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4 Wochen Dschungelcamp: Anekdoten aus dem Leben eines Misereor-Freiwilligen in Kolumbien

Einzehntel des Freiwilligendienstes sind vorbei. Ich blicke zurück auf eine spannende Einlebephase mit interessanten, manchmal ungewöhnlichen, dennoch immer amüsanten Lebensgewohnheiten hier in Tierralta.

Senor Rubén, Johanna und Felix

Senor Rubén, Johanna und Felix


Ich beginne am Anfang. Der Plan sah so aus: Eigentlich war für uns beide (Felix und mich) eine schicke Neubauwohnung im Zentrum Tierraltas vorgesehen, damit wir unseren eigenen Rückzugsort haben und etwas Ruhe vor dem stressigen Alltag bekommen. Eigentlich sollte diese paradiesische Unterkunft, nach einem letzten Feinschliff, kurz nach unsere Ankunft für uns bereitstehen. Und eigentlich waren für diesen „Feinschliff“ 10 Tage vorgesehen, die wir übergangsweise in Senora Luz Elenas, eher spartanisch eingerichteten, Elternhaus verbringen konnten, wo dessen Bruder Senor Rubén mit Hund Lucas und Kater (der den einfallsreichen Namen „Gato“, Spanisch für Kater; trägt) lebt.
Nun gut, wie das in den Ländern des Südens so ist, wurden aus den 10 Tagen 4 Wochen und unser kurz-geglaubter „Campingausflug“ bei Senor Rubén hatte sich somit um einiges verlängert. Die „Cordobensen“ haben für diese Art von Verzögerungen einen eigenen Ausdruck, dessen Bedeutung zu verstehen, wie man sieht, äußerst wichtig ist und von welchem sehr häufig Gebrauch gemacht wird: „…y piko“. 4 Wochen sind damit also im Prinzip das gleiche wie 10 Tage „y piko“. Das hätte man uns vorher ja mal erklären können.
Aber es kam so wie es kommen sollte und im Nachhinein bin ich heilfroh, denn nur so bekam ich einen tollen, intensiven Einblick in das alltägliche Leben eines Costeno (Küstenbewohner).

Die häusliche Ausstattung
Das Haus, in dem wir wohnten, war ausgestattet mit Schlafzimmern, einem Bad mit einer Dusche (hier: ein Rohr, das aus der Wand ragt) und einer Toilette, sprich, einem Apparat, der zwar aussieht wie die Toiletten, wie wir sie kennen, doch keineswegs die gleiche technische Ausstattung besitzt, einem Wohnzimmer (oder auch: Vorhof mit Dach) und einer Küche.
Das mit den hygienischen Anlagen war so eine Sache, denn durch die immer bestehende Feuchtigkeit im Raum wurden unzählige Moskitos angezogen, welche wir natürlich, als Gegner jeglicher Kleinstlebewesen, zu bekämpfen pflegten. Wenn einer von uns also in dem Waschraum verschwand, hörte man aufgeregtes Klatschen und jubelndes Geschrei bei jedem erfolgreichen Schlag.
Nach dem Duschgang erzählte ich Felix stolz, wie viele Moskitos ich erwischen konnte und es entstand eine Art interner Wettbewerb zwischen uns beiden. Das wir uns hier auf einer Friedensmission befinden und sich unsere Arbeit für Versöhnung und bessere Verständigung bei „Benposta“ mit unseren glorreichen Meisterleistungen im „Waschschuppen“ nicht wirklich vertragen, konnten wir dabei ausblenden.

Eine Schwierigkeit bestand jedoch bei der Jagd nach Blutsaugern: Die Decke und die daran befestigte Glühbirne hängen leider äußerst tief und somit unterlief uns gleich zweimal der Fauxpas, dass wir die Birne bei den ungewöhnlichen Aktivitäten demolierten.
Für Augenblicke wie diese sind die flexiblen Kolumbianer doch immer vorbereitet. Senor Rubéns Haushälterin, Senora Yolanda, kam gleich nach dem Knall mit einer Kerze, lies etwas Wachs auf den nicht-funktionierenden Spülkasten tropfen und setzte die neue Lichtquelle darauf. In den darauffolgenden Tagen war nun Geschwindigkeit angesagt, denn wenn man es vor dem Herunter brennen der Kerze nicht schaffte zu duschen, war der „romantische Sparaufenthalt“ kurzfristig beendet und man stand im Dunkeln da.

Exkurs in die Biologie: das Verhalten der Ameisen
Ich habe nun wirklich nicht damit gerechnet, dass ich während meiner Zeit hier in Kolumbien so viel über das Verhalten der Ameisen erfahren werde, doch die unzähligen Mengen, die im Haus vorzufinden waren, machten mich Neugierig und ich fing an deren Vorgehen bei der Nahrungssuche zu beobachten.
Das darf man jetzt nicht falsch verstehen; der Kulturschock hat mich nicht voll erwischt und verrückt haben mich die vier Wochen hier auch nicht gemacht. Die Nahrungssuche der kleinen Tiere fand aber nun mal häufig in meinem Schlafquartier statt, wo unsere Tüten mit Lebensmitteln standen. Darunter auch eine Tüte mit 4kg Haferflocken, die uns durch den ständigen Verzehr von Reis sehr wichtig geworden ist, sodass mich mein beschützender Instinkt dazu brachte, die Arbeit der Ameisen zu beobachten.
Ich konnte herausfinden, dass die „Erkundungsameisen“, wie ich sie zu nennen pflege, auf Nahrungssuche gehen und bei Erfolg ihre Ameisenfreunde benachrichtigen, die dann in Scharen ankommen und ganze „Ameisen- Autobahnen“ errichten. Von der Geschwindigkeit mit der die Ameisen die Straßen einrichten und ausbauen könnten die Kolumbianer sich übrigens eine Scheibe abschneiden.
Leider fielen unsere geliebten Haferflocken den intelligenten Tieren zum Opfer und ich traf eines Nachmittags auf eine von Löchern übersäte Tüte, mit tausenden Ameisen, die sich den Abtransport der Flocken als Ziel gesetzt haben.
Ich brachte es nicht übers Herz den 4kg Sack wegzuschmeißen und so setzte ich mich an den Tisch, nahm mir eine frische Tüte und einen Löffel, ging den Haufen Flocke für Flocke durch und sortierte, wie einst Aschenputtel Erbsen von Linsen, die Ameisen von den Haferflocken.
Nach zweieinhalb Stunden Arbeit war ich mit dem Resultat einigermaßen Zufrieden, jedoch konnte ich die Tüte leider nicht vollständig von den Tieren befreien.
Ich stellte den Sack kurzerhand in die Gefriertruhe und fror die Flocken mit den verbliebenen Ameisen somit schock. Mir war klar, dass sich die Tiere damit nicht in Luft auflösen, doch komischerweise reichte Felix und mir diese kleine Manipulation unseres Gehirns und wir erfreuten uns noch fast zwei Wochen lang jeden Morgen an einer großen Schüssel Müsli, mit dem positiven Seiteneffekt, proteinreich in den Tag zu starten.

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Autor:

Johanna

Johanna absolviert ihren Freiwilligendienst bei BENPOSTA Bación de Muchachos in Cordoba, Kolumbien.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Johanna,
    bitte schreibe weiterhin solche Blogeinträge. Sie versüßen mir den Büroalltag. Einfach spitze! Ich finde es super, dass ihr die Haferflocken nicht, nach typisch deutscher Manier, einfach weggeworfen habt, so wie es die meisten wohl getan hätten. Sondern du hast nicht mit Fließ gegeizt und kreativ warst du auch noch. Interessant fand ich, dass ihr zwar nur eine sehr einfache Dusche besitzt, dafür aber eine Gefriertruhe. Alle Achtung :-)))
    LG, Uta

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