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Nur Bares ist Wahres

Etwa 20 bis 25 Prozent der indischen Wirtschaft folgen diesem Motto – so groß wird etwa der Umfang der Schattenwirtschaft in Indien geschätzt, also Schwarzgeld. Aber das soll nun der Vergangenheit angehören. 

Menschen warten darauf, dass die Banken wieder öffnen in Mumbai.

Menschen warten heute Morgen darauf, dass die Banken wieder öffnen in Mumbai.

Kurz nach neun Uhr erhielt ich von Freunden die erste Nachricht, dass ich den Fernseher einschalten sollte – was in der Regel ja kein besonders gutes Zeichen ist. Mit einem etwas mulmigen Gefühl sah ich den indischen Premierminister, Narendra Modi, der gerade verkündete, dass der größte Teil des Schwarzgeldes in Indien in Form von 500 und 1000 Rupienscheinen im Verkehr seien (in Euro ca. 6,50€ und 13€ ungefähr).  Als Maßnahme im Kampf gegen Korruption und Schwarzgeld  habe man daher beschlossen, diese aus dem Verkehr zu ziehen und durch neue 500 und 2000 Rupienscheine zu ersetzen. So sensationell erschien mir das erst mal nicht und ich wunderte mich, warum weiterhin mein Handy mit Textnachrichten von Freunden überflutet wurde….bis ich hörte, ab wann 500- und 1000 Rupienscheine nicht mehr gültig wären: nämlich in genau zwei Stunden, um Mitternacht.

Einer der vielen Straßenhändler, die vollkommen auf Bargeld angewiesen sind.

Einer der vielen Straßenhändler, die vollkommen auf Bargeld angewiesen sind.

Ein kurzer Blick in mein Portemonnaie gepaart mit der Nachricht, dass für die nächsten zwei Tage alle Banken und Bankautomaten geschlossen blieben würden, bewirkte in mir den plötzlichen Drang, noch schnell etwas einkaufen zu gehen. So klapperte ich die Läden in der Nachbarschaft ab und bezahlte eine Tüte Chips, eine Zahnpasta, einen Saft jeweils mit 1000 Rupien, was in Deutschland so wäre, als wenn man das mit einem 50€-Schein zahlen würde. Am Ende der Tour hatte ich rund 1300 Rupien in kleinen Scheinen: das würde für die nächsten zwei bis drei Tage reichen. Was für mich nur ein weiteres der vielen kleinen Abenteuer des indischen Alltag ist, stellt besonders für die arme Bevölkerung in Indien ein echtes und sehr plötzlich auftretendes Problem dar.

Eine Bettlerin in Südmumbai

Eine Bettlerin in Südmumbai

In Indien haben trotz verstärkter Anstrengungen der Regierung in den letzten Jahren (Pradhan Mantri Jan Dhan Yojana Programm) noch immer über 50% der Menschen kein Konto bei einer Bank. Das bedeutet, dass sie ihre Ersparnisse in Bargeld verwahren, die jetzt, sofern in 500 und 1000 Rupienscheinen verwahrt, erst mal wertlos sind. Um das Geld umzutauschen, benötigt man nämlich ein Konto. Das müssen viele Menschen nun aber erst einmal einrichten, was sicher mehr als ein paar Tage dauern wird. In vielen Zeitungen wird auch von Menschen berichtet, die plötzlich einfach kein Geld mehr hatten.  Selbst mit mehreren Tausend Rupien in der Tasche sah man sich plötzlich in einer Situation, wo man nichts mehr kaufen konnte. Ab Punkt Mitternacht nahm niemand die alten Scheine mehr an. Dies betraf viele der Tagelöhner in der weitverzweigten informellen Wirtschaft Indiens. Auch Bettler und Obdachlose haben die Maßnahme zu spüren bekommen, obwohl ja vor allem Korruption und Schwarzgeld das Ziel waren. Plötzlich waren 10 und 100 Rupienscheine das einzige Bargeld im Umlauf und das wurde immer knapper, sodass viele Leute den Bettlern nichts mehr gaben oder sehr viel weniger.

In ein paar Tagen wird sich die Lage hoffentlich beruhigt haben, aber für die Armen werden es sehr schwierige Tage gewesen sein.

Autor:

Vincent Möller hat bis zum Mai 2014 bei Misereor als Referent für Energie- und Klimapolitik gearbeitet. Derzeit lebt er in der indischen Megastadt Mumbai und berichtet von dort über seine Arbeit und den Abenteuer Alltag in Indien. Seine Aufgabe vor Ort ist es, Misereor-Partnerorganisationen in den Themen Zugang zu Energie für die Armen und klimaorientierte Stadtentwicklung zu beraten.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frau Vockrodt-Stiel,

    erst mal vielen Dank für den Kommentar. Ja, es ist schon so, dass die Regulierungen deutlich gelockert wurden, sodass jede Form von Identitätsnachweis ausreicht, um ein Konto eröffnen zu können. Vorher konnte man das nur, wenn man einen Wohnortsnachweis am jeweiligen Ort hatte und der auch polizeilich bestätigt war usw. Das dürfte dieser Tage dennoch nicht ganz einfach sein, aber man hat auch bis zum 31. Dezember Zeit sein Erspartes einzuzahlen. Die Post und staatliche Banken wechseln jetzt auch einfach Geld ohne Konto. Insgesamt muss man schon sagen, dass die Maßnahme eher Menschen trifft, die große Summen in Bar zu Hause lagerten, was in der Regel Schwarzgeld ist.
    Gleichzeitig wird es immer schwieriger an nutzbares Bargeld zu kommen. Mittlerweile sind recht viele 2000 Rupienscheine im Umlauf, aber die kann man kaum nutzen, weil einem niemand mehr passend rausgeben kann. Dadurch, dass man die 500- und 1000 Rupienscheine aus dem Verkehr gezogen hat, gibt es nur noch die kleinen Scheine, 100. 50, 20 und 10 Rupienscheine, aber die sind mittlerweile extrem knapp. Darunter leiden vor allem wie im Artikel angesprochen die kleinen Händler und Bettler, weil die Menschen nichts mehr kaufen (können). Geht mir gerade auch so – ich habe 4000 Rupien in der Tasche, konnte damit aber keine Rikshaw bezahlen, kein Wasser kaufen und noch nicht mal meine Stromrechnung damit bezahlen. Und die Bankautomaten sind weiten teils immer noch geschlossen und so langsam nervt es echt.
    Liebe Grüße aus Mumbai, Vincent

  2. Lieber Herr Möller,
    ich lese immer die Blogeinträge unserer Freiwilligen und bin durch die interessante Überschrift auf Ihren Eintrag gestoßen. Unglaublich, was da vor sich geht. Sicherlich gut gemeint von der Regierung. Aber wen trifft es, mal wieder, vor allem: Die Schwachen und diejenigen, die nichts dafür können und auch nichts dran ändern können, sondern irgendwie mit ihrem Schicksal fertig werden müssen. Kann denn in Indien wirklich JEDER ein Konto eröffnen? Dies ist in unserem so modernen Deutschland ja erst seit ein paar Monaten möglich, dass die Banken wirklich jeden Kunden annehmen müssen. Denn: Wenn nicht, wass passiert dann mit den Menschen in Indien?
    LG aus der MISEREOR-Geschäftsstelle, Uta Vockrodt-Stiel

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