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Mexiko: Wo sind unsere Kinder?

… und plötzlich wurde es still im Auditorium des Centro Prodh. Meine Kollegen sowie einige Studenten der Lehrerkräftefachschule von Ayotzinapa reichen sich die Händen und bilden einen Durchgang für die Eltern der 43, vor fast einem Jahr, verschwundenen Studenten.Vivos se los llevaron

Einige Stunden zuvor hatte die von der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte eingesetzte Expertengruppe ihre Ergebnisse zu dem Fall „Ayotzinapa“ vorgestellt.

Am 26. September 2014 „verschwanden“ in der Kreisstadt Iguala, des Bundesstaates Guerrero, Mexiko, 43 Studenten der Lehrerkräftefachschule „Normal Raúl Isidro Burgos de Ayotzinapa“. Sie wurden nach massiven Übergriffen der Polizei von dieser festgenommen und nach Augenzeugenberichten anschließend an die Mafia Organisation „Guerreros Unidos“ übergeben. Man geht davon aus, dass in den Bussen, in welchen sich die Studenten befanden, Geld oder Heroin “geschmuggelt” wurde.

Der unabhängige Bericht der Expertengruppe fasst die Folgen der Geschehnisse vom 24. September 2014 wie folgt zusammen:

  • 6 Personen wurden ‚außergerichtlich hingerichtet‘ – ermordet – darunter 3 Studenten von Ayotzinapa, einer dieser starb an den Folgen von Folter, die beiden anderen wurden erschossen.
  • 3 weitere ‚unbeteiligte‘ Personen kamen ums Leben.
  • Mehr als 40 Personen wurden verletzt (darunter auch einige Schwerverletzte)
  • Um die 80 Personen wurden verfolgt und angegriffen
  • Weitere 30 erlitten lebensgefährliche Angriffe und überlebten
  • Die 43 Studenten von Ayotzinapa wurden Opfer von organisiertem ‚gewaltsamen Verschwindenlassens‘

Ein Jahr ist nun vergangen und die Eltern von Ayotzinapa vermissen ihre Söhne immer noch. Ich stehe hier in der Aula des Centro Prodhs zwischen zahlreiche Medienvertretern und Repräsentanten verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen, als die ersten Eltern von Ayotzinapa die Aula betreten. Sie laufen durch den vorher gebildeten Gang, in den Händen Plakate, die die Gesichter ihrer verschwundenen Kinder zeigen.

Die Aufschrift lautet:

¡Vivos se los llevaron! – Lebend haben Sie sie sich genommen

¡Vivos los queremos! – Lebend wollen wir sie haben

Ich schlucke. „Atme Sonja! Fang jetzt bloss nicht an zu weinen. Beherrsche dich!“

Obwohl ich nun schon seit zwei Wochen im Centro Prodh arbeite und sehr viel über den Fall Ayotzinapa gelesen habe, bekommt in diesem Moment, in welchem ich in die traurigen, erschöpften Gesichter der Eltern von Ayotzinapa blicke, die Straflosigkeit, Korruption und das organisierte Verbrechen Mexikos, ein klares Gesicht für mich. Ein ganzes Jahr haben diese Eltern tapfer und unermüdlich um Gerechtigkeit gekämpft – leider vergebens, denn die Expertengruppe kommunizierte an diesem Sonntagvormittag folgende Ergebnisse:

Die Ausage von Seiten der Regierung, dass die Studenten in einer lokalen Mülldeponie in Cocula verbrannt wurden, ist wissenschaftlich nicht haltbar, also falsch. Außerdem hatte die Regierung anfangs abgestritten, dass staatliche Akteure in den Fall verwickelt waren. Die Expertengruppe bestätigte jedoch, dass die Polizisten der Stadt, des Bundesstaates sowie die nationale Polizei und das Militär in den Fall verwickelt waren. Beweismaterial wurde vorsätzlich zerstört und bevor die Expertengruppe Beweise an verschiedenen Orten sichern durfte, wurden die Gebiete von Regierungsseite untersucht. Die Identität der Studenten war ebenfalls klar und somit kann eine Verwechslung mit einer anderen Personengruppe, wie von Seiten der Regierung anfangs kommuniziert wurde, ebenfalls ausgeschlossen werden. Darüber hinaus bot die mexikanische Regierung den Eltern der verschwundenen Stuenten von Ayotzinapa 62.000 US-Dollar, damit sie die öffentliche Suche nach ihren Söhnen und den Kampf um Gerechtigkeit einstellen.

¡Vivos se los llevaron!

Die Elter von Ayotzinapa haben auf dem Podium der Aula Platz genommen und stimmen zusammen an ¡Vivos se los llevaron! Der ganze Raum erwidert ¡Vivos los queremos! –Gänsehaut. Stille. Ich streife mir mit meinem Ärmel meine ersten Tränen von der Wange.

Die Mutter eines Studenten ergreift das Wort. Sie betont, dass sie keine Lügen von Seiten der Regierung mehr akzeptieren werden. Die Eltern von Ayotzinapa bestätigen, dass sie damit gerechnet hatten, dass die Aussagen der Regierung nicht der Wahrheit entsprechen. Ein Vater eines anderen Studenten ergänzt “somos humildes pero no somos pendejos” – „Wir sind bescheiden, ärmlich, aber keine Trottel (nicht dumm)“. Eine andere Mutter erklärt, dass sie nicht viel hatten, aber trotzdem glückliche Familien waren bis die Ereignisse am 24. September vergangenen Jahres ihre Herzen gebrochen haben. Sie zeigen sich bereit weiter zu kämpfen und fordern Gerechtigkeit, nicht nur für ihre verschwundenen Kinder, sondern auch für die zurzeit 26000 vermissten Personen in Mexiko. Die Eltern der verschwundenen Studenten fordern an diesem Sonntagnachmittag eine Fortsetzung der Suche nach ihren Söhnen mit Hilfe der beauftragten Expertengruppe, sowie eine Audienz mit dem mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto. Sie haben keine Angst, sagen sie, denn das Liebste, was sie in ihrem Leben hatten, wurde ihnen genommen.

Die Pressekonferenz endet und nach und nach leert sich die Aula. Kurz bevor ich mich von meinen Kollegen verabschiede, fragen mich diese, wie es mir bezüglich der Pressekonferenz geht. Ich antworte: „Fue muy fuerte, pero todo bien, estoy bien“ – „Es war wirklich sehr hart, aber alles gut, mir geht es gut“. Umarmungen, ein „descansa, nos vemos mañana“ und ich verlasse das Centro Prodh.

Mittlerweile ist es schon spät. Ich stehe an der Bushaltestelle und warte auf den Bus, der mich nach Hause bringt. Wie ich mich fühle? Leer. Einfach nur leer. Die Straßen sind verlassen, es ist kalt und dunkel und es regnet in Strömen.

– Weltuntergangsstimmung –

Ich atme tief ein und aus.

Es scheint als würde Mexiko um seine 43 vermissten Studenten weinen.

Autor:

Ich bin 23, komme aus Speyer und werde für die nächsten 10 Monate das Menschenrechtszentrum Centro Prodh, Centro de Derechos Humanos Miguel Augustín Pro Juáres A.C. in Mexiko-Stadt, Mexiko, im Rahmen meines Freiwilligendienstes, unterstützen. Das Centro Prodh in Mexiko-Stadt ist eine lokale NGO mit beratendem Status vor dem sozialen- und ökonomischen Rat der Vereinten Nationen und setzt sich für die Verteidigung und Förderung der Menschenrechte von Individuen und Gruppen in Mexiko ein. Dabei verfolgt das Zentrum stets das Ziel eine gerechte und demokratische Gesellschaft, in der alle Menschenrechte ausnahmslos respektiert werden, aktiv zu gestalten. Das Centro PRODH bietet Schulungen und Seminare für Menschenrechtsaktivisten in Mexiko an und unterstützt diese dadurch auf professionelle Art und Weise.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Oh Mann Sonja. Das kommt mir fast vor, als wäre ich auch dabei gewesen, so toll hast du das beschrieben. Es ist einfach unglaublich, was da passiert und passiert ist. Man muss sich das einfach mal hier vorstellen: Da geht meine Tochter in Aachen zusammen mit anderen Studierenden auf eine Demo und auf einmal sind ganz viele davon einfach WEG. Und mein Kind auch. Keiner weiß was. Keiner hilft. So etwas ist für Eltern einfach unfassbar. Ich leide mich diesen Menschen mit, denn ich kann ihre Verzweiflung und ihren Schmerz nachvollziehen. Danke, dass du uns daran erinnerst. Man vergisst viele Tragödien einfach wieder …

    LG aus Aachen, Uta

  2. Liebe Sonja,

    dein Bericht ist unglaublich packend und traurig! Die Zweifel an der Menschlichkeit und die so offensichtliche Grausamkeit lassen einem wirklich kaum Luft zum atmen.
    Mir fehlen die Worte…

    Dennoch wünsche ich dir, dass du auch stärkene Erlebnisse haben wirst, die dir ebenso die Sprache verschlagen – nur eben im positiven Sinne! (:

    Ganz liebe Grüße aus Thailand,
    Melissa

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