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Allerheiligen und die Filipinos legen los!

„Wenn mich jemand fragt, wo PREDA liegt, antworte ich immer „Nah am Himmel“. Wisst ihr auch warum?“ Mit dieser Frage wurden wir gleich in unserer zweiten Woche hier in den PREDA Insider Witz von Marlyn, unserer Koordinatorin, eingeweiht.  Ohne lange nachzudenken, verneinten wir. „Weil PREDA  direkt hinter dem örtlichen Friedhof von Olongapo liegt“, antwortete Marlyn lachend.imag1153

Mit 82,4% bilden die Katholiken die Mehrheit auf den Philippinen. Den Grundstein der Verbreitung des  Katholizismus setzte bereits im 16. Jahrhundert der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan. Nach seinem (kurze Zeit später folgenden) Tod, entschlossen sich die Spanier dazu, ihre Ansprüche zu erheben und entsandten weitere Flotten. Unter anderem auch eine unter dem Seefahrer Miguel Lopez de Legazpi. Legazpi zwang die verschiedenen Stämme zur Unterwerfung und  Unterzeichnung eines Abkommens, welches sie völlig dem spanischen Gesetz unterstellte. Schnell verbreitet sich nun der Katholizismus.

Auch die Region um Olongapo, in der wir seit nun fast 4 Monaten leben und arbeiten, ist sehr religiös, vor allem katholisch, geprägt. So findet man fast kein öffentliches Verkehrsmittel, in welchem nicht mindestens ein Schild mit „God bless Olongapo“ befestigt ist, und auch ein kleines Kreuz hängt in fast allen. Läuft man durch die Straßen, entdeckt man viele kleine, aber auch die ein oder andere große und eindrucksvoll moderne Kirche. Die Filipinos selbst kann man immer wieder dabei beobachten, wie sie sich bekreuzigen und vor dem Essen beten.

Wie viele andere katholisch Gläubige in dieser Welt, feiern auch die Filipinos Allerheiligen am 1. November. Jedoch tun sie es auf ihre ganz eigene und im ersten Moment vielleicht merkwürdige Art. Schon im August wurde uns von verschiedenen Mitarbeitern empfohlen, am 1.November einmal über den Friedhof zu gehen, weil es anscheinend was ganz besonderes sei. „Dann ist es überhaupt nicht gruslig, denn es sind viele Leute dort, und überall brennen Kerzen“ – war nur eine Ermutigung von vielen.  Zuerst waren wir unsicher, was alle damit meinten und erwarteten nicht allzu viel, da natürlich auch in Deutschland viele Leute an Allerheiligen auf den Friedhof gehen, Blumen ablegen und Kerzen anzünden.

Eine Woche vor dem Feiertag begann dann, im wahrsten Sinne des Wortes, der ganze Trubel. Man sah mehr Leute in der Nähe des Friedhofs und viele waren mit Dingen wie „Heckenschneiden“ oder fegen beschäftigt. Es machte den Anschein, als wäre der bevorstehende Feiertag ein allgemeiner Aufruf  für den „Friedhofsgroßputz“. Säcke voller Müll, Blätter und Äste sammelten sich am Straßenrand des Friedhofs. Am 30. November fingen dann einige Leute an, kleine, improvisierte Sari-Sari Stores am Rande des Friedhofs aufzubauen. Mona und ich konnten unseren Augen kaum trauen, als am Straßenrand den Hügel hinunter am Friedhof mindestens 10 kleine Läden „öffneten“ und auf Tischen verschiedene kleine Süßigkeiten, Getränke und andere Snacks zum Verkauf bereitstellten. Wie es schien, warteten sie auf den Umsatz des Jahres.

Der erste November selbst, hat dann aber all unsere Erwartungen übertroffen. Ein Teil der Straße wurde abgesperrt, sodass die Menschenmassen, die den Hügel hinauf pilgerten, nicht von vorbeifahrenden Autos erfasst werden konnte. Mit Blumen, Essen und Kerzen bepackt, machten es sich die Leute auf den Gräbern ihrer Angehörigen gemütlich. Wir konnten es zuerst gar nicht glauben, aber die Filipinos PICKNICKTEN wirklich AUF den Gräbern. Es fühlte sich an, als würden die Menschen eine große Party feiern, denn alle waren in ausgelassener Stimmung, Musik dudelte hier und dort und überall waren laute Stimmen zu hören.

Mit dem „deutschen“ Allerheiligen hatte das alles hier nicht wirklich viel gemeinsam, aber mich entscheiden, welche Art ich schöner finde, um diesen Feiertag zu zelebrieren, kann ich nicht. Einerseits ist es schön in völliger Stille und mit viel Ruhe auf den Friedhof zu gehen und seine Angehörigen zu besuchen und ihnen die Ehre zu erweisen. Andererseits ist es schön zu sehen, wie viel Zeit und Mühe die Filipinos auf diesen Tag verwenden. Sie sind oft den ganzen Feiertag über auf dem Friedhof, verbreiten eine angenehme und entspannte Atmosphäre und gedenken ihren Angehörigen mit einem Lächeln im Gesicht.

Autor:

Lea

Lea absolviert ihren Freiwilligendienst bei der Preda Foundation in Olongapo City auf den Philippinen. Die Stiftung hilft Kindern aus verschiedenen Misshandlungssituationen, indem sie ihnen ein Zuhause in einem ihrer Häuser geben und sie ihnen dann bei der Reintegration in der Gesellschaft helfen.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Lea,
    also, das ist mal ein Allerheiligen nach meinem Geschmack! Ich bin kein Freund der deutschen „Friedhofskultur“ und kann damit für mich wenig bis gar nichts anfangen. Ich bin gläubig, aber diese immer gedrückte, trauernde Stimmung und Zurückhaltung sagt mir nichts. Natürlich gibt es eine Zeit der Trauer, in der man traurig ist und sein soll. Aber dann? Ich denke gerne an viele Begebenheiten mit der/dem Verstorbenen, gerne auch gemeinsam mit anderen. Und um in einem netten Plausch mit Anderen Erinnungen auszutauschen und auch mal zu lachen, dafür ist bei uns auf dem Friedhof kein Raum. Aber so wie ihr Allerheiligen erlebt hat, wäre das ja ganz anders. Und ich fände das sehr schön, wenn es auch bei uns einmal im Jahr einen Tag geben würde, an dem der Friedhof ein Ort der unterhaltsamen Begegnungen wäre.
    Auf weiterhin viele spannende Erfahrungensberichte von euch freue ich mich.
    LG, Uta

  2. Liebe Lea,
    wow, dass ist tatsächlich eine andere Art, diesen Feiertag zu begehen.
    Es erinnert mich auch ein bisschen an Timor, wo der ganze Friedhof mit Kerzen erleuchtet war und sich die ganze Stadt dort, auf nicht vielen Quadratmetern, versammelt hat.
    Ich finde es immer schön, auch andere Möglichkeiten zu sehen, abseits von unseren Traditionen.
    Und Lachen ist schöner als Trauern – warum also nicht! 🙂
    Liebe Grüße, Maria

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