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Osttimor: Warme Weihnacht in Timor

„Glooooooooooria“ klingt es durch unser Büro, während ich am Schreibtisch vor meinem Computer sitze und einige E-Mails beantworte. Beschwingt summe ich mit. Erst leise, dann etwas lauter bis ich schließlich inbrünstig in den Text einsteige – allerdings auf Deutsch. Meine Kollegin Ephy schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an. Da muss ich seufzen und verfalle wieder in ein leises Murmeln.Der Adventskalender noch mal mit Betty und Hund

Es ist eine merkwürdige Vorweihnachtszeit in diesem Jahr. Unglaublich heiß und irgendwie gar nicht – weihnachtlich. Einzig die unglaubliche Geschäftigkeit kommt der deutschen gleich. Allerdings geht es hier weniger um Weihnachtsfeiern, Schokonikoläuse oder gar Geschenke sondern viel mehr darum, die letzten Aufgaben im Center zu regeln, bevor die Weihnachtsferien anstehen.

Dabei haben ich und meine Mitfreiwillige Leonie doch einiges versucht, um etwas mehr in Weihnachtsstimmung zu kommen. So hängt zum Beispiel ein selbstgebastelter Adventskalender bei uns im Flur, der Tag für Tag fleißig und begeistert von unseren Mitbewohnerinnen geplündert wird. Dazu kommen noch Christbaumkugeln, die wir – mangels eines Tannenbaums – auf eine Schnur gefädelt haben.

Das Heiligtum dieser Vorweihnachtszeit jedoch befindet sich in unserem Kühlschrank. Ein Schuhkarton voller selbstgebackener Plätzchen von Leonies Großmutter aus Deutschland. Regelmäßig lassen Marzipanherzen, Schokomakronen und Vanillekipfel uns das Wasser im Mund zusammen laufen. Gemeinsam mit unserer Mitbewohnerin Betty haben wir sogar einen richtigen Weihnachtstee zu den Plätzchen getrunken, doch es hilft einfach alles nix.Fleißige Bastelvorbereitungen für die Graduation mit Eva, der Koordinatorin meines Büros

Selbst der weihnachtlichste Weihnachtstee ist nicht weihnachtlich, wenn ich beim Trinken das dringende Gefühl bekomme, ich muss sofort eine Runde kalt duschen sonst zerfließe ich vor Hitze. Es ist das Selbe wie mit den Weihnachtsliedern. Ich kann auch Jingle Bells auf Tetum singen oder mir „Oh Tannenbaum“ auf indonesisch anhören und selbst ein Weihnachtslied auf die Melodie des Liedes „Alle Kinder lernen lesen“, dass wir früher in der Grundschule oft gesungen haben, tolerieren – aber so richtige Weihnachtsstimmung will dabei einfach nicht aufkommen.

Doch was ist also die typisch timoresische Weihnacht? Um das herauszufinden habe ich etwas herumgefragt und einige verschiedene Antworten erhalten. Es gibt hier um die Weihnachtszeit jedes Jahr eine Art Krippenwettbewerb. Jedes Dorf baut seine eigene Krippe und dann gibt es eine landesweite Bewertung. Der 7. Dezember, Nikolaustag, wird nicht besonders gefeiert, lediglich mit einer Messe, die ich aber aufgrund von meiner Arbeit verpasst habe.

An Weihnachten selbst, dem 25. Dezember, ist es auch hauptsächlich der Kirchengang, der den Hauptbestandteil der Festlichkeiten ausmacht. Zwar gibt es auch Essen im Kreis der Familie, aber Geschenke für alle Kinder, Verwandte und Freunde sind nicht unbedingt üblich. Genauso wenig wie der Weihnachtsmann hier keine große Rolle spielt – einen Namen auf Tetum habe ich jedenfalls noch nicht gehört. Die Zweige des „Ai-Kakeu“, eines tannenartigen Baumes, werden zwar tatsächlich auch als Schmuck genutzt, aber einen zweiten Weihnachtstag gibt es dann wiederum nicht.

Wobei ich bei meiner kleinen Weihnachtsstudie zwischen den ländlicheren Distrikten (dazu gehört auch Baucau) und der Hauptstadt Dili unterscheiden muss.

In Dili kann man fast das gleiche Weihnachtsgetümmel antreffen, wie in Deutschland auch – wenn man nur weiß, wo man suchen muss. So ist im Timor Plaza, dem wohl größten Einkaufszentrum in Timor, der furchtbarste Weihnachtskitsch anzutreffen. Aufblasbare Plastikschneemänner, Rentiere und schrill blinkende Tannenbäume schreien geradezu aus allen Ecken und es läuft Weihnachtsmusik bereits seit Oktober.

Mit „Last Christmas“ in Dauerschleife beende ich heute dann schliesslich die letzten zwei Stunden  meines Arbeitstage im Büro. Da rührt sich dann aber schliesslich doch etwas Weihnachtliches in mir. Es ist ein anderes Weihnachten als die vorherigen 18, die ich bereits erlebt habe – soviel ist sicher. Vielleicht am Ende doch sogar besinnlicher, als je zuvor. Jesus Christus wird geboren und das feiern wir hier – nicht den Weihnachtsmann, Geschenke oder gutes Essen.

Fröhliche Weihnachten und ein frohes Fest wünsche ich allen aus Timor-Leste!

Autor:

Ich bin 18 Jahre alt, komme aus Hemslingen in Niedersachsen und werde im Projekt CTID der Canossianerinnen in Timor-Leste arbeiten, einem Ausbildungszentrum für Mädchen und junge Frauen. Die Schülerinnen werden dort ein Jahr lang auf das Berufsleben vorbereitet und auch die Stärkung ihrer Persönlichkeit ist ein Fokus in der Arbeit des Zentrums. Beim MISEREOR Freiwilligendienst mache ich mit, weil ich neugierig bin und die Welt einmal aus einer anderen Perspektive betrachten möchte.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Janila,
    ich hoffe, ihr habt ein schönes Weihnachtsfest erlebt, wenn eben auch anders. Aber doch ganz ursprünglich. Das vermisst man hier ja oft. Man ist so gefangen in dem ganzen Weihnachtstrubel. Jedes Jahr nehme ich mir vor, mich nicht anstecken zu lassen. Aber dann ist es oft doch wieder so.
    Und seid ihr gut ins neue Jahr gekommen? Bin gespannt, was man in Timor-Leste an Silvester so treibt. Viellleicht kannst du uns das auch noch schreiben :-)))
    LG aus Aachen, Uta

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