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„Unsere Arbeit gelingt nur in gegenseitigem Respekt“ – Psychologische Behandlung von Vertriebenen im Nordirak

Wie die Jiyan Foundation in den kurdischen Gebieten Menschen hilft, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurden.

Der MISEREOR-Partner Jiyan Foundation for Human Rights hilft jedes Jahr tausenden Menschen, die Opfer von Gewalt, Folter und Terror wurden. Die Arbeit der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen reicht von psychotherapeutischer Behandlung und gesellschaftlicher Reintegration bis hin zu Rechtsberatung und Aufklärung – insbesondere zu Menschenrechten. Wie das in der Praxis aussieht, erzählen Ako Faiq Mohammed, Berivan Khudhur Abdullah und Yousif Abdulmuhsin Salih im Interview in Berlin, wo sie an einer Fortbildung zur Menschenrechtsarbeit am Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (bzfo) teilnahmen.

Ako Faiq Mohammed ist Leiter des lokalen Zentrums der Jiyan Foundation in Chamchmal im Nordirak

Ako Faiq Mohammed ist Leiter des lokalen Zentrums der Jiyan Foundation in Chamchmal im Nordirak.

MISEREOR: Wie gestaltet sich die Arbeit vor Ort derzeit? Wie ist die Situation von Flüchtlingen und Vertriebenen momentan im Nordirak – in den deutschen Medien hörte man zuletzt dazu weniger.

Ako Faiq Mohammed: In dem Gebiet um Chamchamal leben viele Flüchtlinge und Vertriebene. Aus dem Flüchtlingscamp für jesidische Frauen in der Nähe unserer Einrichtung in Duhok kommen viele Frauen zu uns, die Unterstützung und Behandlung benötigen.

Es kommen nach wie vor intern Vertriebene aus dem Zentralirak nach Kirkuk. Die Lage dort ist zum Teil sehr schwierig. Für viele geht es nach der Flucht vor ISIS erst einmal um die einfachsten Bedürf-nisse. Frauen sind dabei noch einmal in besonderer Weise betroffen – manche haben selbst eine Aggression gegenüber den Therapeuten und das ist völlig nachzuvollziehen, wenn Sie sich vorstellen, was sie durchgemacht haben – sie haben schwerste sexuelle Gewalt erlebt. Wir versuchen dann mit aller Kraft, diesen Frauen zu helfen und mit ihnen eine Strategie zu entwickeln, wie sie ihr Leben weiterleben können.

Wie groß ist der Bedarf an Unterstützung momentan?

Ako Faiq Mohammed: Der Bedarf an psychologischer Unterstützung ist enorm. Neben der Jiyan Foundation gibt es auch andere Organisation die mit jesidischen Frauen arbeiten, aber außer uns gibt es niemanden, der eine stationäre klinische Einrichtung für schwer traumatisierte jesidische Frauen geschaffen hat. Diese Frauen benötigen psychische und medizinische Behandlung, juristische Unterstützung – dafür sind wir da. Es kommt in der Region immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen. Es wird Zeit brauchen, dies aufzuarbeiten und wir haben viel Arbeit vor uns.


Die Jesiden

Die Jesiden sind eine Religionsgemeinschaft, die in dem Gebiet des Nordiraks, in Syrien und im Südosten der Türkei ihre Ursprünge hat. Es gibt darüber hinaus aber auch jesidische Gemeinden in anderen Ländern, so leben mehr als 50.000 Jesiden in Deutschland. Sie verehren einen Gott und sieben Engel. Anders als im Christum, im Islam oder im Judentum gibt es keine heilige Schrift. Als religiöse Minderheit werden die Jesiden im Nahen Osten seit 2014 durch ISIS als „Ungläubige“ verfolgt und bedroht.


Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus? Wie kann man sich das Projekt vorstellen?

Ako Faiq Mohammed: Wenn die Frauen bei uns in Chamchamal ankommen, werden sie als erstes ärztlich untersucht. Dazu gehört unter anderem auch eine HIV-Untersuchung, da viele der Frauen durch ISIS-Kämpfer vergewaltigt worden sind. Um mögliche Risiken im Vorhinein zu kennen und auch behandeln zu können, wird bei dieser Untersuchung festgestellt, ob sie weitere medizinische Betreuung und Behandlung benötigen. Wenn es notwendig ist, bekommen sie Behandlungen durch einen Frauenarzt oder andere Spezialisten, bevor sie dann psychologisch betreut werden.

Das Programm besteht somit aus einer medizinischen Behandlung für Frauen und Kinder und aus einer psychologischen Behandlung. Darunter fallen zum Beispiel Psychotherapie in Einzel- oder Gruppensitzungen, Kunsttherapie, oder auch Sportangebote. Für die Kinder gibt es darüber hinaus noch Spiel-, Sport- oder Maltherapie. Wir bieten etwa Yoga und Karate an, um den Frauen ihre innere Kraft wiederzugeben, damit sie für die Zukunft Widerstandskräfte aufbauen können.

Über die psychologische und medizinische Betreuung hinaus, bieten wir abends ein Freizeitprogramm an, bei dem zum Beispiel Nähkurse belegt werden können. Dieses Freizeitangebot ist einerseits dafür gedacht, sich auszutauschen und kennenzulernen, andererseits aber auch um den Frauen eine Möglichkeit aufzuzeigen, unabhängig Geld zu verdienen. Wenn ihre Therapie zu Ende geht, schenken wir jeder Frau eine Nähmaschine, damit sie ein Stück weit selbstständig werden kann. So sind die Frauen nicht auf die Hilfe von männlichen Verwandten angewiesen, sondern haben durch diese Arbeit die Möglichkeit, finanziell unabhängig zu sein. Für die Frauen ist dies eine große Unterstützung, und manche bleiben noch in den Nähkursen auch wenn die psychologische Behandlung schon beendet ist.

In Chamchamal wird momentan ein Heilgarten angelegt, der durch MISEREOR unterstützt wird: Was geschieht dort genau?

Ako Faiq Mohammed: Zuerst möchte ich im Namen der jesidischen Frauen einen herzlichen Dank an MISEREOR richten, für ihre Unterstützung sind wir sehr dankbar.
Bei diesem Heilgarten geht es um Heilungsarbeit besonders mit Kindern und Jugendlichen. In der Zeit der Anfal-Operation gab es in der Umgebung von Chamchamal viele Flüchtlinge. Aus den ver-schiedensten Regionen Kurdistans sind viele nach Chamchamal geflohen, unter anderem in den Ort Shorsh. In diesem Ort gibt es viele Menschen mit Gewalterfahrungen. Der Heilgarten soll vor allem den Kindern ein friedliches Umfeld und eine Freizeitbeschäftigung geben, damit sie sich von der Gewalt entfernen. Sie sollen fühlen können, dass ihnen dieser Garten gehört. Wenn wir sagen: „Das ist euer Garten“, dann fühlen sie sich total wohl und freuen sich sehr. Der Garten liegt in der Nähe unserer Einrichtung, wir haben auch einige Gehege für Tiere gebaut, die Kinder können Fotos machen, spielen und sich sicher fühlen.


Die Operation Anfal

Zwischen 1988 und 1989 wurden im Nordirak während der so genannten „Operation Anfal“ 5.000 Dörfer durch die Truppen Saddam Husseins zerstört und bis zu 180.000 Menschen verschleppt und getötet. Durch die erneute Bedrohung durch ISIS in Kurdistan und die Flüchtlingsbewegungen in der Region werden Menschen, die damals traumatisiert wurden, erneut Opfer von Gewalterfahrungen. Traumatische Erlebnisse können so wieder aufbrechen und werden von einer Generation auf die nächste übertragen, wenn dieser Kreislauf nicht durchbrochen wird. Man spricht dann von „secondary victims“ – in dieser Region sind Familien mehrfach und in verschiedenen Generationen mit Gewalt- und Kriegserfahrungen konfrontiert worden.


Berivan Khudhur Abdullah arbeitet als Therapeutin in Erbil im Bereich der Betreuung von Kindern und Frauen

Berivan Khudhur Abdullah arbeitet als Therapeutin in Erbil im Bereich der Betreuung von Kindern und Frauen.

Wer sind die Frauen, die zu Ihnen kommen? Was sind ihre Geschichten?

Berivan Khudhur Abdullah: Die Frauen, mit denen ich arbeite, kommen als Flüchtlinge aus Syrien und auch aus dem Irak. Die Flüchtlingsfrauen leben unter einer ungeheuren psychischen Belastung, auch auf der finanziellen Ebene. Viele syrische Frauen im nahe gelegenen Flüchtlingscamp Qushtepe haben Abitur oder sogar einen Studienabschluss, jetzt sind sie häufig von ihren Männern verlassen und leben in Zelten. In ihrer Lage fühlen sie sich hilflos, machtlos und auch hoffnungslos. Andere Frauen aus dem Irak haben selbst Gewalterfahrung mit ISIS-Kämpfern.

Mit einem mobilen Team gehen wir zweimal die Woche in das Flüchtlingscamp – meist sind wir zu zweit: ein Arzt und eine Therapeutin. Wir kümmern uns um die syrischen Frauen. Die Art der therapeutischen Behandlung hängt von der Art der psychischen Belastung ab. Wenn ich merke, die Frauen brauchen eine andere ‚Zugangsart‘, benutze ich andere therapeutische Formen und fange an, mit ihnen zu malen oder einen Zugang über Musik und Tanzen zu schaffen.

In einem Fall habe ich mich um eine junge Frau von 19 Jahren gekümmert. Als sie zu uns kam, litt sie unter Schlaflosigkeit, Essstörung und unter körperlichen Schmerzen. Sie hatte starke psychische Belastungen, da sie mit angesehen hatte, wie sich ein Freund und Nachbar im Hof selbst verbrannt hatte. Die Erinnerungen an diese Tat, die Schreie, kamen immer wieder zurück, sie konnte nicht schlafen und bekam Alpträume. Lange Zeit ist sie nicht zu ihrer Familie gegangen, da sie sich – wenn sie dort war – an alles erinnerte. Unsere Psychologen haben einen Schock diagnostiziert. Daraufhin haben wir mit ihr daran gearbeitet. Ich habe sie ermutigt, diese Geschichte mehrmals zu erzählen und habe mit ihr diese Geschichte aufgearbeitet. Wir haben auch ihre Familie informiert und nach fünf Sitzungen schließlich konnte sie zu ihrer Familie zurück, konnte wieder essen und schlafen.

Welche Wirkungen Ihrer Arbeit sehen Sie in der Region?

Berivan Khudhur Abdullah: Ein Beispiel: Ein Problem ist, dass viele Mädchen überredet werden, zu heiraten, statt in die Schule zu gehen. Diese Mädchen sind zum Teil unter 15 Jahre alt. Es gibt diese Überzeugung in der Gesellschaft, dass die Schule nutzlos ist und die Heirat hingegen Absicherung bedeutet. Wir versuchen, diese Einstellung zu verändern. Neben der psychologischen Beratung versuchen wir auch, mit Angehörigen der Klientinnen zu sprechen. Dadurch haben wir erreicht, dass die Imame und auch Familien, die Zwangsverheiratungen in dem Flüchtlingscamp bei Erbil durchführen, bestraft werden. Auch wurde eine Schulpflicht in diesem Flüchtlingscamp eingeführt.

Yousif Abdulmuhsin Salih ist der lokale Direktor des Zentrums von Jiyan in Kirkuk

Yousif Abdulmuhsin Salih ist der lokale Direktor des Zentrums von Jiyan in Kirkuk.

Yousif Abdulmuhsin Salih: Seit 2005 haben wir viel erreicht – damals starteten wir mit 10 bis 15 Mitarbeitern, heute haben wir 150. Unsere 65 Therapeuten bekommen umfangreiche Trainings- und Schulungsangebote, um so gut wie möglich vorbereitet zu sein. Wir sind auch mehr und mehr präventiv orientiert und wollen Ursachen in den Blick nehmen, damit frühe Verheiratung, Missbrauch und die psychischen Folgen gar nicht erst entstehen. Der Heilgarten ist dafür nur ein neuer Therapieansatz – dort können sich die Betroffenen selbst noch einmal anders spüren und zur Ruhe kommen.

Außerdem schaffen wir erfolgreiche Reintegration in die Gesellschaft. Wenn Sie etwa sehen, dass Menschen zu uns kommen, denen durch Muslime Gewalt angetan wurde, die aber an uns, die wir auch Muslime sind, erfahren, dass wir versuchen ihnen zu helfen, dann bringt sie das zum Nachdenken. Was ISIS tut, ist kein muslimisches Verhalten. Und wir vermitteln ihnen diesen Respekt von Mensch zu Mensch – ganz unabhängig von Religionen. Unsere Arbeit gelingt nur in gegenseitigem Respekt und als Zeichen des Friedens.

Das Interview führten Ansgar Pieroth und Jonas Wipfler von MISEREOR


Mehr Informationen…

… zur Unterstützung des Projekts durch MISEREOR unter www.misereor.de

Autor:

Jonas Wipfler

Jonas Wipfler arbeitet als Referent für Migration und Flucht im Berliner Büro von MISEREOR. Zuvor lebte er drei Jahre in Dakar, der Haupstadt des Senegals. Dort half er als Berater lokalen Partnerorganisation in Westafrika bei Planung, Monitoring und partizipativen Methoden.

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