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Vom Phänomen der akuten Schreibratlosigkeit

5.09.2015: Ich sitze vor meinem Computer und beobachte mit leicht zur Seite geneigtem Kopf den Curser, der auf dem weißen Dokument erwartungsvoll blinkt. Doch was soll ich schreiben? Ich könnte einfach all die Fragen beantworten, die mich von allen Seiten erreichen: Wie geht es dir? Was machst du so? Ist es so, wie du dir das alles vorgestellt hast?Blog  4. eine Ratlose janilaIch setze zum Schreiben an, lese meinen Text dann erneut und stelle fest, dass für jemanden, der nicht hier in Timor ist, meine Antworten auf die Fragen wohl kaum zu verstehen sind. Viel zu wirr, viel zu viel und viel zu anders, als es eigentlich wirklich ist, habe ich es beschrieben.

Ich seufze und lösche also meine Worte wieder, als mich plötzlich Hufgeklapper aus meinen Gedanken reißt. Unser Pferd mal wieder – das eigentlich überhaupt nicht uns gehört, sondern lediglich in unserem Garten und auf unserem Hof herumläuft und nach Futter sowie Wasser sucht, scheint mal wieder zu Besuch gekommen zu sein. Ich stehe auf und blicke durch die Gardine aus dem Fenster. Ja, dort steht es. Klein, dünn und mit einem ziemlich kurzen Schweif. Ich setze mich wieder, schüttele den Kopf und beschließe zur Abwechslung mal praktisch zu denken.

Es sind viel zu viele Dinge, die hier neu und anders sind für mich, als das ich von allem erzählen könnte. Aber deswegen einfach gar nichts zu erzählen, das will ich auch nicht. Lieber sende ich kleine timoresische Puzzleteile von meinem Leben und der Arbeit hier nach Hause und hoffe einfach, dass sie sich schon zusammenfügen werden. Vielleicht geben sie ja am Ende dann doch ein ganz passables Bild ab von dem, was ich hier erlebe.

Als ich jetzt draußen unsere Eimer umfallen höre und Jacky, unser Hund, bellend aufspringt, um es mit dem randalierenden Pferd aufzunehmen, muss ich grinsen. Ein Pferd, ein Hund und fertig ist das erste Puzzleteil.

08.09.2015: Auf geht’s mit dem Partybus

Blog 4. Microlet 2Eine wirklich unterhaltsame und interessante Sache hier ist eine Fahrt mit dem Bus, Mikrolet genannt. Diese sind nicht sonderlich groß und ähneln in ihrem Aussehen alten VW-Bussen. Von außen sind sie unterschiedlich farbig, was Hinweis auf ihre Fahrtrichtung sein kann, aber nicht muss und sie sind beklebt mit allerlei Bildern, Fahnen oder Schriftzügen. Da ist von FC Barcelona-Flaggen über Germany-Schriftzügen bis hin zu Justin-Biber-Portraits für jeden Geschmack etwas dabei.

Der Fahrer, und zwangsweise alle seine Insassen ebenfalls, hören während der Fahrt, je nach des Fahrers Vorliebe, indische, timoresische und auch englische Musik in mehr oder weniger großer Lautstärke und mit mehr oder weniger unglaublichem Bass. Unsere beiden Vorgängerinnen hier in Timor haben sie „Partybusse“ getauft und das beschreibt die Atmosphäre in diesen Bussen eigentlich nicht schlecht.

Microlets fahren nach keinem bestimmten Fahrplan, aber jedes Auto hat eine feste Strecke. Ich stelle mich also einfach an die Straße und warte, bis eins vorbeikommt. Das dauert für gewöhnlich nicht sonderlich lang. Die Fahrer haben ein sehr gutes Auge dafür, wer mitfahren möchte oder nicht und meist bedarf es nicht einmal einer kurzen Handbewegung, um das herannahende Auto anzuhalten.

Zuerst springen einige Jungen ab, die stehend auf den Stufen vor der Tür mitfahren und sich an der immer offenen Tür festhalten. Im Inneren gibt es variabel Platz für ein bis zu rund 20 Personen. Ich ziehe den Kopf ein und steige als Frau ins Innere des Wagens ein. Ich stolpere etwas unbeholfen über einige Plastiktüten nach hinten und setze mich schließlich auf eine der beiden sich gegenüberstehenden Bänke. Die anderen Fahrgäste rutschen bereitwillig zusammen – immer Richtung Tür.

Dann geht die Fahrt weiter – die Tür steht dabei immer offen und es steigen noch einige Schulkinder zu, die sich – als schließlich doch etwas Platzmangel aufkommt – einfach bei den anderen Fahrgästen auf den Schoß setzen. Auf dem vorderen Sitz scherzen zwei Männer mit dem Fahrer. Dieser lotst sein Auto durch den Verkehr. Dabei bleibt ihm allerdings nur ein verhältnismäßig kleines Sichtfenster in mitten einer ganzen Armee Kuscheltiere, verschiedener Flaggen und einiger Schlüsselanhänger, die alle an, über und unter der Frontscheibe angebracht sind.

Wir fahren im Linksverkehr quer durch die Stadt, werden von einigen Motorrädern überholt und machen einem entgegenkommenden Lastwagen Platz. Die Häuser fliegen vorbei. Ich sehe die Kirche, die Bank und schließlich geht es ordentlich bergab.

Wenn dann die Treppe zum CTID, meinem Arbeitsplatz, in Sicht kommt, wird es für mich Zeit anzudeuten, dass ich aussteigen will. Dazu krame ich nun in meinen Taschen, finde schließlich eine 25 Cent-Münze und klopfe kurz gegen die metallene Haltestange über meinem Kopf. Eigentlich ist es unglaublich, doch trotz Musik, Straßenlärm und meinem Platz ganz hinten im Microlet, verlangsamt dieses sein Tempo und kommt direkt vor der richtigen Einfahrt zum Stehen. Ich stehe auf, schiebe mich gebückt mit eingezogenem Kopf zur Tür vor und hüpfe auf den Gehsteig. Schnell drücke ich dem Beifahrer meine Münze in Hand, der sie an den Fahrer weiterreicht. Und schon fährt der Bus weiter.

Ich habe noch nie mitbekommen, dass auch nur ein Fahrgast hätte zweimal klopfen müssen oder gar zu weit gefahren worden wäre. Manchmal sitze ich genau daneben und höre das metallene Kling-Kling nicht, doch die Fahrer tun es immer. Das beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue.

Autor:

Ich bin 18 Jahre alt, komme aus Hemslingen in Niedersachsen und werde im Projekt CTID der Canossianerinnen in Timor-Leste arbeiten, einem Ausbildungszentrum für Mädchen und junge Frauen. Die Schülerinnen werden dort ein Jahr lang auf das Berufsleben vorbereitet und auch die Stärkung ihrer Persönlichkeit ist ein Fokus in der Arbeit des Zentrums. Beim MISEREOR Freiwilligendienst mache ich mit, weil ich neugierig bin und die Welt einmal aus einer anderen Perspektive betrachten möchte.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Janila,
    tja, ich muss schon sagen, ich hätte jetzt auch gedacht, dass das ein privates Auto ist und ich finde, Partybus trifft es wirklich gut. Wenn ich so lese, wie das da abläuft, dann frage ich mich, warum eine Busfahrt hier bei uns oft so stressig ist. Dabei sind viel weniger Leute im Bus. Und man darf nur an vorgegebenen Haltestellen aussteigen. Manchmal würde uns so ein bisschen timoresische Lässigkeit wirklich gut tun …
    Ich freue mich auf weitere Puzzlebausteine von dir.

    LG aus Aachen, Uta

    PS: Von einem randalierenden Pferd hatte ich auch noch nie was gehört … :-))))

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