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Mexiko: 15 000 für die 43 …Ayotzinapa lebt!

Eins, zwei, drei, vier, fünf – unglücklicherweise hat uns Google Maps in die falsche Richtung geführt. Der vereinbarte Treffpunkt war der Palast des mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto, wir befinden uns jedoch in einem anderen Stadtteil. Dieser wirkt sehr verlassen und bescheiden. Außerdem findet mein Blick keine weiteren Personen mit Ayotzinapa T-Shirts, Buttons oder Plakaten, wie wir sie tragen. Mexiko_15000 für 43 2

Sechs, sieben, acht, neun, zehn – vorsichtig frage ich Jessi, ob sie sicher sei, dass der mexikanische Präsident in solch einer Gegend wohnen würde. Sie ist ratlos, wir folgen dem GPS bis wir an einer ganz normalen Kreuzung unser Ziel angeblich erreicht haben. Es ist 11:50 Uhr, wir befinden uns am anderen Ende der Stadt und die Demonstration startet um 12 Uhr.

Elf, zwölf, dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechszehn – wir bestellen einen Uber (Eine Art Taxi, welches man mit Hilfe einer Online-Applikation bestellt) mit dem Ziel des Präsidentenpalastes. Kurz vor dem Ziel stockt der Verkehr. Die Autos werden wegen der Demonstration umgeleitet. Meine Kollegen des Centro Prodhs hatten schon angerufen, um sich zu vergewissern, wo wir uns befinden. Wir steigen aus dem Uber aus und versuchen laufend schneller an unser Ziel zu kommen. Als wir das Ende der Schlange von Demonstranten erreichen halten wir kurz inne –

siebzehn, achtzehn, neunzehn – vor uns befinden sich um die 15 000 Personen. Ich wiederhole 15 000 Personen! Obwohl ich dachte, dass ich mich mittlerweile an die unglaublichen Menschenschmassen in dieser gigantischen Stadt gewöhnt habe, überwältigt mich dieser Anblick. Sie sind gekommen, um für die 43, vor genau einem Jahr verschwundenen Studenten von Ayotzinapa, zu demonstrieren, dafür, dass es immer noch keine Klarheit über die Geschehnisse vom 26. September 2014 gibt, gegen die Beteiligung des Staatsapparates an den Ereignissen und die schleppenden, verfälschten Ermittlungen der mexikanischen Regierung sowie gegen die allgemeine Straflosigkeit in Mexiko.Mexiko_15000 für 43 3

Zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig – wir beschließen zu rennen, um meine Kollegen, die sich im vorderen Teil der Menschenmenge befinden, einzuholen. Der Weg führt uns vorbei an schwarz gefärbten mexikanischen Flaggen, zahlreichen Plakaten mit Aufschriften wie, „Wo sind unsere Kinder“ „Ayotzinapa lebt“ „Ihr seid nicht alleine“ „Es war Peña“, Fotos der Gesichter der vermissten Studenten und der Zahl „43“, die als Symbol für diese sowie für die zurzeit 26 000 vermissten Personen in Mexiko dient, und tausenden von Menschen.

Siebenundzwanzig, achtundzwanzig, neunundzwanzig – da ich seit meiner Ankunft in Mexiko allgemeines Desinteresse der Gesellschaft für diese „unschönen“ Themen wahrnehmen konnte, bin ich nun umso erleichterter, dass die Demonstration solch ein Ausmass annimmt.Mexiko_15000 für 43 1

Meine Kollegen befinden sich direkt hinter den Eltern von Ayotzinapa. Wir schließen uns ihnen an und erhalten Plakate mit der Aufschrift „Donde estan nuestros hijos“- “Wo sind unsere Kinder”, welche wir in die Luft halten.
Dreißig, einunddreißig, zweiunddreißig, dreiunddreißig, vierunddreißig, fünfunddreißig, sechsunddreißig – an beiden Seiten der marschierenden Demonstranten haben sich Menschen zusammengefunden, um den Eltern Beistand zu leisten und die Demonstrierenden zu unterstützen. Sie rufen „No están solos“ -“Ihr seid nicht alleine”, und halten ebenfalls Plakate oder Fotos in ihren Händen. Familien, Pärchen, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, ältere Personen – manche weinen, manche beteiligen sich an den Rufen, andere wirken nachdenklich, traurig. Allgemein herrscht jedoch eine sehr friedliche Atmosphäre, es scheint als würde die Tatsache, dass all diese Menschen aus ein und demselben Grund an dieser Demonstration teilnehmen, diese verbinden.YouTube Preview Image

Siebenunddreißig, achtunddreißig – während der Demonstration wird mir bewusst wie wichtig es ist hier zu sein, wie wichtig es ist, dass jede einzelne dieser 15 000 Personen heute erschienen ist, um Solidarität zu zeigen, in dem Bewusstsein, dass dieses Schicksal jeden Einzelnen von uns treffen könnte, da das gewaltsame Verschwindenlassen eine traurige Realität in Mexiko darstellt, welche tagtäglich Opfer fordert. Ich bin dankbar hier sein zu dürfen und zu sehen wie all diese Menschen sich für die Schicksale der 43 Studenten von Ayotzinapa einsetzen, Mitgefühl und Unterstützung zeigen und obwohl nun schon ein Jahr vergangen ist, nicht aufgeben Gerechtigkeit einzufordern. Meine Gedanken sind bei den 43 jungen Männern, deren Schicksale Mexiko bewegen, in der Hoffnung, dass diese, wo auch immer sie sein mögen, fühlen, dass sie nicht alleine sind.Mexiko_15000 für 43

Neununddreißig, vierzig – am Zocalo angekommen besteigen die Eltern von Ayotzinapa eine für sie aufgebaute Bühne und halten eine Rede, in der sie bestätigen, dass die den Kampf um ihre Söhne nicht aufgeben werden. Es hat angefangen zu regnen und der Zocalo füllt sich mit bunten Regenschirmen. Ein junger Mann, der wenige Meter von mit entfernt steht, schenkt mir ein Lächeln, welches ich erwidere. Er kommt auf mich zu und stellt sich zu mir. Zusammen hören wir den Eltern von Ayotzinapa zu, in der Hoffnung, dass sie ihre Söhne bald wieder in ihre Arme schließen können. Wir schließen uns den Rufen der Masse an:

Einundvierzig, zweiundvierzig, dreiundvierzig – Gerechtigkeit! ...und ich spüre wie Ayotzinapa in jedem einzelnen dieser Menschen lebt.

Autor:

Ich bin 23, komme aus Speyer und werde für die nächsten 10 Monate das Menschenrechtszentrum Centro Prodh, Centro de Derechos Humanos Miguel Augustín Pro Juáres A.C. in Mexiko-Stadt, Mexiko, im Rahmen meines Freiwilligendienstes, unterstützen. Das Centro Prodh in Mexiko-Stadt ist eine lokale NGO mit beratendem Status vor dem sozialen- und ökonomischen Rat der Vereinten Nationen und setzt sich für die Verteidigung und Förderung der Menschenrechte von Individuen und Gruppen in Mexiko ein. Dabei verfolgt das Zentrum stets das Ziel eine gerechte und demokratische Gesellschaft, in der alle Menschenrechte ausnahmslos respektiert werden, aktiv zu gestalten. Das Centro PRODH bietet Schulungen und Seminare für Menschenrechtsaktivisten in Mexiko an und unterstützt diese dadurch auf professionelle Art und Weise.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Sonja,
    ich kann mich nur anschließen: Ein toll geschriebener Beitrag. Und so wichtig. Es ist wirklich unglaublich, dass so viele Menschen demonstriert haben. Man hat doch immer das Gefühl: Schlagzeile von gestern, heute vergessen. Es ist ein wichtiges Zeichen für die mexikanische Regierung, dass die Menschen eben nicht vergessen und es nicht egal ist, was passiert. Und ein ganz wichtiges Zeichen für die Eltern der 43. Gut, dass ihr alle da wart!
    LG, Uta

  2. Liebe Sonja,
    ich lese deine Berichte mit großem Interesse. Du schreibst sehr ergreifend und packend. Wie gut und wichtig für die Angehörigen der 43 verschwundenen Studenten, dass 15.000 Menschen dafür auf die Straße gehen. Ich bin beeindruckt von eurer Arbeit und wünsche euch weiterhin viel Mut, langen Atem und Erfolge!

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