Suche
Suche Menü

Laos: Heiliger Wald

Unscheinbar – und doch so wichtig! Auf der Bodennutzungskarte des Dorfes Nong Khuay in der Provinz Luang Prabang in Laos, die mir im Büro unserer Partnerorganisation SPERI/CHESH gezeigt wird, ist ein kleiner Fleck zwischen all den anderen bunten Nutzungsarten dunkelgrün gefärbt: Heiliger Wald!

Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon mit dem Dorfvorsteher von Nong Khuay und dem Direktor der MISEREOR-Partnerorganisation SPERI/CHESH. © Rupp | MISEREOR

Die Karte mit all ihren Unterschriften bestätigt dies offiziell – so ist es nun auch im Provinzkataster niedergelegt. Auch heilige Orte haben dadurch Bestandsrechte, werden nicht der Vermarktung oder Umfunktionierung unterworfen. Nur durch den partizipativen Prozess der Erstellung der Karte durch die Dorfbewohner selbst, die dafür auch in der Handhabung der GPS- Ortung ausgebildet wurden, konnte dies wie die gesamte auf Vielfalt und Kreislauf basierende Wirtschaftsweise des Dorfes nun festgehalten und durch die Provinzbehörden offiziell anerkannt werden.

Dies ist ein starkes politisches Signal für eine endgültige rechtliche Absicherung entsprechend einer aktuell in Entstehung befindlichen neuen laotischen Landgesetzgebung. Eine neue Gesetzgebung wird durch ein Dekret des laotischen Präsidenten aus dem Jahr 2017 für einen besseren Schutz und eine nachhaltige Nutzung der lokalen Ressourcen eingefordert. Diese ist auch bitter nötig, denn wie überall wächst auch in Laos die Gier fremder Investoren, hier vor allem aus China, Vietnam und Thailand, nach Land: für Plantagen, für Infrastruktur, für Ausbeutung von Bodenschätzen. Die natürlichen Ressourcen dieses wunderschönen Landes mit seinen so freundlichen Menschen sind enorm unter Druck.

Wald unter Druck

Das gilt auch und vor allem für den Wald und seine Nutzung. Noch bedeckt er rund 80% des Landes und so soll es laut Dekret des Präsidenten auch bleiben. Allerdings ist damit noch nichts darüber gesagt, was als Wald überhaupt verstanden wird, denn auch Teakholz- oder Kautschukplantagen können dazu gehören. Es kommt also sehr darauf an, wie er bewirtschaftet wird. Und da kommen wir schon zurück in das Dorf Nong Khuay, das ich nicht nur auf der Nutzungskarte, sondern auch vor Ort mit all seinen Bewohnerinnen und Bewohnern kennenlernen durfte.

Es ist nicht einfach zu erreichen- wenn es Sturzbäche regnet, wie bei uns, stürzen Bäume auf die Erdpiste, die zugleich blitzschnell zu Schmierseife wird. Aber so ist es in den Feuchtwaldgebieten, der heftige Niederschlag gehört dazu und ist für die Bewohner eher eine Freude. Denn er hält nicht nur den Vegetationskreislauf in Gang, sondern versorgt die Pflanzungen der Bäuerinnen und Bauern mit Wasser zum Wachsen. Deshalb ist die Nutzungskarte des Dorfes auch so vielfarbig, denn sie bildet die Vielfalt seiner naturnahen Rotationswirtschaft ab.

Sieben Jahre dauert in der Regel der Zyklus, bei dem jede Parzelle einschließlich des Waldes wechselnd bewirtschaftet wird und eine Zeit brach liegt, um sich zu regenerieren. Deshalb ist die Vielfalt groß: Mais, Reis, Gemüse, Bananen, Mangos, Waldfrüchte, Waldgemüse und vieles mehr gehören ebenso dazu wie Geflügel und Schweine. Dazu gehören aber ebenso auch bestimmte Waldstücke und Wasserläufe, die den Bewohnern aufgrund ihrer spirituellen Bedeutung heilig sind.

Heiliges Waldstück am Dorfrand von Nong Khuay. © Rupp I MISEREOR

Im Fall von Nong Khuay liegt ein solches heiliges Waldstück direkt am Dorfrand, oberhalb eines kleinen Teiches. Dieser Wald darf weder von den zum Dorf gehörenden Volk der Hmong noch von den ebenfalls dort lebenden Volk der Khmu genutzt werden. Nicht einmal das Sammeln von Pilzen oder anderen Pflanzen ist dort gestattet.

Bewahrung der Schöpfung ist zentraler Bestandteil des Überlebens

Dorfleben in Nong Khuay. © Rupp I MISEREOR

Laos ist mit seinen nahezu 80 Ethnien bei 7 Mio. Einwohnern multiethnisch und vielsprachig – in Nong Khuay z.B. leben die Khmu mit den Hmong in friedlichem Miteinander. In ihrer besonderen Spiritualität begegnen sie sich sogar, denn das Waldstück ist allen gleichermaßen heilig. Lediglich der Tag, an dem sie es einmal im Jahr für feierliche Zeremonien betreten dürfen, ist für Hmong und Khmu ein jeweils anderer. Die Weltsicht aber teilen sie miteinander, insbesondere die Ehrfurcht vor der Natur und den Respekt vor der Schöpfung. Ihnen ist ihre Bewahrung nicht nur wichtig, sondern zentraler Bestandteil ihres (Über)Lebens. Der Wald ist für sie beseelt, hat eigene Rechte und verdient Achtung. Wie ähnlich dies doch der Weltsicht der tausende Kilometer entfernt lebenden Völker Amazoniens oder auch der Völker des afrikanischen Kongobeckens ist. Ihnen allen widmet sich die von Papst Franziskus einberufene Amazonas-Synode im Herbst diesen Jahres. Das Dorf Nong Khuay mit seinem kartografierten Heiligen Wald zeigt, warum diese Synode auch für Laos so wichtig ist.

Autor:

Martin Bröckelmann-Simon

Dr. Martin Bröckelmann-Simon verantwortet als Geschäftsführer für Internationale Zusammenarbeit die Entwicklungszusammenarbeit mit Partnern in Afrika, Naher Osten, Asien, Ozeanien und Lateinamerika.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.