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Gutmensch ist Unwort des Jahres – zu Recht!

Etwas Gutes tun zu wollen, ist ein hoher Anspruch. Die Zeitungen sind voll von Beispielen, die zeigen, dass „das Gute“ keine Selbstverständlichkeit ist. Andere Beispiele zeigen, wie schwierig es ist für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, jederzeit moralisch zu handeln. Ihnen geht es nicht anders als jedem von uns.

Gutmensch

Ist etwas daran auszusetzen, dass Menschen gut sind oder sich wohlfühlen, es zu sein?

Wenn man „Gutes tun“ als etwas versteht, das das Wohl anderer in den Blick nimmt, dann gab es in den letzten Monaten für mich eine Unzahl an ermutigenden Beispielen von Menschen, die das getan haben:

–    Die Frau aus dem Ruhrgebiet, die syrische Flüchtlingsfrauen nach ihren Wünschen fragte, und als Antwort bekommt, sie würden gerne schwimmen lernen – und ihnen diesen Wunsch erfüllen kann.

–    Der Psychotherapeut, der Folteropfern im Nordirak hilft und sich trotz der fürchterlichen Geschichten unermüdlich weiter für die Menschen einsetzt.

–    Die Sozialarbeiterin in einer Berliner Erstaufnahmeeinrichtung, die selbst erst seit drei Jahren in Deutschland lebt und jeden Tag mit den Mühen des Alltags kämpft, den auch die Neuankömmlinge erleben. Sie wirbt in der Nachbarschaft für die Einrichtung und ihre Bewohnerinnen und Bewohner, es werden Kennenlernfeste gefeiert, bei denen sich die Tischplatten biegen unter orientalischen Leckereien und deutschem Bienenstich.

–    Der Bischof aus dem Sudan, der mir die Hand drückt und sagt, er sei für die deutsche Unterstützung dankbar, die Flüchtlingen in seiner Heimatregion über Jahre hinweg ein Auskommen in schwierigsten Zeiten ermöglicht hat – obwohl ich ihm doch gerade für seine Arbeit vor Ort danken möchte.

–    Die Frau in Erfurt, die Kulturveranstaltungen organisiert, bei denen sich auch Flüchtlinge und Einheimische treffen können. Ich habe dieses Miteinander genossen, eine Verständigung teils mit Händen und Füßen, teils mit einzelnen Wörtern und Sätzen. Und das in einer Stadt, in der Tage später hunderte Menschen auf dem Domplatz genau das Gegenteil wollten.

–    Die Freiwilligen, die ich immer wieder treffe, in Wien am Westbahnhof oder in München letzten Sommer. Oder im Haus eines Freundes in Bonn, der in seiner Wohnung jetzt einen neuen Mitbewohner aufgenommen hat – Ali.

Sind alle diese Menschen also „Gutmenschen“, die sich moralisch überlegen fühlen?

Für manche scheint es  aus der Mode zu sein, Menschen in Not vorbehaltlos zu helfen. Engagement, das dazu angetan ist, an einer positiven Entwicklung zu arbeiten, ist aber in den letzten Monaten so sichtbar geworden, wie es von vielen nicht erwartet worden ist.
Zugegeben: Die Nachrichten machen nicht gerade Mut, dass die Zukunft ohne Zusatzanstrengungen zu schaffen ist. Aber wenn das so ist, dann möchte ich persönlich lieber an der Seite  der „Gutmenschen“ in die Zukunft gehen, als in Reihen derer, die dieses Engagement herabwürdigen.
So gesehen adelt die Beleidigung jeden, den sie treffen soll.

Autor:

Jonas Wipfler

Jonas Wipfler arbeitet als Referent für Migration und Flucht im Berliner Büro von MISEREOR. Zuvor lebte er drei Jahre in Dakar, der Haupstadt des Senegals. Dort half er als Berater lokalen Partnerorganisation in Westafrika bei Planung, Monitoring und partizipativen Methoden.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Herr Wipfler,

    wenn ich mir Ihren Artikel so durchlese muss ich feststellen, dass Ihnen die tatsächliche Bedeutung von „Gutmensch“ offenbar nicht so ganz einleuchtend ist. Die Kombination aus „Gut“ und „Mensch“ darf hier nicht im wörtlich Sinne verstanden werden!

    Gutes zu tun steht zweifelsfrei in der Pflicht eines gläubigen Christen und eigentlich jedes Menschen. Das steht außer Frage.

    Vielleicht bringt Ihnen die Definition von Dr. Rossiter die Erleuchtung:
    „Ein Gutmensch ist jemand, der sich eine ideale Welt erträumt in der er sich einredet zu leben oder leben zu können. Gutmenschen verhalten sich dabei schizophren, indem sie jeden, der nicht ihre Ansichten teilt zum Bösen in Menschengestalt erklären. Gutmenschen verhalten sich dabei wie die Gefolgsleute von Führern wie Hitler oder Stalin, nur daß sie nicht einer einzigen Person hinterherlaufen, sondern einer fixen Idee, die sie selbst im Angesicht von eindeutigen Beweisen und Argumenten nicht willens sind aufzugeben.“

    Weiterzulesen unter https://dwdpress.wordpress.com/2014/10/23/us-psychiater-gutmenschen-sind-klinisch-geisteskrank/

  2. Laut der Jury hat es diese Bezeichnung zum „Unwort“ geschafft, weil sie – abseits jeder Definition -herabwürdigend im Kontext von ehrenamtlichem gesellschaftlichem Engagement gebraucht wurde. Viele Menschen nehmen sich für Flüchtlinge nicht nur Zeit, sondern sie sind auch bereit letztlich für uns alle und unser Zusammenleben Verantwortung zu übernehmen. Das sollte gewürdigt werden. Zum vorhergehenden Kommentar kann ich nur entgegnen: Ich finde es interessant, dass Sie die korrekte Definition des Begriffs „Gutmensch“ kennen wollen. Ich hoffe, dass Sie auch so jemand sind, der Gutes tut und das aber selbstverständlich nicht herausposaunt.

  3. Korrekte Definition von „Gutmensch“ :
    weltfremd, überheblich, berechnend, scheinheilig, moralistisch, umerziehend, besserwisserisch, herabwürdigend und intolerant gg. einheimischen Deutschen
    Der Begriff „Gutmensch“ verharmlost diese Eigenschaften.
    Christus hätte sicher nicht Gutmensch gesagt, sondern Pharisäer !
    Typische Beispiele des heutigen Zeitgeschehens sind etliche Politiker aus den Reihen der Grünen, Linken und Sozis – darüberhinaus viele linke Karbarittisten.
    Ein aufrichtiger, wahrer „guter“ Mensch würde sich auch nicht als Gutmensch bezeichnen, sondern gutes Tun, aber demütig bleiben und es nicht in die Welt hinausposaunen.

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