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Urbane Landwirtschaft im Tetrapak

„Unglaublich wie viel Platz hier zum Gärtnern ist, das ist in Rio undenkbar!“ – Bruno Prado, Projektkoordinator bei der MISEREOR-Partnerorganisation AS-PTA in Brasilien, schlendert durch einen Gartenbahnhof in Köln. Eine grüne Gartenoase. Hier bauen Kölnerinnen und Kölner Obst und Gemüse an, interessieren Kinder für’s Gärtnern und geben Workshops rund um das Thema städtischen Anbau. Die interessieren auch Bruno Prado besonders, zusammen mit Debjeet Sarangi, Gründer der „Living Farms“ in Indien, war er zu Gast in Deutschland. Im Zentrum ihrer Reise: Die Zukunft unserer Ernährung.

Bruno Prado, Projektkoordinator bei der Organisation AS-PTA Brasilien, die Kleinbauernfamilien darin unterstützt, lokale Absatzmärkte für ihre Produkte zu finden. Fotos: MISEREOR

Herr Prado, AS-PTA setzt sich seit 1983 für Alternativen zum Anbau von Genmais und -soja ein und unterstützt Kleinbauernfamilien darin, lokale Absatzmärkte für ihre Produkte zu finden. Seit den 2000er Jahren geht es auch um urbane Landwirtschaft in Rio de Janeiro. Warum?

Bruno Prado: Die Idee war, die Lebenswelt der Menschen in Rio kennen zu lernen und ihre Art, Landwirtschaft in der Stadt zu betreiben. Denn urbane Landwirtschaft ist nicht gleich urbane Landwirtschaft. Viele Menschen sind in den 1970er Jahren vom Land nach Rio gekommen und haben ihre Traditionen mitgebracht: Kräuter, Obst- und Gemüsesorten und das Wissen um den Anbau. Und sie haben das Ganze auf den begrenzten Raum der Stadt übertragen: auf kleine Gärten, aber auch Plastikflaschen, aufgeschnittene Tetrapaks oder Pflanzkübel in der Wohnung. Das nennen wir „intra-urbane-Landwirtschaft“. In den 1950er Jahren hatte aber auch der „peri-urbane Raum“ einen größeren Anteil an der Lebensmittelversorgung der Städter. Es gab viele hunderte landwirtschaftliche Familienbetriebe in Rio. Heute gibt es noch immer einige, aber sie sind fast unsichtbar geworden für die Gesellschaft. Ihr Hauptproblem sind Landrechte, denn sie müssen immer wieder Großbauprojekten weichen oder ihre Betriebe fallen Schutzauflagen zum Opfer. Zum Beispiel in den Randgebieten des Estadual da Pedra Branca, einen der größten Stadt-Wälder der Welt. Wir glauben, dass es gerade die Bauern sind, die den Park eigentlich erhalten und schützen. Stattdessen dürfen große Häuser, Ranches oder Villen gebaut werden. Das ist absurd!

Wie arbeiten Sie mit den Landwirten aus der Stadt?

Bruno Prado: Wir unterstützen die Farmer bei der Vermarktung ihrer Produkte und helfen ihnen, ihre Netzwerke zu stärken. Es geht uns darum, lokalen, vielfältigen Produkten ein Gesicht und dem Thema damit Aufmerksamkeit zu geben. Einmal im Monat kommen die Landwirte zusammen und diskutieren ihre Probleme – auch die Frage, wie wir gut leben und uns auch in der Stadt ernähren können.
Debjeet Sarangi: Ich möchte ergänzen: Wenn wir über Städte und ihre Entwicklung reden, dann reden wir meist über das, was wir sehen. Zum Beispiel über den wachsenden Zuzug vom Land. Aber ziehen wirklich alle Menschen in die Stadt, weil sie das auch unbedingt wollen? Oder werden sie vielleicht nicht auch durch wirtschaftliche, soziale Umstände, durch sich ändernde Umweltbedingungen, dazu gezwungen? Sie müssen funktionierenden Gemeinschaften verlassen, ihr vormals fruchtbares Land und ihre Eigenständigkeit aufgeben, weil sie auf dem Land nicht mehr überleben können. Unsere Verantwortung ist, auch sie zu sehen und einzubeziehen.

Zum Beispiel wie Ihre Organisation „Living Farms“…

Debjeet Sarangi: Living Farms arbeitet in Indien mit indigenen Gruppen zum Thema Ernährungssouveränität. Damit meine ich das lokale Ernährungssystem: das Land, den Wald, die Bestimmung über Saatgut, Rituale und Traditionen in der Anbauweise von Lebensmitteln und auch lokale Absatzmärkte. Wir wollen die Jugend, Männer und Frauen daran beteiligen, ihr eigenes lokales Ernährungssystem zu definieren und sich nicht abhängig zu machen von zum Beispiel Großkonzernen. Das schützt sie auch vor der Unsicherheit der Märkte – und schafft Resilienz. Wir wollen, dass sie selbst entscheiden, was angebaut, gebraucht und zu welchen Preisen verkauft wird. Das betrifft mittlerweile rund 100.000 Menschen in vielen kleinen Netzwerken. Während einer Konferenz hier in Deutschland wurde mir auch deutlich: ob wir aus Togo, Ghana oder dem Iran kommen, aus der Stadt oder vom Land, wir alle sind uns einig, dass Ernährung wieder uns gehören muss. Genau darum geht es, ob in Schulgärten, bei den Farmern, auch bei dem, was wir hier in Köln sehen. Und das ist hoch motivierend und inspirierend! Mir gibt das Hoffnung. Und es zeigt: Wir sind in den Bus gestiegen.

Debjeet Sarangi, Gründer der „Living Farms“ in Indien.

Wie meinen Sie das?

Bruno Prado: Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Farmer, die vertrieben wurden: Wir glauben, dass sie uns Lösungen aufzeigen, wie sich Städte entwickeln müssen. Die Lösungen für die Ernährung der Zukunft können nicht von außen diktiert werden, sind nicht immer hochtechnisiert, sie müssen aus der Gemeinschaft heraus kommen! Natürlich wissen wir auch, dass urbane Landwirtschaft Grenzen hat, das sie niemals alle Bewohner einer 6 Millionen-Einwohner-Stadt wie Rio versorgen kann – aber sie ist ein entscheidender Schlüssel zur Lösung des Problems.

Herr Sarangi, in Indien sind auch Fehlernährung, Übergewicht, chronische Erkrankungen ein wichtiges Thema.

Debjeet Sarangi: Fehl- und Mangelernährung wird immer relevanter, die Debatte darum ist aber hoch technisch, medizinisch oder wird immer wieder über Einzelaspekte geführt. Zum Beispiel: Es gibt rund 2 Millionen Menschen mit Nährstoffmangel. Ich habe keinen Zweifel an der Zahl, aber der Satz muss zu Ende gebracht werden: es gibt 2 Millionen Menschen, die unter Nährstoffmangel leiden, weil ihre Ernährungssysteme zerstört sind. Das Essen, das sie zu sich nehmen, ist extrem energie- und kohlehydrathaltig, es ist industriell verarbeitet und die Nahrungsmittelvielfalt geht stark zurück. Gesellschaft, Politik und Organisationen müssen Ursachen diskutieren, nicht allein Folgen! Wir brauchen Lösungen, die die Leute befähigen – und sie nicht entmündigen.
Bruno Prado: Bis heute haben viele Politiker nicht erkannt, welche Distanz sie zwischen den Menschen und ihrer Ernährung geschaffen haben und welche Folgen das hat. Auch in Brasilien sprechen die Menschen immer häufiger nicht mehr nur über Ernährungssicherheit, sondern auch von Ernährungssouveränität!

Welche Erfahrungen nehmen Sie aus Deutschland mit?

Debjeet Sarangi: Wir haben gesehen, dass Unternehmen mit Monopolen uns voneinander entfernen und unsere Wurzeln zerstören – überall auf der Welt. Und dass wir viel voneinander lernen können.


Weitere Informationen

AS-PTA stellt seine Arbeit in rund 200 agrarökologischen Projekten vom 11. bis zum 12. September 2017 auf der Urban Farming Konferenz in Berlin vor. „MISEREOR unterstützt AS-PTA, denn urbane Landwirtschaft spielt eine wichtige Rolle in der Armutsbekämpfung“, erklärt Alessa Heuser, Ernährungsexpertin bei MISEREOR. „Arme Familien in Rio können sich durch den Obst- und Gemüseanbau selbst versorgen und ein Zusatzeinkommen erwirtschaften. Durch den Verkauf an Schulen oder Kantinen profitiert dann die gesamte Gemeinschaft. Die Bauern haben feste Abnehmer für ihre Nahrungsmittel und die Schülerinnen und Schüler erhalten frische, gesunde, fair und umweltfreundlich erzeugte Nahrungsmittel.“ Alle Infos zur International Urban Farming Conference gibt es hier

Länder, in denen MISEREOR Urban Gardening Projekte unterstützt

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Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck ist persönliche Referentin von MISEREOR-Chef Pirmin Spiegel.

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