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Wir brauchen kein Mitleid, sondern wollen nur unsere Milch produzieren

Die Inderin Dr. Sagari Ramdas ist Veterinärmedizinerin und Spezialistin in Sachen Milch. Sie analysiert die Preisentwicklungen auf dem indischen Markt genauso wie auf dem Weltmarkt. Die umtriebige intellektuelle Frau ist selbst Kleinbäuerin, arbeitet als Tierärztin und engagiert sich gleichzeitig in der Food Sovereignity Alliance für eine nachhaltige und ökologische Landwirtschaft. Weltweit setzt sie sich für die Belange der indischen Kleinbauern ein und hat zu diesem Zweck mit Unterstützung von MISEREOR Ende letzten Jahre auch deutsche Milchbauern besucht.

Dr. Sagari Ramdas auf dem MISEREOR Jahresempfang 2015 © Jakob Huber

Dr. Sagari Ramdas auf dem MISEREOR Jahresempfang 2015 © Jakob Huber

Was haben Sie für sich gezogen aus der Begegnung mit deutschen Landwirten?
Ich habe den Unterschied zwischen großen und kleinen Betrieben in Deutschland nie richtig verstanden, bevor ich nach Deutschland kam. Doch hierzulande wird ein Familienbetrieb mit bis zu 50 Tieren als „klein“ bezeichnet! In vielen Gesprächen wurde deutlich, dass den Bauern die auf Export orientierte Produktion Kopfzerbrechen bereitet. Ihre Schuldenlast steigt, weil insbesondere in 2015 die Weltmarktpreise gefallen sind. Sie suchen neue Lösungen, erschließen sich neue Exportmärkte, doch sie sind nicht wirklich überzeugt von dieser Strategie. Die Skepsis der Kleinbauern lässt uns in Indien hoffen, denn wir wollen nicht, dass Milch zu Dumping Preisen importiert wird. Es hat mich außerdem sehr erstaunt, dass in den Verträgen zwischen deutschen Bauern und den Milch verarbeitenden Betrieben nicht festgeschrieben ist, welcher genaue Milchpreis tatsächlich gezahlt wird.

Wie verschieden ist die Arbeit von indischen und deutschen Bauern?
Wir haben nur ein bis drei Tiere und diese werden per Hand gemolken. Hier wird alles mit der Maschine gemacht, in Betrieben mit mehr als 150 Tieren voll automatisiert. Meine Gesprächspartner haben sich häufig auf das Konzept der „Bäuerlichkeit“ bezogen, das Familienbetriebe stärken soll. Ich habe das als politisches Motto verstanden: „Auf die Art und Weise wollen wir nicht nur Milch produzieren, sondern generell Landwirtschaft betreiben.“ Es gibt also auch Ähnlichkeiten zwischen Bauern in Indien und Deutschland fernab der Technologie. Auch wir möchten, dass unsere Tiere grasen und sie nicht im Stall von uns gemästet oder mit Konzentraten gefüttert werden.

Was ist der Negativeffekt von exportorientierter Produktion für die Bauern in Indien?
Wenn man eine exportorientierte Produktion mit großen Mengen Milch hat, dann werden davon etwa 60% in Milchpulver verwandelt werden, das auf den Weltmarkt landet. Milchpulver und Milchfette sind die Erzeugnisse, die die Preise auf dem Weltmarkt zunehmend mitentscheiden. Aber ihre Preise schwanken stark, was negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft hat. Beispielsweise hat die EU Quotenregelungen abgeschafft und möchte in neue Märkte investieren. Der indische Markt ist attraktiv. Darum möchte die EU ein Freihandelsabkommen mit uns unterzeichnen, damit Importzölle für Milchpulver und Milchfette gänzlich abschafft werden. Wenn das passiert, dann wird unser Markt mit billigem Milchpulver und Milchfetten überflutet werden, was den Milchpreis senken würde.
Die indischen Milchverarbeiter wollten gleichfalls Milchpulver auf den Weltmarkt bringen. Doch aufgrund der sinkenden Weltmarktpreise konnten sie ihre Waren nicht mehr verkaufen. Sie versuchten deshalb, die billigen Milchprodukte auf unseren heimischen  Markt abzusetzen. Darum fallen die Preise auch in Indien und zuletzt leiden unsere Bauern darunter.

Wie wirkt sich das auf die indischen Bauern genau aus?
Bis heute sind die Verkaufsraten auf lokalen Märkten relativ stabil: die Märkte sind direkt vor Ort, gut erreichbar und 70% der Milchverkäufe finden dort statt. 2015 haben jedoch auch ausländische Billigprodukte den indischen Markt erreicht bedingt durch Kooperationen indischer Molkereien mit ausländischen Unternehmen. Indische Bürger registrieren die Preise und fordern entsprechende Preissenkungen auch für die regionalen Märkte, was das System destabilisiert, denn dann bekommen Milchbauern weniger für ihre Milch. Solange sie die Kosten der Produktion abdecken können, solange können sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Wenn sie das nicht mehr schaffen, können sie nicht mehr ihre Tiere ernähren und müssen sie verkaufen.

Was bedeutet das für den Lebensunterhalt der indischen Kleinbauern?  
Um den Lebensunterhalt zu sichern, sind auch andere Produkte wichtig, doch MilchMilch spielt eine entscheidende Rolle, um saisonalen Einkommensschwankungen auszugleichen.. 2015 gab es eine Dürreperiode in Indien, die Ernte war schlecht und die Bauern konnten trotzdem auf Milch als wichtigste Einnahmequelle zurückgreifen. Im Zuge der fallenden Preise fragen sie sich aber, ob dieses System für sie auch in Zukunft funktionieren wird. Bisher waren die regionalen Märkte rentabel trotz der sinkenden Preise. Doch wenn für Waren aus der EU geöffnet werden, dann ist fraglich, was das für den Lebensunterhalt und die Ernährungssituation der Bauernfamilien bedeutet. Das lässt sich nicht genau vorhersagen, aber die gesamte Situation verschlimmert sich. Bauern ohne Tierhaltung haben wegen schlechter Ernten schon Suizid begangen. Andere, denen noch ein Tier geblieben ist, können vielfältiger produzieren.

Welche Möglichkeiten hat die deutsche Regierung, um etwas für die Kleinbauern zu erreichen?
Die EU möchte, dass wir unsere Zölle abschaffen. Das darf Deutschland nicht unterstützen. Problematisch ist auch, dass die indische Regierung, die auf Wachstum und Export setzt, die ausländischen Konzerne einlädt, bei uns zu investieren und Kooperationen mit indischen Konzernen einzugehen. Hilft das den kleinen Bauern? Nicht im Geringsten!  Im Rahmen der Kooperation werden deutscher Käse und deutsche Milch importiert. Der Schwerpunkt liegt also nicht auf lokaler Milch und lokaler Weiterverarbeitung. Die Kooperationen sind auf Profit und nicht auf die indischen Kleinbauern ausgerichtet.
Investitionen dürfen aber nicht die Menschenrechte, das Recht auf Essen oder die Lebensumstände der dort lebenden Menschen zerstören. Darauf muss beispielsweise die EU achten, das muss ein Teil der extraterritorialen Verpflichtungen sein!
Wenn Deutschland helfen will, dann muss es die regionalen Märkte unterstützen und dafür sorgen, dass keine billige Milch aus dem Ausland unsere Märkte überflutet. Wir brauchen kein Mitleid, sondern wir wollen einfach nur unsere Milch produzieren.

Autor:

Eva Wagner

Eva Wagner arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

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