Trauerlieder, die sich mit Gebeten abwechselten. Es ist Tradition, dass nur die Frauen im Wohnzimmer beisammen sitzen, singen,, beten und lautstark wehklagen, während die Männer vor dem Haus zusammen sitzen.
Es war nicht mein erster Besuch in einem solchen „Trauerhaus“, dennoch war es in diesem Fall sehr berührend. Der Brauch, die Angehörigen des Verstorbenen nicht alleine zu lassen, finde ich sehr schön. Die Solidarität, das Verständnis und die Unterstützung der Besucher war beinahe greifbar im Wohnzimmer.
Nachdem wir gesungen hatten, gingen wir hinter das Haus. Dort war ein großes Zelt aufgebaut, unter dem die provisorische „Outdoor-Küche“, bestehend aus verschiedenen Feuern, aufgebaut war. Frauen aus der Nachbarschaft waren damit beschäftigt, für den kommenden Tag für alle Besucher zu kochen. Eine große Zinnwanne mit circa 20 toten Hühnern war umringt von Töpfen, gefüllt mit kochendem Wasser, und Eimern voller Federn. In der Luft hing der Geruch von Holzkohle, Hühnereingeweiden und Blut. Es hatte mittlerweile zu regnen begonnen und die Wassermassen prasselten nur so auf die Zeltplane.
Einige Frauen aus meinem Chor hatten bereits begonnen, die Hühner aus der Zinnwanne zu rupfen und natürlich wurde ich aufgefordert, ihnen dabei zu helfen. Es kostete mich einige Überwindung das Huhn auch nur an den Füßen zu halten, geschweige denn, die festsitzenden Federn herauszuziehen. Ich habe es dennoch gemeistert, das ganze Huhn von seinem Federkleid zu befreien und beschloss daraufhin, die nächste Woche auf jeglichen Fleischkonsum zu verzichten.
Um Mitternacht verließen wir das Haus. Einige blieben, um eine Nacht dort auf dem Boden mit den anderen Frauen zu beten, zu singen und in den frühen Morgenstunden auch zu schlafen. Es ist üblich, dass die angereiste Verwandtschaft die Nächte bis zur Beerdigung im Wohnzimmer des Trauerhauses verbringt. Das gilt nur für die Frauen. Männer versammeln sich, wie geschrieben, vor dem Haus und sitzen die ganze Nacht beisammen. Die „Männerrunde“ ist weitaus fröhlicher, da nicht der Tod thematisiert wird, sondern Themen wie die kürzliche Präsidentschaftswahl oder die sambische Nationalmannschaft, die es leider nicht ins Viertelfinale des Afrikacups geschafft hat.
Am nächsten Morgen war die Beerdigung. Natürlich sang mein Chor während des Gottesdienstes, der einer der traurigsten war, den ich je erlebt habe. Der kleine weiße Sarg war vor dem Altar aufgebaut, Eltern und nahe Verwandte hielten Reden, die sehr bewegend und getränkt von Unverständnis und Trauer waren.
Das Schöne an der Beerdigung war die Emotionalität: Die Trauer findet in lautem Wehklagen und Weinen, das von den Kirchenwänden widerhallt, Ausdruck. Am Ende der Messe wurde der Sarg nach draußen gebracht und im Vorraum der Kirche aufgebahrt, sodass sich alle Trauergäste verabschieden konnten. Der ca. 1,30 Meter lange Sarg wurde geöffnet und im Gang aus der Kirche verabschiedete sich jeder. Dieser Moment wird mir lange in Erinnerung bleiben, da mich der Anblick dieses kleinen, zwei Jahre alten Gesichts, nicht nur unsagbar traurig, sondern auch wütend machte. Die Ungerechtigkeit, dass dieses Mädchen keine Chance hatte, weil Ärzte zu spät oder gar nicht erkannten, was ihr fehlte. Der Gedanke, dass ihr unter anderen medizinischen Umständen geholfen hätte werden können, will mir nicht aus dem Kopf.
Die Trauergemeinde fuhr zum Friedhof. Auch dieser unterscheidet sich sehr von deutschen Friedhöfen. Der Friedhof ist nicht eingegrenzt und hat keine Grabsteine. Die Gräber bestehen aus Erdhügeln, die mit Plastikblumen in den grellsten Farben geschmückt sind.
Ein letztes Gebet wurde über dem Grab gesprochen und der Sarg dann der Erde übergeben. Die anwesenden Männer haben nun die Aufgabe, das Grab zu schließen. Das Geräusch der Erde, die dumpf auf das Sargholz schlägt, begleitet von afrikanischen Trauergesängen, schließen die Beerdigung ab. Die Gruppe, die für meine Augen ungewöhnlich bunt gekleidet ist, begibt sich ein letztes Mal zum Trauerhaus zum gemeinsamen Mittagessen.
Dieses Wochenende war sehr emotional für mich. Die Trauer, die alle zusammenbrachte, war begleitet von viel Freude, Spaß, Gemeinschaft und Leben, wie es auf keinem deutschen Begräbnis möglich gewesen wäre. Ich fühlte mich in der Gemeinschaft aufgenommen und bin sehr dankbar, dass ich dieses große Stück Kultur habe miterleben zu dürfen.

Autor:

Mein Name ist Hannah, ich bin 19 Jahre alt und komme aus Stuttgart. Dieses Jahr habe ich mein Abitur an einem sozialwissenschaftlichen Gymnasium abgeschlossen. In meiner Freizeit spiele ich Querflöte und singe im Kirchenchor. In meiner Gemeinde St.Ottilia bin ich unter anderem als Oberministrantin aktiv. Meinen 10-monatigen Freiwilligendienst werde ich in Sambia leisten, wo ich in der Stadt Solwezi in einer Schule für HIV-Waisen und benachteiligte Jugendliche mitwirke. Ich freue mich schon sehr darauf, was mich in Sambia erwartet und bin besonders auf die lokalen Sprachen gespannt!

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Hannah,
    war heute mal wieder auf deinem Blog –
    eine traurige Geschichte, sehr mitfühlend geschrieben !
    Eine gute Zeit zum Abschluss in Sambia !

    Stephan

  2. Liebe Hannah,

    ein toller Eintrag. Traurig war der Anlass, aber schön, dass du, wie du geschrieben hast, diesen Teil der sambischen Kultur erfahren durftest. Und wie viele Unterschiede es gibt. Ich bin mir sicher, dass es für die Seele besser ist, die Trauer rauszulassen. In unserer Kultur leider nicht mehr sehr verbreitet …

    LG aus dem heute frühlingshaft sonnigen Aachen, Uta

  3. Woran ist Kondiwe denn gestorben?

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Sichherheitsüberprüfung * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.