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Kolumbien: Zur Lehrerin von 0 auf 100

Ich habe mir, bevor ich meine Reise antrat, schon gedacht, dass ich in Kolumbien, was meine Arbeit betrifft, ziemlich ins kalte Wasser geworfen werde und versuchte mich deshalb mental etwas darauf vorzubereiten. Leider konnte ich in der Vorbereitungszeit weder Lehramt, noch Pädagogik studieren, sodass ich in vielen Bereichen Neuland betrat und improvisieren musste.
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In der zweiten Woche hier haben wir mit der Leiterin von „Benposta“, Luz Elena, zusammen einen Wochenplan erstellt, der etwas Struktur in unsere Arbeit hier bringen sollte.

Sie konnte sich daran erinnern, dass ich in meiner ersten E-Mail an sie geschrieben hatte, dass ich sehr gerne häkle und mir vorstellen könnte, in diese Richtung etwas mit den Kindern zu machen.

Gesagt getan, dachte sich Luz Elena und schon bekam ich 3 nette Häkelkurse zugeteilt, in denen ich in den nächsten Monaten eigenständig dieses schöne Handwerk lehren werde. Das ich außerdem Englisch unterrichten werden, war auch schnell klar.

Die meisten Leute gehen hier nämlich davon aus, dass dies unsere Muttersprache sei. Von Deutsch haben die wenigsten Leute hier auf dem Land gehört.

Das Ausschlussverfahren, das hier bei der ersten Begegnung mit mir angewandt wird, um sich selber zu erklären, warum „la Mona“  (umg.: die hellhäutige, Wort wörtlich: der weibliche Affe, na danke) so einen lustigen Akzent hat, stelle ich mir folgendermaßen vor: Spanisch fällt schon einmal, wegen den schwer überhörbaren Problemen im Ausdruck, weg. Bleibt wohl nur noch Englisch als alternative Muttersprache übrig. Die Gedanken schweifen kurz ab, denn es gäbe ja auch noch die Option, dass ich vielleicht eine Art „Albino- Indigene“  sein könnte, die ja auch eine eigene Sprache gebrauchen… Blödsinn. Englisch muss es sein!

Zum Glück fällt mir die englischen Sprache relativ leicht, sodass ich mich dazu im Stande fühle, auch dies zu unterrichten. Donnerstagvormittag sollen Felix und ich also in der Schule in „el Rosario“ zwei Klassen die Weltsprache näher bringen.

Schule, ein Ort der Begegnungen und Zuflucht

Jeden Donnerstag, ab 6:30 Uhr werden Felix und Ich vom Direktor des „Colegios“ (=Schule) in seinem Auto, mit der eiskalten Klimaanlage abgeholt. Die Betonung liegt dabei auf „ ab“ denn meistens wird es 7:30 Uhr. Wir laufen natürlich ab 6:15 Uhr bei jedem Hupen, Pfeifen oder Schrein wie zwei Deppen zum Fenster um zu sehen, ob er schon da ist. Der Direktor hat nunmal eine Sonderstellung und darf mehr oder weniger selber entscheiden wann er seinen Arbeitstag in der Schule beginnt.

In der Schule unterrichten wir gemeinsam in einer Bibliothek, die wir für die 3-4 Stunden kurzerhand in einen kleinen Klassenraum umwandeln. Der Unterricht läuft super. Die Schüler sind mal mehr, mal weniger motiviert, die Englischvorkenntnisse lassen leider etwas zu wünschen übrig aber wir bewegen uns in großen Schritten nach vorne.

Was mich an dieser Schule sehr beeindruckt, ist die Art und Weise wie die Kinder dort lernen. In dem eher ärmlichen Stadtteil Tierraltas bietet die Schule für viele ein Zufluchtsort, um den Problemen des Alltags zu entfliehen. Es wird großen Wert auf Kultur und Musik gelegt, um die Schüler zu motivieren. Vor einem Monat feierten wir beispielsweise die Woche der Freundschaft. Eine Woche Spiel und Spaß mit Geschenken und Aktivitäten um Freundschaften zu feiern.

Eine weitere Sache die mich äußerst beeindruckt hat, ist die Anteilnahme, die die Lehrer am außerschulischen Leben ihrer Schüler haben. Viele der Heranwachsenden aus Rosario, leiden unter familiären Problemen. Diese Angelegenheiten haben oft große Auswirkungen auf deren Schullaufbahn, sodass es nicht selten vorkommt, dass ein 20 jähriger Schüler die 8. Klasse besucht. Die Pädagogen versuchen, so gut sie es bei den Mengen an Schülern können, auf jeden einzelnen einzugehen, sich ihre Anliegen anzuhören und dementsprechend zu handeln.

Das Lehrpersonal reagiert somit ganz anders, als ich es gewohnt bin. Wenn Juan also schon wieder keine Hausaufgaben machen konnte, weil er, nach dem einstündigen Nachhauseweg, auf seine 4 kleinen Geschwister aufpassen musste, weiß der Lehrer dies und zeigt sich verständnisvoll.

Eingliederung in die Kirchengemeinde

In der zweiten Woche hier in Tierralta wurden wir dem Pfarrer unserer Kirchengemeinde vorgestellt. Mit ihm sprachen wir über mögliche Englischkursangebote für die Pfarrei. „El Padre“, wie er von allen genannt wird, ist ein sympathischer, immer lachender Mann, der seine Freude uns zu sehen mit der ganzen Kirchengemeinde teilen wollte und uns gleich einmal, bei der völlig überfüllten 9:00 Uhr Messe am Sonntag, für eine kurze Vorstellung zum Altar bat.

Dort wurde dann auch gleich unser kostenloses Kursangebot verkündet. Bei dem Wort „gratis“ springen die Leute hier, wie überall auf der Welt, natürlich sofort auf, um sich einzuschreiben. Felix und ich vermuteten deswegen schon, dass unser Englischkurs Mittwochabends wohl eine volle Angelegenheit werden würde.

So kam es dann auch. Wir teilten den Kurs kurzerhand in zwei. Ab sofort war ich also „Profe“  (=Lehrerin) des Englisch- Fortgeschrittenen- Kurses. Mein Klasse der, sagen wir, „besseren Anfänger“, ist bunt geschmückt mit Schülern im Alter von 10-67 Jahren. Nach einigen Sprachspielchen wusste ich schnell, wo ich beginne.

Meine wissbegierigen und motivierten Schüler lernen unglaublich schnell und somit kann ich mit Stolz sagen, dass wir mittlerweile  unsere zweite Zeitform, das „present progressive“ eingeführt haben.
Häkelspaß bei 35° Celsius

Häkeln ist bei uns in Deutschland eigentlich eine Beschäftigung, die uns die kalten Wintertage  verkürzen soll. Hier, bei 35° Celsius, bekommt diese traditionelle Art der Zeitvertreibung eine ganz neue Bedeutung.

Neben dem Geräusch quietschender Nadeln, das die Atmosphäre schmückt, musste ich mein Bild vom Häkeln grundlegend überarbeiten. Mützen, Handschuhe und Schals sind hier nämlich nicht wirklich der größte Schrei.

Ich überlegte mir also andere Dinge, die ich den Kindern und Erwachsenen beibringen kann. Wir konzentrieren uns in dem Unterricht also jetzt hauptsächlich auf Taschen, Haarbänder, Röcke, kleine Decken und Ponchos aus leichter Bauwolle.

In den ersten Stunden erklärte ich die Grundschritte des Handwerks, die mittlerweile der ganze Kurs beherrscht, wodurch nun jeder seine eigenen Projekte verfolgen kann. Die Teilnehmer der mittlerweile vier Kurse bringen Bilder von ihrem gewünschten Häkelprojekt mit und zusammen erarbeiten wir dann einen Art Plan, nachdem gearbeitet wird. Mit etwas Glück und Geduld kommt dann auch in etwa das raus, was man sich gewünscht hat.

 

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„Bildungsaktivitäten“ am Samstagmorgen

Eine weitere Sache, die ich für „Benposta“ übernehmen darf, ist die Leitung zweier Kindergruppen im Alter von 7-12 Jahren. Jeden Samstag von 8:00 Uhr bis 11:00 Uhr und 14:00 Uhr – 17:00 Uhr bin ich also für die Unterhaltung dieser Gruppen verantwortlich. Die schwierige Aufgabe der „Bildungsaktivitäten“, wie „Benposta“ sie nennt, besteht darin, den Kindern anhand von Spielen ein bestimmtes Thema näher zu bringen. Beispielsweise schauen wir Filme und besprechen im Nachhinein die Problematik, die diese behandeln, offen in der Gruppe.

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Neben kleineren Kursangeboten, die ich noch eigenständig gestartet habe, ist das im großen und ganzen meine Arbeitswoche in Kolumbien, für Benposta und die Stadt Tierralta.
All die, die nach meinen letzten Berichten schon insgeheim vermutet haben, meine einzige Beschäftigung hier bestehe darin, meine nähere Umgebungen zu beobachten und zu analysieren, können also beruhigt sein; meine Arbeit für „Benposta“ und Tierralta ist in vollem Gange und läuft großartig.

Autor:

Johanna

Johanna absolviert ihren Freiwilligendienst bei BENPOSTA Bación de Muchachos in Cordoba, Kolumbien.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Johanna,
    zuerst muss man ja mal richtig ankommen, sich zurecht finden und ein Gefühl für die Menschen und Umgebung bekommen. Habt ihr gemacht. Und jetzt legt ihr so richtig los. Super! Da soll mal einer sagen, Freiwillige wären überflüssig. Nix da. Vor allem die Häkelkurse finde ich klasse. Mal ganz was anderes. Weiter so … :-)))

  2. Liebe Johanna!

    Ich finde das super was du machst, ein Beitrag für Menschen die nicht vom Leben geliebt und verwöhnt sind. Du kannst vieles dazu beitragen, dass die Menschen etwas lernen können und dass man ihnen ihr Würde wieder geben kann.

    Frau mich von dir zu hören, mach so weiter, es wird dir gedankt werden.
    Viel Humor und Geduld wünsche ich die.

    Alles Liebe
    Bea aus Wien

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