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Erste Eindrücke aus Ruanda – über wasserscheue Afrikaner, ruandische Gelassenheit und die Faszination „Weißer“

Mwiriwe neza! Ich heiße Yasmin, bin 18 Jahre alt und seit nunmehr drei Monaten als Freiwillige für die Partnerorganisation „Vision Jeunesse Nouvelle“ in Gisenyi, Ruanda, tätig. Kaum zu glauben, dass schon fast 12 Wochen vergangen sind, seitdem ich gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen Charlotte sowie Jonas und Sophia, die in Musanze arbeiten,  in den Flieger nach Kigali gestiegen bin! In dieser Zeit, die ich nun schon in Gisenyi lebe, hatte ich viel Gelegenheit, Ruanda und seine Menschen besser kennenzulernen…erste-eindruecke-aus-ruanda-2Buhoro Buhoro! Everything’s different in Rwanda!

Gemäß diesem Motto habe ich in den ersten Wochen schon so einige lustige Erfahrungen mit der ruandischen Kultur, Mentalität und vor allem dem afrikanischen Alltag gemacht. Sei es nun der chaotische Verkehr, der hin und wieder für einen kurzen Anstieg des Adrenalinpegels und das anschließende Gefühl tiefer Dankbarkeit, heil angekommen zu sein, sorgt, oder auch die Worte „Buhoro buhoro“, die wir seit unserer Ankunft hier gefühlte tausendmal gehört haben und die so viel wie „Langsam, immer mit der Ruhe“ bedeuten – eins ist mir auf jeden Fall klar geworden: Ruanda ist so anders als Deutschland – und die Ruander so anders als wir! Man könnte einen langen Text über die ruandische Mentalität schreiben, aber um es kurz auf den Punkt zu bringen: die Ruander „chillen“ einfach. Ich muss zugegeben, dass ich mich gelegentlich dabei erwische, wie ich mich frage, wie bei dieser Gemächlichkeit und Gelassenheit überhaupt Ergebnisse erzielt werden können oder wie hinter scheinbarem Chaos (Stichwort Verkehr) am Ende doch ein funktionierendes System steckt.  Manchmal gibt es Momente, in denen Charlotte und ich uns ansehen und einfach lachend den Kopf schütteln.

Lustig finden wir auch jedes Mal aufs Neue, welchen Einfluss Regen auf das Leben der Afrikaner hat. Man sollte meinen, dass in einem Land, dessen Jahr aus Regen- und Trockenzeit besteht, gelegentliche Regenschauer kein Problem darstellen sollten. Wobei, das tun sie auch nicht – die Ruander lassen einfach alles stehen und liegen und bleiben zuhause. Was wurden wir ausgelacht, als wir einmal pitschnass auf unserer Arbeitsstelle erschienen sind, nachdem wir 3 Kilometer zu Fuß durch den Regen laufen mussten, da unsere Räder noch bei VJN waren und selbst die Motorradtaxis Geld verdienen in dem Moment nicht so verlockend fanden wie sich unter den Tankstellen unterzustellen! Regenschirm und -jacke sind der allgemeinen Bevölkerung nicht wirklich bekannt, und der Satz „Sorry, dass ich nicht gekommen bin, aber es hat ja geregnet“ gilt hier als ernsthafte Entschuldigung. Und selbst wenn es nicht regnet, sollte man nicht davon ausgehen, dass ein Ruander pünktlich zu einer Verabredung erscheint. Kein Stress also, wenn man zu jenem Zeitpunkt selbst noch nicht fertig ist, eine halbe Stunde bleibt einem noch mindestens!

Ruanda – das Land der tausend Hügel und des ewigen Frühlings

Eine Sache, an der ich mich noch immer nicht sattgesehen habe und nie sattsehen werde, ist die wundervolle Natur Ruandas. Die Bezeichnung „Land der tausend Hügel“  trifft den Nagel auf den Kopf. In den ersten Wochen sind wir viel mit dem Auto unterwegs gewesen, weil uns alle Außenstellen von VJN gezeigt wurden. Diese Fahrten waren für Charlotte und mich, abgesehen davon, dass wir jedes Mal, wenn wir eine ländlicher gelegene Schule besucht haben, eine besonders intensive Erfahrung mit den steinigen Landstraßen machen mussten, immer ein Highlight: beeindruckende Vulkane, eine mit Bananenbäumen und kleinen Dörfern übersäte Berglandschaft, Täler mit großflächigen grünen Teeplantagen und natürlich der Kivusee, an dem unser Einsatzort Gisenyi liegt. Wann immer wir wollen, können wir innerhalb weniger Minuten am Wasser sein, schwimmen gehen, oder einfach am Ufer sitzen und die Sonne im See versinken sehen.erste-eindruecke-aus-ruanda-1Ein Grund, warum Ruanda „Land des ewigen Frühlings“ genannt wird, ist das ganzjährig angenehme, frühlingshafte Klima. Oft bekomme ich erstaunte Reaktionen aus Deutschland, wenn ich auf die Frage, wie warm es denn bei mir gerade sei, nicht mit den klischeehaft afrikanischen 40 Grad im Schatten, sondern angenehmen 20 bis maximal 30 Grad antworte. Der Grund, warum Ruanda trotz seiner äquatornahen Lage ein solches Klima besitzt, ist wohl dessen bergige Landschaft und die etwas höhere Lage unseres Ortes Gisenyi. Obwohl Ruandas Temperaturen also mehr als erträglich sind (nachts sinken sie sogar auf schlaftaugliche 15 bis 18 Grad), kann ich dennoch nicht sagen, dass ich hier nicht doch manchmal schneller ins Schwitzen komme als in Deutschland. In einem Sportprogramm wie VJN, in dem man selbst hin und wieder körperlich tätig wird, offenbart sich das Tropische am afrikanischen Klima dann doch immer mal, in dem man schon nach wenigen Minuten Tanzen oder Aerobic schweißgebadet und außer Puste ist…

„Umuzungu, Umuzungu!“

Dies ist wohl das erste Wort in Kinyarwanda, das ich hier im Schlaf konnte. „Umuzungu“, was so viel wie „weißer Mensch“ bedeutet, hören Charlotte und ich hier nahezu an jeder Straßenecke. Dieses Phänomen ist besonders ausgeprägt auf dem Land, wo viele der Kinder und selbst einige Erwachsene noch nie eine weiße Person gesehen haben. Fasziniert werden wir von allen Seiten betrachtet; scheu, aber neugierig kommen die Kleinen näher, fassen uns kurz an, kichern ungläubig und einige Mutige greifen sogar in unsere Haare, die sich ja so anders anfühlen als die eigenen und sogar eine andere Farbe besitzen!

Die Begeisterung für unser Haar teilen sich die Kinder vor allem mit dem weiblichen Teil der Bevölkerung. Lange Haare sind hier eine Seltenheit, weil sie bei den Afrikanerinnen nur sehr langsam wachsen, und noch viel bewundernswerter sind glattes Haar wie meins oder große Locken wie Charlottes. Die Ruanderinnen würden so ziemlich alles dafür geben, und sie bemühen sich sehr, unserer Haarstruktur näher zu kommen. Von künstlichen, eingeflochtenen Rastas bis hin zu abenteuerlichen Perücken (einige Frauen sind dabei stiltechnisch in den 60ern oder 70ern hängen geblieben), die teils sogar auf dem Kopf angenäht werden, haben wir hier schon alles gesehen.erste-eindruecke-aus-ruanda-3

Wie auch immer, so süß wir das glockenhelle „Umuzuuuuungu“ der Kinder manchmal finden, so herausfordernd wird es mit der Zeit, ständig eine Attraktion auf Ruandas Straßen zu sein. Auch wenn wir noch keine wirklich negativen Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben und „Umuzungu“ meist eher Bewunderung als Diskriminierung ausdrücken soll, so weiß man doch ständig, dass man bei jeder Handlung in der Öffentlichkeit beobachtet wird – und das nicht gerade unauffällig! Für mich als kleinen Tollpatsch kann das schon mal peinlich enden, zum Beispiel, wenn ich mal wieder in meinem „europäischen Tempo“ über den Fußweg laufe, ohne auf den Weg zu blicken, und über einen losen Stein stolpere… Eine kleine Abwehrstrategie meinerseits ist es inzwischen geworden, auf das „Umuzungu“ Erwachsener mit einem freundlichen „Sinitwa Umuzungu“ („Ich heiße nicht Weißer“) zu antworten. Das sorgt meist für ein Lachen, löst die verlegene Distanz und führt nicht selten zu einem Gespräch, durch das ich mich so lange tapfer in Kinyarwanda durch zu quälen versuche, bis es über die Standardfloskeln hinausgeht.

Autor:

Yasmin

Yasmin absolviert ihren Freiwilligendienst im Projekt Vision Jeunesse Nouvelle in Gisenyi, Ruanda.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Yasmin,
    danke für den Einblick in deinen Alltag. Ja, da muss man durch, dass man eine Art „Attraktivität“ ist, wenn man als Weiße/r in Afrika unterwegs ist. Aber ich finde deine Idee, damit umzugehen, richtig gut!
    Neid kommt dann mal wieder auf, wenn ich draußen auf die Straße schaue und nicht auf den Kivusee. Naja … That’s life!
    LG, Uta

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