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„Eine Guerilla weniger“ – Meinungen zum Friedensreferendum in Kolumbien

Am 2. Oktober stimmen die Kolumbianer über das Friedensabkommen zwischen der Regierung und den FARC-Rebellen ab – nach über 50 Jahren des gewaltvollen Konfliktes. Zwei Wochen vor der Abstimmung habe ich mich in meinem Einsatzort Tierralta im Norden Kolumbiens bei „ganz normalen Leuten“ über ihre Haltung zum Friedensprozess umgehört.

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Das Leitmotto des kolumbianischen Staates: Alle für ein neues Land


„Ich werde mit Nein stimmen“ sagt der Techniker der Firma DIRECTV, der soeben in unserer neuen Wohnung für einwandfreien Internetzugang gesorgt hat. Er nimmt einen Karton, in dem die eben verlegten Kabel waren, setzt sich an den Tisch und beginnt, verschiedene Buchstabenkürzel auf die braune Pappe zu kritzeln: FARC, ELN, Bacrims, Paras und AUC steht da. Dann umkreist er mehrfach „FARC“ und streicht das Kürzel schließlich durch. „Guck‘ mal“, sagt er mir, „eins, zwei, drei, vier!“. Dabei unterstreicht er mit seinem Kuli energisch die übrigen Kürzel. „Die bleiben doch alle und schließen die Lücke. Das einzige Ergebnis ist doch: es gibt eine Guerilla weniger! Der Konflikt geht einfach weiter.“

Das Referendum

Das Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos und der linken FARC-Guerilla (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia/Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) soll am 2. Oktober von der Bevölkerung abgesegnet werden. Im Fernsehen laufen täglich Sondersendungen über das bevorstehende Referendum, über den von der Regierung propagierten „proceso de paz“, den Friedensprozess. Das Ziel von Präsident Santos, der seit seinem Amtsantritt 2010 maßgeblich auf dieses Abkommen hingearbeitet hat, ist klar: nach 50 Jahren Konflikt mit den FARC will er Kolumbien weiter stabilisieren und sicherer machen. Immerhin sind die FARC Kolumbiens größte aktive Guerillagruppe, noch immer kontrollieren FARC-Rebellen ganze Landstriche. Ein großes FARC-Gebiet beginnt zum Beispiel wenige Kilometer südlich von meinem Einsatzort Tierralta in den Bergen. Dort trauen sich weder die örtliche Bevölkerung noch die staatlichen Sicherheitskräfte hinein.

Staatspräsident Juan Manuel Santos

Diese Angsträume, in denen der Staat keine Kontrolle hat und Gewalt, Drogenkriminalität und Selbstjustiz um sich greifen, sollen der Vergangenheit angehören. Das allseits sichtbare Motto des Staates ist „Todos Por Un Nuevo País“, alle für ein neues Land. Dafür sollen Frieden, Gerechtigkeit und Bildung sorgen. In diesem Zusammenhang sollte auch das Friedensabkommen mit den FARC stehen: Es sollte ein Anfang und ein Signal für ein neues, geeintes und vor allem friedliches Kolumbien sein.

Unterstützung, aber keine Euphorie

Bei meiner Arbeit hier in Tierralta habe ich viel mit Menschen zu tun, die sich für ein friedliches Kolumbien einsetzen und den Kindern und Jugendlichen hier vor Ort Werte wie Liebe, Gerechtigkeit und Respekt zu vermitteln versuchen. In der Kirche hängen hinter dem Altar von Kindern ausgeschnittene weiße Tauben, auf denen in großen Buchstaben „Paz“, Frieden steht. Wenn ich aber Arbeitskollegen, Freunde oder Bekannte nach dem Friedensabkommen frage, kommt die Antwort häufig erst nach einigem Zögern. Ja, es sei schon gut, dass nach 50 Jahren der Frieden mit den FARC komme. Deshalb werde man für Ja stimmen. Es ist die große Mehrheit hier, die so antwortet. Begeisterung hört sich anders an. Warum ist das so?

Handabdrücke für das Leben und den Frieden: Bemalte Wand neben dem Benpostazentrum in Montevideo

„Wer ist schon gegen den Frieden?“
Diese Gegenfrage bekam ich mehrfach, wenn ich nach der Haltung zum Friedensabkommen gefragt hatte. Zunächst kam ich mir dann etwas dämlich vor, dass ich überhaupt so eine Frage gestellt hatte. Natürlich, wer ist schon gegen den Frieden? Wir alle wollen ihn, also wird mit „Ja“ gestimmt. Doch darin schwingt eine Selbstverständlichkeit mit, die so nicht ganz zulässig ist.
Gefährliche Verkürzung
Ist also derjenige, der mit „Nein“ stimmt, für den Konflikt und eine Fortsetzung des blutigen Kampfes? Ist also unser Techniker ein schlechter Mensch, weil er „Nein“ sagt?
Es ist wichtig zu betonen, dass am 2. Oktober nicht über „den Frieden“ abgestimmt wird, wie es gerne auch von Regierungsseite und den Medien dargestellt wird. Es wird abgestimmt über das zu bestimmten Konditionen ausgehandelte Friedensabkommen zwischen der Regierung und den FARC-Rebellen. Und dieses hat sowohl für die FARC, aber auch für die Regierung und besonders die Opfer dieses Konfliktes seinen Preis.
FARC-Rebellen haben in den vergangenen Jahrzehnten unschuldige Zivilisten umgebracht und Kindersoldaten rekrutiert, die momentan freigelassen werden. Auch hier in Tierralta, das in den 1990er Jahren von den FARC kontrolliert und schließlich von paramilitärischen Einheiten zurückerobert worden war, sind Menschen bis heute spurlos verschwunden, die die Ansichten der FARC nicht teilten.
Doch das Abkommen sieht für Rebellen u.a. in den kommenden Jahren garantierte Plätze im kolumbianischen Parlament und für Gewalttäter eine Höchststrafe von acht Jahren Gefängnis vor. Viele Täter werden auch ungeschoren davonkommen. Die sogenannte „Impunidad“, diese Straflosigkeit, wird von vielen Kolumbianern kritisch gesehen, die Parlamentssitze gar als Belohnung. Doch diese sollen dafür sorgen, dass sich die Revolutionäre in eine politische Partei verwandeln.
Die Rolle Uribes
Unser Internettechniker sagt, die FARC habe dem Staat die Bedingungen für den Frieden diktiert. Das schaffe den Eindruck, dass auch andere illegale Gruppen, die es zu genüge gibt und die er eben aufgezählt hat, sich staatlich geschützt auflösen könnten, ohne für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Mit Terroristen und Kindermördern dürfe man nicht verhandeln, sondern müsse sie bis zur Vernichtung bekämpfen.
Genauso sieht das Ex-Präsident Álvaro Uribe. In seiner Amtszeit von 2002 bis 2010 wurde die Guerilla mit aller militärischer Härte bekämpft. Tatsächlich wurden die FARC-Rebellen in dieser Zeit massiv geschwächt, weshalb Uribe damals in Kolumbien populär wurde. Nun setzt er sich für ein „Nein“ im Referendum ein.

Ex-Präsident Álvaro Uribe

Doch Uribe selbst ist durchaus umstritten. Ein Arbeitskollege bei meiner Organisation Benposta erzählt, dass der Ex-Präsident tiefe Abscheu gegen die Guerilla empfände, weil sie dessen Vater ermordet hat. Außerdem fällt auch in seine Amtszeit der Skandal der „falsos positivos“, den falschen Positiven. So werden Morde an einfachen Zivilisten seitens des Militärs bezeichnet, um die Statistiken gefallener FARC-Kämpfer aufzuhübschen. Die Leichen wurden anschließend als Guerilleros verkleidet.
Hinzu kommt, dass Uribe in seinem Kampf gegen die Rebellen den Einsatz paramilitärischer Gruppen gebilligt hat, die unter dem zynischen Motto „erst schießen, dann gucken“ ebenso viele grausame Verbrechen zu verantworten haben. Auch ist ein Großteil dieser Täter straflos davon gekommen. Viele dieser „Paras“ existieren bis heute oder haben sich in sogenannte „bacrims“, kriminelle Banden, verwandelt, die weiter kriminelle Machenschaften pflegen, das Drogengeschäft ausbauen und Terror verbreiten. Diese Gruppen, zu denen Uribe teilweise Verbindungen nachgesagt werden, profitieren vom Konflikt, nicht zuletzt durch Waffenschmuggel.

Der Konflikt geht weiter

Neben den „Paras“, die sich unter Dachorganisation AUC (Vereinigte Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens) organisiert haben, und den „bacrims“ wird auch die zweitgrößte Guerillaorganisation Kolumbiens, ELN, nach dem wahrscheinlichen Friedensschluss mit den FARC erstmal weiterexistieren.
Der Internettechniker schnauft kräftig durch. „So ist das hier in Kolumbien. Durch dieses eine Friedensabkommen wird sich nichts ändern.“ Sein Blick streift über den Pappkarton, auf dem die Namen der illegalen Gruppen stehen. „Der Konflikt ist nicht zu Ende.“
Ich kann ihn und seine Argumente gut nachvollziehen. Es gibt vieles zu kritisieren an diesem Abkommen. Doch ist es nicht schon mal ein großer Fortschritt Richtung Frieden, dass mit den FARC die Waffen schweigen? Sicher, es werden andere kriminelle Banden erstmal bleiben. Aber es ist eben ein „proceso de paz“, ein Friedensprozess. Ich würde es mir für dieses Land und die Menschen hier wünschen, dass das Friedenabkommen am 2. Oktober der Anfang vom Ende dieses komplizierten und jahrzehntealten Konfliktes ist.
Der Internettechniker ist fertig mit seiner Arbeit und wirft den vollgekritzelten Karton in den Müll. Er nimmt seinen Rucksack und geht zur Tür. Zum Abschluss fragt er mich: „Und, wie wirst du über das Friedensabkommen abstimmen?“ Ich schaue ihn verblüfft an, und er lacht: „Du als Deutscher brauchst dir über sowas zum Glück keine Gedanken zu machen, oder?“

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Autor:

Felix

Felix absolviert seinen Freiwilligendienst bei Benposta Nación de Muchachos Colombia in Montería, Kolumbien.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Felix,
    danke für die vielen Hintergrundinformationen. Es wurde ja schon abgestimmt und durch deinen Artikel verstehe ich jetzt besser, warum mit „Nein“ gestimmt wurde. Das konnte ich nämlich gar nicht glauben, als ich es in den Nachrichten hörte. Ich dachte mir: Wer, bitte schön, stimmt denn gegen den Frieden???“. Tja, wie so oft gibt es zwei Seiten der Medaille. Und ich erlaube mir auch gar kein Urteil. Trotzdem hoffe ich, dass der Friedensnobelpreis für Präsident Santos der ganzen Sache einen großen Schub in die richtige Richtung geben wird, nämlich Richtung FRIEDEN.
    LG, Uta

  2. Sehr guter Artikel, finde ich auch! Leider etwas verspätet, nachdem ja schon mit „Nein“ abgestimmt wurde, aber vielleicht gerade jetzt interessant die Hintergründe für dieses Abstimmungsverhalten auszuleuchten. Weiß man denn schon, wie es jetzt weitergeht?

  3. Hallo Felix, was für ein super Artikel! Sehr spannend und stilistisch hochwertig.
    Wie bewertest du die Situation jetzt im Hinblick auf das Ergebnis? Sind nur zu wenige Menschen zur Abstimmung gegangen oder wünscht man sich tatsächlich die harte Hand Uribes zurück?
    Viele Grüße und alles Gute!

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