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Indiens Milchmarkt: Im Wettkampf um den Kunden

Verlierer der Milchmarktpolitik sind, so zeigt die aktuelle Debatte, alle Landwirte – weltweit. Die MISEREOR-Partnerorganisation „The Food Sovereignity Alliance“ (FSA) in Indien informiert seit Anfang des Jahres immer wieder indische Landwirte und Verbraucher über die Folgen einer exportorientierten Agrar- und Handelspolitik und den wachsenden Einfluss von Großkonzernen in der Milchindustrie.

Kleine Milchproduzenten versorgen in Indien rund 90 Prozent des Milchmarktes. © MISEREOR

Kleine Milchproduzenten versorgen in Indien rund 90 Prozent des Milchmarktes. © MISEREOR

Im Oktober traf sich die Allianz mit anderen Organisationen wie dem „South Indian Coordination Committee of Farmers’ Movements“ (SICCFM) und dem “Tamil Nadu Women’s Collective” in Chennai im indischen Bundesstaat Tamil Nadu, um über die anhaltende Milchkrise, den Umbruch im indischen Milchsektor und dessen Folgen für Kleinproduzentinnen und -produzenten, den sogenannten „unsichtbaren“ Milchlieferanten, zu sprechen.

Denn: Gerade Indien ist für seine Tradition dezentraler Milchproduktion bekannt. Auf dem Land als auch in Städten produzieren Milchviehhalterfamilien Milch, Joghurt, Butter und Buttermilch für die lokalen Märkte. Mit ihrer Milch versorgen sie rund 90 Prozent des indischen Milchmarktes. In ärmeren Haushalten tragen einzelne Milchkühe bedeutend zur Ernährung und zur Sicherung des Einkommens der Familien bei. Ein Beispiel sind die Maldhari-Hirten aus Maharashtra: Weitgehend „unsichtbar“ für staatliche Behörden produzieren sie hochwertige Frischmilch zu vergleichsweise geringen Preisen. Die Maldharis sind mit ihrer Umwelt ein ausgeklügeltes Beziehungssystem eingegangen – sie kaufen Rückstände aus der Zucker- und Popkornindustrie, um ihre Tiere zu füttern, und verkaufen ihre Milch an lokale Teestände vor Fabriken, an Süßwarenläden oder direkt an der Haustür.

Ein Milchmarkt im Umbruch

Doch die dezentrale Versorgung des indischen Milchmarktes ist zunehmend in Gefahr: Eingeleitet durch Reformen im Rahmen der WTO-Beitrittsverhandlungen im Jahr 1992 wird die staatliche Kontrolle des Molkereisektors zum Schutz von Kooperativen zunehmend aufgehoben. Die staatliche Privatisierung von Bereichen wie Züchtung, Futterlieferung und Veterinärversorgung erzeugt zudem hohe Produktionskosten, die viele ärmere Tierhalter nicht mehr aufbringen können. Die zunehmende Vermarktung abgepackter Milch in Supermärkten verdrängt schleichend die ursprünglich in Indien bevorzugte Büffelmilch von Kleinbauern und Hirten, hohe Hygienestandards stellen weitere Barrieren dar.

“Zwischen Kooperativen und privaten Molkereien ist im Wettbewerb um Kunden ein Preiskampf ausgebrochen“, erklärt Sagari Ramdas, Gründerin der FSA während des Treffens. Vor allem in städtischen Gebieten würden sich die Unternehmen mit den Milchpreisen zunehmend unterbieten; Abnahmepreise weit unter den Produktionskosten trieben Kleinproduzentinnen und -produzenten immer tiefer in die Schulden.Um die niedrigen Ankaufspreise zu kompensieren, werben indische Molkereiberatungsdienste für Produktivitätssteigerungen, doch nur wenige Milchviehhalter können sich die damit verbundenen höheren Produktionskosten leisten oder das Risiko tragen. Die Maxime „wachse oder weiche“ hat damit auch Indiens Milchsektor erreicht. „Indische Kleinbauern, das Rückgrat unserer Milchwirtschaft, werden am schwersten getroffen – sie tragen die Folgen des Strukturwandels im indischen Milchsektor“, so Ramdas.


Zur Food Sovereignity Alliance

Die MISEREOR-Partnerorganisation Food Sovereignty Alliance wurde 2013 als Austausch-Plattform für Lebensmittelproduzenten und Verbraucher gegründet mit dem Ziel, Pläne zur Sicherung der Ernährungssouveränität auf lokaler Ebene zu verankern: Einerseits, um eine zukunftsfähige, vielfältige und gerechte Landwirtschaft zu fördern und andererseits, um gemeinsam mit verantwortungsbewussten Konsumenten die Kontrolle über das eigene Ernährungssystem zurück zu gewinnen. Beim jährlichen „Ernährungsgipfel“ des indischen Netzwerkes stehen Themen wie Biotechnologie, traditionelle Saatgutvielfalt oder die Ausweitung industrieller Landwirtschaft auf dem Programm – 2015 ging es vor allem um Landrechtsfragen im Zusammenhang mit der Ernährungsindustrie.

Weitere Informationen:

MISEREOR-Konferenz zum Thema „Genug? Gerecht? Gesund? Globale Agrarmärkte und die Zukunft lokaler Ernährungssysteme“ am 26. November 2015 in Berlin

Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Auch in Deutschland haben sehr viele Milchbauern aufgeben müssen, weil durch den Milchpreis im Prinzip nur noch Großbauern (Großkonzerne) reelle Gewinnchancen haben. Ganz nach der Devise: je größer, desto besser, Fraglich ist, wie man hier wirklich eingreifen kann. Mit einer Mindestpreisbindung eventuell? Mit Subventionen? Verbraucher können allerdings auch direkt bei einzelnen Milchbauern in ihrer Umgebung einkaufen, sofern sie bereit sind, mehr für den Liter Milch zu bezahlen.

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