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Sind neue gentechnische Züchtungsmethoden wirklich Hoffnungsträger?

Ein Kommentar zum Interview mit Bundesministerin Julia Klöckner zu neuen Gentechnikverfahren von Markus Wolter

In ihrem Interview mit der Funke Mediengruppe sprach sich Bundesministerin Julia Klöckner für den Einsatz von neuen Züchtungsmethoden für Pflanzen aus. In ihrer Argumentation erscheint gentechnisch verändertes Saatgut, beispielsweise nach dem CRISPR-Verfahren, als geeignetes Mittel, um einer wachsenden Weltbevölkerung, in der heute noch immer mehr als 800 Millionen Menschen hungern, eine ausreichende und angemessene Ernährung zu ermöglichen.

Fakt ist: Wir produzieren heute bereits genug Lebensmittel, um weltweit alle Menschen satt zu machen. Doch unser Umgang mit und die Verteilung der Lebensmittel sind ungenügend. Mehr als die Hälfte des angebauten Getreides landet nicht auf dem Teller, sondern wird als Futtermittel, Agrarkraftstoff oder zur Herstellung von Kunststoff verwendet. Zudem verschwenden wir circa ein Drittel der weltweit erzeugten Lebensmittel. Hier stecken immense Potenziale allein in der Umstellung von Ernährungssystemen – ohne dass dafür neue Gentechnikverfahren benötigt würden.

Menschen leiden daher noch heute unter Hunger, weil sie arm sind. Sie hungern aus Mangel an Zugang zu beruflicher Bildung, zu sozialer, ökonomischer und technischer Infrastruktur, weil sie in Kriegsgebieten leben, von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, oder keinen gesicherten Zugang zu Land haben. Debatten und Ansätze zur Hungerbekämpfung müssen daher immer auch diese Ursachen in den Blick nehmen, da sie ansonsten zu kurz greifen und wenig nachhaltig sind.

Julia Klöckner betonte, dass wir Pflanzen benötigen, die resistent sind gegen Wetterkapriolen und den Klimawandel – doch ist allein Gentechnik der richtige Weg zu diesem Ziel? Nutzpflanzen müssen in Zukunft aufgrund der klimatischen Veränderungen nicht nur extreme Trockenheit, sondern gleichzeitig auch Starkregen aushalten können. Das kann Gentechnik per se nicht leisten. Denn Saatgut-Eigenschaften wie Resistenzen gegen Trockenheit und versalzene Böden sind nicht nur auf einem Gen verortet, sie können damit von der Genschere nicht erfasst werden. Ein verengter Blick allein auf „das eine Genom“ ist damit nicht zielführend, allein das Gesamtsystem – insbesondere der Boden – können für gute und sichere Erträge sorgen.

Hinzu kommt: Gentechnik führt meist zu einer Monotonie des Anbaus. So benötigt bestimmtes gentechnisch verändertes Saatgut passgenaue Pestizide, die wiederum nur von bestimmten Konzernen produziert werden. So besteht auch weiterhin mit den neuen Züchtungsmethoden – wie in der Vergangenheit – die Gefahr einer zunehmenden Privatisierung und Monopolisierung des Saatgutsektors. Erfolgreich wird hingegen weltweit die Züchtung von sogenannten „Hofsorten“ praktiziert, welche auf die Bedingungen ihres Standortes und individuelle Bewirtschaftung genau zugeschnitten sind und gleichzeitig die Eigenschaft der Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel besitzen. Weiterhin ist der kombinierte Anbau von Sorten- oder Artengemengen zu nennen, der einhergeht mit einer nachgewiesen höheren Ertragsstabilität. Beides sind gut belegte Beispiele, wie es regional gelingen kann, Züchtung und Ackerbau erfolgreich und nachhaltig umzusetzen. Und das ohne den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide und ohne die Abhängigkeiten der Landwirte von großen Saatgutunternehmen.

Landwirtschaft hingegen, soll sie Hunger nachhaltig bekämpfen und wirtschaftlich stabile Einnahmequelle für Landwirtinnen und Landwirte sein, muss vor allem Vielfalt beinhalten. Um für komplexe Witterungsverhältnisse gewappnet zu sein, benötigen wir einen ganzheitlichen Ansatz: Förderung humusreicher Böden, die Integration von Tieren und Bäumen in die Landwirtschaft, Vielfalt in der Fruchtfolge – das alles kann unter dem Stichwort „Agrarökologie“ subsummiert werden. Agrarökologische landwirtschaftliche Ansätze arbeiten mit der Natur und nicht gegen sie. In dieser Vielfalt steckt letztlich auch eine entscheidende Lösung für unsere aktuellen Herausforderungen: Wir ernähren uns heute von 30 statt 30.000 essbaren Pflanzenarten. Zu den tausenden „vergessenen“ Arten zählen letztlich Sorten, die vor allem ohne Gen-Technik schon heute an die Veränderungen des Klimawandels perfekt angepasst sind.

Die Gedanken der Ministerin zur Welternährung sind zu begrüßen, doch eine einseitige Fokussierung von Gentechnik als Lösung für das globale Hunger-Problem ist nicht der richtige Weg, um die immensen Herausforderungen für unsere Landwirtschaft heute und in Zukunft angehen zu können. Landwirtschaft muss ökologisch verträglich, nachhaltig und vielfältig sein. Wir brauchen ein ökologisch angepasstes Agrarmodell, das das reiche lokale Wissen von Landwirtinnen und Landwirten integriert und nicht Abhängigkeiten manifestiert oder weitere schafft.

Autor:

Markus Wolter

Ich bin studierter Agrarwissenschaftler und selber Bioland-Landwirt mit Schwerpunkt Schweinehaltung gewesen. Bei MISEREOR arbeite ich zu den Themen Landwirtschaft, Agrarpolitik und Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land und Saatgut.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Herr Wolter,
    vielen Dank für diesen Beitrag. Auch nicht kundige Personen haben auf Grund Ihrer Erklärungen nun genügend Argumentationen gegen die Gentechnik erhalten. Meist scheitern daran ja viele Diskussionen, dass man einfach nicht genug Hintergrundwissen hat, um den schnellen Rufen nach Gentechnik als Lösung gegen den Hunger etwas entgegenzusetzen.

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