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Osttimor: Du bist schwarz und ich bin weiß

Wir sitzen zu fünft am Küchentisch und betrachten äußerst kritisch und peinlich genau die Resultate eines gelungenen Strandausflugs. Sehr schön, Leonie und ich sind etwas braun geworden, stelle ich stolz fest. Nicht braun, eher rot, wirft Betty ein. Ich runzle die Stirn. Naja, für mich geht das als Bräune durch. Schließlich ist kein sonnenbrandkrebsrot in Sicht. Aber Leonie mehr als du, wirft Rosita ein. Ich seufze. Stimmt. Sie mehr als ich. Mit der Hautfarbe ist es wirklich eine Sache für sich – und für mich jetzt mehr als je zuvor.Du bist weiß und ich bin schwarz

Es fühlt sich an, als begäbe ich mich auf ganz dünnes Eis so darüber zu schreiben und Fettnäpfchen, Faux-pas und Rassismus lauern hinter nahezu jedem Satzzeichen. In unserer modernen und globalisierten Welt ist schließlich geklärt und offensichtlich, dass die Hautfarbe nun aber wirklich überhaupt keinen Unterschied mehr macht. Alle sind gleich, ganz egal ob schwarz, weiß, pink oder lila. Soweit die Theorie.

Aus Respekt sagen wir gar nicht erst schwarz oder braun, sondern allerhöchstens dunkelhäutig oder noch korrekter: maximalpigmentiert. Da wird Pippi Langstrumpfs Negerkönig dann zum Südseekönig umgeschrieben und schwupp die wupp ist die Diskriminierung beendet. – Oder?

Doch dann komme ich nach Timor und man könnte sagen, Timor macht es genau umgekehrt als Deutschland: Hier wird nicht sonderlich einfühlsam umschreiben, umständlich erklären oder einfach betreten weggesehen, falls eine peinliche Situation auftritt – hier wird ausgesprochen.

Beinahe jedes Mal, wenn ich auf die Straße gehe, werde ich aufgeregt mit „Malai“ gerufen. Oftmals steckt ein gewisser Schalk dahinter. Kinder laufen uns nach oder einige Frauen stellen fest, dass wir für Malais ziemlich klein sind. Meine Reaktion wird schon beobachtet und mal mit einer Bemerkung, mal mit einem Lächeln quittiert. Manchmal sage ich etwas lustiges, manchmal einfach „Danke“ oder auch nichts. Doch auch wenn jemand so über uns spricht, sind wir im Allgemeinen oft die „Malai“. Was das Wort bedeutet? Ausländer natürlich.

Es bringt mich immer zum schmunzeln, wenn ich mir die gleiche Szene mit einem Timoresen in Deutschland vorstelle. Jemanden offen auf der Straße oder im Gespräch Ausländer zu rufen, anstatt bei seinen Namen ist wohl die Spitze der Unhöflichkeit und Diskriminierung pur. Denn woran erkenne ich denn hier den Ausländer wohl? Richtig, an seiner Hautfarbe.

Wenn ich erzähle, dass Millionen Menschen in Deutschland jedes Jahr tagelang in der Sonne brutzeln, nur um eine leichte Bräune mit zuweilen auch roten Flecken zu erlangen, lachen die Timoresen nur. Ja, schon, natürlich sind wir uns alle nämlich dann doch wieder ähnlich, obwohl du weiß bist und ich schwarz. Das ist jetzt aber kein Problem, oder? Nein, wir zusammen mit unseren Freunden haben einfach unseren Spaß damit.

Es war für mich überraschend und neu, wie offen und klar über die Hautfarbe geredet wird und wie aber auch gleich eine Wertung darin mitschwingt: Weiß ist schön, Schwarz normal, durchschnittlich. Wie oft höre ich Bemerkungen, die in diese Richtung gehen! Ist das nun rassistisch? Diskriminieren sich die Timoresen selbst oder uns oder alle oder was? Es ist also nicht gut, solche Dinge auszusprechen?

Auf diese Fragen kann ich noch nicht recht eine Antwort finden. Es ist sicherlich etwas anderes, wenn wir Witze über Sonnencreme machen, die einfach alle zu weißen Malai macht, als wenn uns gesagt wird, Weiße sind Gott ähnlicher als Schwarze. Da hört aller Witz schließlich doch auf und ich protestiere – wenn auch mit wenig Aussicht auf Erfolg. Doch im Allgemeinen zählt für mich nicht mehr, was gesagt wird. Wenn ich den Leuten ins Gesicht sehe, dann lerne ich zu sehen, wie es gemeint ist. Und was angebracht ist als Erwiderung.

 

Autor:

Ich bin 18 Jahre alt, komme aus Hemslingen in Niedersachsen und werde im Projekt CTID der Canossianerinnen in Timor-Leste arbeiten, einem Ausbildungszentrum für Mädchen und junge Frauen. Die Schülerinnen werden dort ein Jahr lang auf das Berufsleben vorbereitet und auch die Stärkung ihrer Persönlichkeit ist ein Fokus in der Arbeit des Zentrums. Beim MISEREOR Freiwilligendienst mache ich mit, weil ich neugierig bin und die Welt einmal aus einer anderen Perspektive betrachten möchte.

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