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Thailand: Im Auge des Feindes

Ausnahmezustand auf den Straßen Bangkoks: Kaum wahrzunehmen blättert ein Immigration-Officer in schwarzer Uniform an der Kasse des nahegelegenen Utensilienmarktes in einer Zeitschrift. Die Offiziersmütze beiläufig unter den Arm geklemmt, schlürft er dabei genüsslich an einer Packung Orangensaft.

Nur knappe 100 Meter entfernt eine Gruppe Flüchtlinge, die auf Autoreifen und Plastikboxen stehend, nervös ihre Nasen über die umgebende Mauer des Bangkok Refugee Centers streckt.
„Baba, there is immigration outside!“

Und wirklich: Seit beinahe 4 Tagen ist dieser Satz mehr als nur eine mutmaßliche Befürchtung. Für das Auge des gewöhnlichen Thais kaum zu registrieren, stehen Immigration-Officer in vielen Straßen Bangkoks – gezielt in jenen Gebieten, die urbanen Flüchtlingen bislang eigentlich Schutz gewährten und sehr bewusst vor eben diesen Gebäuden, die bis zum letzten Zimmer mit pakistanischen Asylsuchenden oder bereits registrierten Flüchtlingen gefüllt sind. Was nun jedoch überschwappt, sind nicht die übervollen, kleinen Räume, sondern Angst.

Mehr als 400 Flüchtlinge wurden in den letzten Tagen inhaftiert, aus ihren Zimmern gerufen und gnadenlos abgeführt. Der Grund? Bislang unbekannt. Dabei handelt es sich längst nicht mehr um ein Geheimnis, dass Bangkok, unauffällig wie nur irgendmöglich, vielen Menschen ein Versteck bietet, deren Touristenvisum schon lange abgelaufen ist – auch kein Geheimnis im Auge des Feindes: der Immigration-Police, die nun unerwartet stark in Aktion tritt. Doch woher dieser plötzliche Aktivismus? Vielleicht wegen des bald anstehende Songkran (traditionelles Neujahrsfest der Tai-Völker nach dem thailändischen Mondkalender)? Oder doch die Lärmbeschwerden über die pakistanischen Nachbarn? Die UNHCR bleibt bis auf weiteres ratlos.

Schon immer war das Verstecken für illegale Einwanderer ein großes Thema, denn wen die Immigration-Police erwischt, den steckt man in eines der Immigration Detention Centre, wo man  solange verbleibt, bis für die Ausreise oder Freilassung gezahlt wird – zu  Preisen, die für eine Flüchtlingsfamilie mehr als unerschwinglich sind. Und auch wenn der freundliche Name “Immigration Detention Centre” keine wirkliche Aufmerksamkeit erweckt, so handelt es sich doch in Wirklichkeit um ein Gefängnis erbärmlichster Konditionen: Bei Wasser und Reis, zu 80 Personen auf engstem Raum, ohne Beschäftigung, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt, vollkommen zur Fremdbestimmung verdammt.

Nur wenige Wochen zuvor erhielten wir die Meldung, es würden Zählungen durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt war es „nur“ die Polizei. Ganze Gebäude in mehreren Stadtteilen wurden geräumt, um sich einen Überblick zu verschaffen: Wie viele illegale Einwanderer verstecken sich wohl hinter diesen Mauern? Inhaftiert wurde zu diesem Zeitpunkt niemand.

Dennoch verließen als Folge dessen viele unserer Klienten ihre Residenzen und flohen, wenn möglich in ländlichere Gebiete oder nach Pattaya, eine für den Sextourismus bekannte Metropole Thailands, die in solche Fällen Zuflucht gewährt. Viele jedoch konnten nicht gehen: kein Geld, keine Möglichkeit. Den meisten Familien, darunter nicht wenige, die mehr als 6 Personen durchzubringen haben, ist das Risiko zu hoch, sich nun auf die Straßen zu wagen, um Schutz in einem anderen Gebiet zu suchen. Bleiben oder gehen? Zwei Risiken, die sich gegeneinander aufzuwiegen scheinen.

Ebenso verließen viele ihre Räume, um bei anderen Familien unterzukommen. Nicht selten begegne ich nun Menschen, die sich mit 14 anderen Personen einen Raum teilen. Heute dann auch die Bekanntgabe, dass die BRC-Schule bis auf weiteres geschlossen bleibt, denn auch, wenn seltenst Kinder inhaftiert werden, so bleibt das Risiko, ein Officer könnte einem der Kinder nach Hause folgen und dort eine ganze Familie vorfinden. Vergeblich auch die Hoffnung, man würde, im Falle das die Eltern inhaftiert werden, die Kinder in Ruhe lassen, denn hier steht ein nur zu bekanntes Argument im Weg: Kinder sollten bei ihren Eltern bleiben… nicht wahr?

Letzlich die Erlaubnis an manche Flüchtlinge und Flüchtlingsfamilien im BRC für wenige Nächte eine Bleibe finden zu können. Aufatmen für viele, wäre da nicht der Immigration-Officer, der 100 Meter entfernt kaum vernimmt, welche Angst er in den Herzen vieler Flüchtlinge und Asylsuchenden auslöst.

Und ja, ich begegne ihm wirklich, als man mich hinausschickt, um Bericht über die vage Vermutung zu erstatten: dem Immigration-Officer, der gerade den letzten Rest aus seinem Saftpäckchen saugt. Ich nicke freundlich, scherze kurz, weil auch ich eine Packung Orangensaft kaufe und eile in aufgeregter Gelassenheit zurück. Erschütterte Gesichter, als ich letztlich auf die Frage antworte, die allen auf der Zunge brennt: „Baba, did you see Immigration?!“

„Yes, there is Immigration outside.“

Autor:

Meine Name ist Barbara, ich bin 19 Jahre alt und nachdem ich mein Abitur in Rheinland-Pfalz absolviert habe, werde ich nun meinen Freiwilligendienst in Thailand bei den Partnerorganisationen COERR und dem BRC antreten, die sich mit der dortigen Flüchtlingsproblematik auseinandersetzen. Dabei arbeiten sie besonders in den Bereichen der Ausbildung, Erziehung, landwirtschaftlichen Weiterbildung und des Gesundheitswesens. Besonders freue ich mich dabei auf eine neue, mir bislang fremde Kultur und die Begegnungen mit den Menschen vor Ort. Hier gehören eine klassische Gesangsausbildung und das Theaterspiel, sowie jegliche Form des geselligen Beisammenseins zu meinen großen Leidenschaften.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hey Barbara!:) kann ich dir irgendwie irgendwo mal schreiben, weil mich interessiert das Projekt auch sehr und ich hätte da ein paar Fragen dazu, wär super lieb wenn du mir antworten würdest!!:)
    Louisa

  2. sehr schöner, aber trauriger Artikel.
    Leider haben sich die Zahlen mittlerweile geändert. Es wurden in den letzten Wochen insgesamt 700 Flüchtlinge festgenommen. Die Räume im IDC sind am überlaufen… 200 Personen in einem Raum. Die Hygiene Verhältnisse sind schrecklich und Krankheiten breiten sich schnell aus.

  3. Oh ja, da bin ich auch mal gespannt wie sich das entwickelt :-/
    Mich würd echt mal interessieren, warum sich die Lage gerade jetzt verändert.
    Was haben die vor?!
    Die Thai-Behörden scheinen im Moment ja unberechenbar zu sein.
    Puh, das wühlt mich schon wieder auf, das Thema >_<

  4. Liebe Barbara,
    ein wirklich erschütternder Beitrag. Von deinen Vorgängerinnen wissen wir ja schon, wie es um das Los der Flüchtlinge bestellt ist in Thailand. Aber das ist eine neue Dimension. Diese Angst, die du beschreibst. Schlimm. Können wir hier gar nicht richtig nachvollziehen. Wofür müssten wir auch Angst haben??? Ich bin mal gespannt, ob irgendwann raus kommt, warum auf einmal so hart vorgegangen wird. Halt uns auf dem Laufenden, ja?
    Liebe Grüße, Uta

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