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Flüchtlinge im Irak: Brücken statt Mauern

Interview mit Pater Emanuel Youkhana, Leiter des „Christian Aid Program for Northern Iraq” (CAPNI) zur aktuellen Situation der Flüchtlinge in Dohuk/Irak.

Pater Emanuel CAPNI NordirakWie stellt sich die die momentane Situation der Flüchtlinge in Dohuk dar?

Zum einen leben dort mittlerweile viel mehr Flüchtlinge und Binnenflüchtlinge als in anderen Gebieten. Vor einem Jahr lag die Bevölkerungszahl noch bei 1,3 Millionen Menschen. Nach derzeitigem Stand ist sie auf zwei Millionen angewachsen. Das bedeutet, dass auf jeden zweiten Einwohner ein Flüchtling kommt: In jedem Dorf, in jeder Stadt leben Flüchtlinge. Die meisten von ihnen sind Jesiden und kommen aus einer sehr armen Region. Nach wie vor hoffen die Flüchtlinge, dass die von der IS kontrollierten Gebiete befreit werden und sie in ihre Heimat zurückkehren können. Leider ist das bisher aber nicht absehbar. Nachdem wir froh waren, dass wir die Flüchtlinge gut durch den Winter gebracht haben, müssen wir jetzt für den Sommer planen. Dabei müssen wir auch an die Schulen denken, denn viele von den Kindern haben bereits ein Jahr Unterrichtszeit verloren.

Natürlich sind die Flüchtlingslager inzwischen besser organisiert. Die Koordination zwischen Nichtregierungsorganisationen und den lokalen Autoritäten hat sich bewährt, aber die Bedürfnisse der Flüchtlinge sind nicht geringer geworden. Wenn man weiß, dass Spender vielfach durch Medien animiert werden zu helfen und dass das Thema Irak längst nicht mehr in den Hauptnachrichten ist, wird jedoch klar, dass wir längst nicht die Hilfe leisten können, die nötig wäre. Wir sprechen hier über Nahrungsmittel, Gesundheits- und Wasserversorgung und die Schulen. Dabei muss man stets im Hinterkopf behalten, dass es sich hier um eine menschgemachte Katastrophe handelt. Das heißt, wir sprechen auch über Menschen, die hochgradig traumatisiert sind.

Wie gehen Sie mit diesen Traumatisierungen um?

Traumatisierungen sind ein sehr sensibles Gebiet, auf dem man professionell handeln muss. Dafür nicht speziell ausgebildete Personen können die Situation der Betroffenen eher verschlechtern. Wir arbeiten mit der Jiyan-Foundation zusammen, die auf diesem Gebiet hoch qualifiziert ist. Wir führen die Frauen und Kinder beim Malen, bei Spiel und Sport zusammen, um sie wieder zum Lachen zu bringen und den Frauen Hoffnung zu geben. Das ist sehr wichtig. Wir können sie nicht bloß ernähren, wir müssen ihnen auch Hoffnung geben.

Wie verhält sich die einheimische Bevölkerung in dieser Situation? Was ist ihre Haltung gegenüber den Flüchtlingen?

Es ist außergewöhnlich positiv zu sehen, wie die lokale Gemeinschaft mitspielt. Zu Beginn der Flüchtlingskatastrophe haben wir mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen gesprochen. Dort wurde uns versichert, dass 60 Prozent der Bedürfnisse der damals 700.000 Flüchtlinge durch die lokale Bevölkerung gedeckt würden. Die Flüchtlinge kommen in privaten Häusern unter, in Kirchen, Stadthallen und Gemeindehäusern. Die Solidarität der Hoss-Gemeinschaft war wirklich bemerkenswert. Muslime, Christen, Jesiden, alle halten zusammen und teilen. Mittlerweile ist die Zahl der Flüchtlinge wie gesagt enorm gestiegen.Die geringen Wasservorräte müssen geteilt werden, Elektrizität, die Schulen und Krankenhäuser, die normalerweise nur die Hälfte der Patienten versorgen können. Die Ressourcen sind limitiert, aber es gibt einen guten Gemeinschaftssinn und den guten Willen der lokalen Regierung zu helfen.

Was erwarten Sie von der Zukunft?

Man darf die Situation im Irak nicht isoliert betrachten. Das Problem endet nicht an den Grenzen des Irak, von Syrien oder auch im Mittleren Osten. Die Situation schafft mehr Fragen als Antworten gegeben werden können. Dennoch: Ich bin mir sicher, dass die IS militärisch besiegt werden kann. Aber wir müssen uns um die Gründe des Konflikts kümmern. IS, Gewalt und Terrorismus sind das Ergebnis vieler Probleme: Das Bildungssystem in diesen Ländern, politische Strukturen, Korruption, Armut. Man kann sehr leicht feststellen, dass die Kriege in den Ländern stattfinden und die Grenzen nicht überschreiten. Über Jahrzehnte gab es im Nahen Osten Kriege zwischen Staaten: Ägypten – Israel, Israel – Syrien, Irak – Iran, Irak – Kuwait. Heute haben wir interne Kriege, die verheerender und zerstörender sind denn je. Im Irak gibt es beispielsweise vier nicht-muslimische Minderheiten: Juden, Jesiden, Mandäer und Christen. Diese Minderheiten gab es schon vor der Existenz des Islam im Irak. Aber allen Kurrikula – von der Hauptschule bis zu Abitur und Universität – gibt es nicht einen einzigen Absatz über deinen Nachbarn, der Mandäer, Jeside oder Christ ist. Dies ist der Grund der Probleme. Wenn man sich nicht kennt, sich nicht versteht und sich nicht begreift, kann man sich auch nicht respektieren. Die Jesiden werden von einigen Muslimen für Teufelsanbeter gehalten. Das ist natürlich nicht wahr, aber für strenggläubige Muslime schafft ist es ein Problem, wenn dein Nachbar als Teufelsanbeter bezeichnet wird.

Wo sehen Sie die Verantwortung der Internationalen Gemeinschaft, speziell der EU, in Fragen von Migration und Flüchtlingspolitik?

Migration ist eines der Resultate der eigentlichen Probleme. Es gibt Menschen, beispielsweise jesidische Frauen und ihre Familien, denen droht in Sklaverei gezwungen und auf den Märkten verkauft zu werden, die eine Chance auf ein neues Leben haben müssen. Aber ich bezweifle, dass irgendein Land letztlich mit all den Folgen umgehen will. Alleine in Kurdistan haben wir über eine Million Flüchtling und Vertriebene. In Syrien, im Libanon gibt es ähnliche Zahlen. Kein anderes Land kann also eine wirkliche Alternative sein. Deshalb müssen wir in erster Linie nach den Ursachen von Flucht fragen.

Vor einem Monat war ich in Brüssel zu einer Diskussion vor dem Europäischen Parlament zum Thema Flucht über das Mittelmeer. Die Europäischen Länder forderten einen Katastrophen-Gipfel. Für mich stellte sich dabei eine wichtige Frage: Warum haben sich die Regierungschefs der Heimatländer der Flüchtlinge bislang nicht getroffen, um zu diskutieren, warum ihre Landsleute die Risiken der Flucht auf sich nehmen? Unsere Länder müssen Verantwortung für ihre eignen Leute übernehmen. 50 Prozent der Iraker leben trotz der vorhandenen Rohstoffe unter der Armutsgrenze – wegen Missmanagement und Korruption. Es gibt kein Gemeinschaftsgefühl, es zählt die Familie, die Abstammung und der Volksstamm, der gerade an der Macht ist. Alle anderen sind Menschen zweiter Klasse.

Welche Rolle kommt der katholischen Kirche in dieser Lage zu? Papst Franziskus hat gerade seine Umwelt-Enzyklika veröffentlicht, die auch menschliche Beziehungen thematisiert.

Die Kirche spielt auf nationaler wie auch internationaler Ebene eine wichtige Rolle. Und sie tut ihr Bestes. Die Kirche im Irak macht selbst deutlich: Weil wir alle in einem Boot sitzen, leben wir zusammen und respektieren einander. Gott sei Dank ist auf internationaler Ebene auch der Papst in dieser Frage sehr klar. Seine Botschaft ist, dass die Religion eine Brücke sein soll, um die Menschen zusammen zu bringen, keine Mauer. Wir haben alle die gleichen Werte, glauben an Frieden und Gemeinsamkeiten. Die Zivilgesellschaft der gemäßigten Muslime sollte aktiver sein, das ebenso zu betonen. Sie betonen hingegen immer wieder, dass die Terrorgruppe IS eine Minderheit ist. Das ist sicher auch so. Aber ich sage:Befreit euch davon, dass die Minderheit die Mehrheit in Beschlag nimmt. Hier sehe ich auch eine Aufgabe der Politik und den Medien in Europa, diese intellektuelle, gemäßigte islamische Gesellschaft zu unterstützen. Am Ende des Tages sind diese unsere Partner in einer globalisierten Welt.

Mehr zur Unterstützungen von Flüchtlingen im Nahen Osten

Bei den jesidischen Flüchtlingen im irakischen Sinjar-Gebirge: Zum Blogbeitrag


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Autor:

Michael Mondry

Michael Mondry arbeitet als Referent in der Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei MISEREOR. Hier ist er unter anderem für das Magazin verantwortlich.

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