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Wer denkt schon beim Essen an den Boden?

Das war mal ein Podium, wo mit Florett und nicht mit dem Säbel gefochten wurde: Scharfzüngig, eloquent, kenntnisreich und doch gut verständlich. Und das alles trotz riesengroßer inhaltlicher Differenzen. Dennoch kein übliches Durcheinandergerede und den anderen niederbügelnder Trashtalk, sondern: zuhörend, abwägend, andere Meinungen wertschätzend. Also ein Lehrstück für Talkshowmacher, wie eine kontroverse Debatte gelingen kann. Hier die Vertreter einer nachhaltigen Landwirtschaft, Prinz Löwenstein und Pirmin Spiegel, dort der Interessenvertreter der Landwirte, Udo Folgert, Vizepräsident des deutschen Bauernverbandes, und der Volkswirt Prof. Hansjürgens. Und davor ein riesengroßes Plenum, vollbesetzt und hingerissen lauschend.

Felix Prinz zu Löwenstein (links, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft) und MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel diskutieren auf dem Katholikentag © Gottfried Baumann/MISEREOR

Felix Prinz zu Löwenstein (links, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft) und MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel diskutieren auf dem Katholikentag © Gottfried Baumann/MISEREOR

Worum es geht: Um unseren Grund und Boden. Kann er alle Menschen ernähren? Und darf er überhaupt jemandem „gehören“? Ja, sagt Folgert, der Bauer brauche die eigene Scholle, und propagiert den Privatbesitz von Grund und Boden. Nicht unbedingt, sagt Spiegel, der, indigene Völker in Brasilien zitierend, darauf hinweist, dass es auch andere Modelle des Mein oder Deins gibt. Für sie sei der Boden heilig und gehört niemandem.

Prof. Hansjürgens belegt an Zahlen, wieviel Bodenfläche in jeweils einem Kilogramm Fleisch von Rind, Schwein oder Huhn hängen: Die Anbaufläche für das jeweilige Futter. Das ist bei uns so viel, dass für die bestehenden Viehbestände ganz Deutschland als Ackerland nicht ausreicht. Also werde im Ausland zugekauft und importiert. Zugleich verschwindet wertvoller Boden, der für die Speicherung von CO2 noch viel wichtiger ist als die Bäume und die Atmosphäre, jedes Jahr in einem Umfang, der nicht mehr kompensiert werden kann. Wussten Sie, dass es für die Bildung von 10 cm Mutterboden rund 1000 Jahre braucht? Und wir vernichten jedes Jahr 24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Bodens. In diesem Boden leben 25 Prozent aller bekannten Arten von Pflanzen und Tiere. Eine Handvoll Mutterboden enthalte mehr Lebewesen als Menschen auf der Erde leben. Verschwindet der Boden, verschwinden auch ganze Arten von Flora und Fauna. Oder, um es mit Prinz Löwenstein zu sagen: „Dass im Sommer nicht mehr so viele Insekten wie früher auf der Windschutzscheibe kleben, liegt nicht daran, dass die Autos windschnittiger werden.“

Das Ende der Veranstaltung kommt für alle zu früh. Nicht alle Argumente konnten ausgetauscht, nicht alle Fragen aus dem Publikum beantwortet werden. Nach den Wünschen befragt, zitiert Pirmin Spiegel die drei magischen G: Gute Ernährung für alle weltweit könne gelingen – gesund, genügend, gerecht. Und Prof. Hansjürgens ergänzt, das wäre doch ein weitreichender Beschluss des Katholikentags: Ein Appell für weniger Fleisch, gesunde Ernährung und nachhaltige Bewirtschaftung des Bodens. Schön wäre das, heißt es im Publikum, das gern noch länger die Debatte verfolgt hätte. Ich auch.


Mehr Informationen zum Katholikentag in Leipzig…

… unter www.misereor.de/katholikentag

Autor:

Gottfried Baumann

Gottfried Baumann arbeitet als Medienreferent bei MISEREOR.

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