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Ein Meer aus Blumen für Mexikos Verstorbene

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In einer einzigartigen und faszinierenden Weise gedenken Mexikaner ihren Verstorbenen.

2. November 2015, Mexiko-Stadt, Mexiko

„Und am Tag der Toten, bedeckt mein Grab mit Blumen, errichtet einen Altar mit meinen Lieblingsgerichten, Mezcal und Zigratten. Gedenkt Meiner tanzend und lachend und lasst Musiker meine Lieblingslieder spielen.“ Guendanabani – La última palabra

Sonnenschein, lachende Kinder, Musik und ein Meer aus Blumen. Blumen in allen Farben, wohin das Auge reicht und der Himmel trägt die Farbe des Meeres. Die Grabsteine sind vor lauter Blumen kaum zu sehen und selbst der Boden ist mit bunten Blüten bedeckt.

Ein wirklich atemberaubend schöner Friedhof. Wir spazieren zwischen den Gräbern entlang und ich lasse meinen Gedanken freien Lauf. „Weisst du, Liebes“ ,versuche ich Jessi zu erklären, „für mich fühlt es sich nicht so an, als würden wir uns auf einem Friedhof befinden.“ Jessi ist Mexikanerin und obwohl sie noch nie einen Friedhof in Deutschland besucht hatte, lächelt sie, als würde sie mich verstehen. Die Sonne scheint uns ins Gesicht. Wir beobachten wie Familien die Gräber Ihrer Liebsten schmücken. Jede einzelne Blüte wir sorgfältig zurechtgelegt, dabei unterhalten sich die Familienmitglieder, sie lachen und essen. Andere Personen, darunter viele Kinder, haben sich ihre Gesicher bemalt, sodass man nun in die Gesichter bunter, fröhlicher Totenköpfe schaut, die zwischen den Gräbern herumtollen. Die Blütenbilder auf den Gräbern stellen Kreuze, Herzen und lächelnde Totenköpfe dar und die Blumensträusse stehen in Milch- und Ketchupdosen, doch selbst diese erfüllen ihren Part in diesem paradiesischen Ambiente.

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Diese einzigartige und faszinierende Art und Weise seiner Verstorbenen zu gedenken spiegelt die Lebensfreude, Warmherzigkeit aber auch den tiefen Glauben der Mexikaner wieder. Nicht nur auf den Friedhöfen gedenkt man den Verstorbenen im Rahmen dieser, für mich persönlich sehr surrealen, zauberhaften Feier. In den Häusern und Wohnungen bauen Familien Altare auf, die sie mit den Lieblingsspeisen und -getränken der Verstorbenen, Süssigkeiten, Kerzen und allem was diesen lieb war sowie zahlreichen Blumen beschmücken.

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Man sagt, dass die Verstorbenen an diesen Tagen (1. & 2. November) ihre Familien besuchen und diese tanzend und lachend mit der ganzen Familie verbringen werden. Es ist eine einzige große Feier. In den Stadtzentren sowie in den kleineren Dörfern und den Gemeinschaften der indigenen Bevölkerung finden außerdem Kulturveranstaltungen wie Musik- und Theateraufführungen oder Ausstellungen statt.

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Verkleidete Personen, noch mehr Blumen sowie bunte Papiergirlanden schmücken die Gebäude und Räumlichkeiten, Stände an allen Ecken verkaufen Pan de muertos – Brot der Toten (ein Hefegebäck, welches mit Zucker besträut wird) sowie Totenköpfe aus Zucker oder Schokolade, verziert mit bunten Zuckerfarben.

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Eine wunderschöne Tradition, die den wichtigsten Nationalfeiertag des Landes darstellt, da die Familien und Freunde schon Wochen zuvor mit den Vorbereitungen für den Besuch ihrer Liebsten beginnen. Ich stelle mir für einen kurzen Augenblick einen Friedhof in Deutschland vor, auf dem Menschen singen, tanzen, picknicken und lachen. Schmunzelnd verwerfe ich den Gedanken wieder. Diese freudige, mit Liebe erfüllte Interpretation des Todes wäre wahrscheinlich doch zu viel des Guten für unsere engstirnige, zivilisierte Gesellschaft. Schade eigentlich…

Hier in Mexiko sagt man, dass man erst Tod ist, wenn man vergessen wird. Das Meer von Blumen auf dem Friedhof hat mir jedoch bewiesen, dass die Mexikaner ihre Liebsten nicht so schnell vergessen. Diese können in der Nacht vom 2. November gut gesättigt und mit schönen Erinnerungen wieder in ihr Universum reisen – glücklich und zufrieden, ihre Familien singend, tanzend und lachend – nicht weinend oder trauernd – gesehen zu haben.

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Tag der Toten in Mexiko und ich verspüre nichts außer Freude und Liebe….denn was uns am Ende des Tages mit unseren Liebsten verbindet ist nicht die Trauer, die wir verspüren oder die Tränen, die wir weinen…

Was uns am Ende verbindet ist einzig und allein die Liebe.

Autor:

Ich bin 23, komme aus Speyer und werde für die nächsten 10 Monate das Menschenrechtszentrum Centro Prodh, Centro de Derechos Humanos Miguel Augustín Pro Juáres A.C. in Mexiko-Stadt, Mexiko, im Rahmen meines Freiwilligendienstes, unterstützen. Das Centro Prodh in Mexiko-Stadt ist eine lokale NGO mit beratendem Status vor dem sozialen- und ökonomischen Rat der Vereinten Nationen und setzt sich für die Verteidigung und Förderung der Menschenrechte von Individuen und Gruppen in Mexiko ein. Dabei verfolgt das Zentrum stets das Ziel eine gerechte und demokratische Gesellschaft, in der alle Menschenrechte ausnahmslos respektiert werden, aktiv zu gestalten. Das Centro PRODH bietet Schulungen und Seminare für Menschenrechtsaktivisten in Mexiko an und unterstützt diese dadurch auf professionelle Art und Weise.

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