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NICHT krank, NICHT schwach, NICHT verdammt, NICHT verloren

Burkina Faso, ist eins der ärmsten Länder der Welt, gehört aber auch zu den kulturreichsten Nationen Westafrikas. Beim Festival „Récréatrales“ hat sich eine europäische Theatergruppe inspirieren lassen von afrikanischer Kunst als Ausdruck politischer Erneuerung.

Ouagadougou, Oktober 2018. Wie Spinnweben erstrecken sich bunte Stoffbahnen hoch in der Luft, seltsame Riesen aus Draht schreiten über die brausende Menge und tauchen die burkinische Nacht in surreale Stimmung. Wochenlang haben die Künstler Sekou Oumar Thiam aus Guinea und Sahar Koanda aus Burkina Faso das Quartier Bougsemtenga („Viertel des Glücks“) in eine verwunschene Parallelwelt verwandelt: erhabene Skulpturen aus Müll, orange glühende Lampion-Bäume, coole bunte Bartresen.

50.000 Besucher werden in den zehn Festivaltagen der „Récréatrales“ erwartet, sie sitzen vor Brakina in improvisierten Maquis-Restaurants oder flanieren zur Konzertbühne in der Mitte der Festivalstraße. Seit Monaten stimmen sich die ansässigen Familien auf das Festival ein, grillen Fleischspieße, kochen Hibiskus-Blüten zu rotem Bissap-Saft, fritieren Bananen, haben ihre Höfe mit Holzpodesten in Bühnen verwandelt. Zum zehnten Mal schon finden die „Récréatrales“ statt und sind vom kleinen Künstlertreffen zum größten Theaterfestival Westafrikas gewachsen. Erstmals ist auch der neue Präsident Burkina Fasos zur Eröffnung gekommen – ein Ritterschlag. Roch Marc Kaboré verspricht neue Förderung. „Was das Fespaco-Filmfestival für das afrikanische Filmschaffen ist, sind die „Récréatrales“ für das afrikanische Theater“, sagt er bei der Eröffnung, zu der die Anwohner eine ausgelassene Choreografie getanzt haben.

Das Konzept der „Récréatrales“ ist, ein Viertel, eine Stadt, ein Land durch Kultur zu entwickeln – und dabei so gute Kunst zu machen, dass sie auch in Europa beachtet wird. Etwa 300 Schauspieler, Künstler, Regisseure, Choreografen, Autoren sind versammelt, 13 Premieren finden statt, daneben Schreib- und Theaterworkshops, auch für die Kinder des Viertels, sowie Diskussionen über die Zukunft des Landes. Monatelang haben Künstler aus ganz Afrika im Quartier gelebt, um Projekte zu realisieren, die in ihren Heimatländern nicht so einfach möglich wären. „Tresser le courage – Den Mut bündeln“, heißt das Motto in diesem Jahr: genau zwei Jahre zuvor waren friedliche Aktivisten der Bürgerbewegung „Balai Citoyen“ vom Festivalgelände aus losgezogen, um den seit fast 30 Jahren korrupt agierenden Präsidenten Blaise Compaoré zu stürzen. Ein friedlicher Umsturz, danach gab es freie Wahlen.

Die ökonomische Situation im Land ist dennoch schwierig, seit einiger Zeit wird besonders der Norden von islamistischen Terroranschlägen erschüttert. „Wir brauchen Geduld, um die Wüste zu durchqueren“, wird der Schauspieler Etienne Minounghou, Präsident und Gründer des Festivals, nicht müde zu betonen. Im Innenhof der Familie Sib, eine Ziege schläft unter dem Baum, spielt er seine neue Arbeit „Traces“, Spuren, nach einer Rede von Felwine Sarr „An die afrikanische Jugend“. Sarr, der seinen Text extra für Minoungou bearbeitet hat, ist jener senegalesische Star-Intellektuelle, der in Europa gerade mit seiner Expertise zur Restitution von afrikanischen Raubgütern Aufsehen erregt. „Wir sind nicht krank, nicht schwach, nicht verdammt, nicht verloren – unsere einzige Schwäche ist, unsere Stärke zu ignorieren“, ruft Minounghou von der Bühne, während der burkinische Musiker Tim Winsey auf einem Mundbogen den klingenden Wassamana-Groove schlägt, traditionell und modern zugleich.

Viele der Theaterstücke handeln von einem neuen afrikanischen Selbstbewusstsein, von Aufbruch – und appellieren, autonom zu werden, sich selbst zu helfen. Die Schauspielerin und Regisseurin Odile Sankara etwa hat für „Parole due“ („Fälliges Wort“) den Dichter Aimé Césaire wiederentdeckt, den Pionier der „Négritude“ – die kulturelle Selbstbehauptung Afrikas. Vor einer Kulisse aus Autoreifen interpretieren zwei Musiker und drei Schauspielerinnen Césaires Gedichte durch Szenen und Choreografien. „Alles, was Césaire einst gesagt hat, klingt heute noch stärker“, sagt Odile Sankara, „er fordert uns auf, aufrecht zu stehen, uns zu emanzipieren.“ Und dann erscheint ihr toter Bruder beim Festival: Thomas Sankara, die afrikanische Legende. Eine kleine Marionette mit Camouflage-Anzug und roter Militärmütze bahnt sich den Weg, springt auf Tische, beginnt Gespräche, spielt auf einer kleinen Gitarre, erntet Erstaunen, Begeisterung, Tränen. „Mon capitaine“, stammelt ein alter Mann und reicht der Marionette die Hand. Vier Jahre lang war Thomas Sankara Präsident von Burkina Faso. Vier Jahre lang versuchte er, oft mit Gitarre und Fahrrad unterwegs, das Land zu reformieren, trat für Frauenrechte und Ernährungsautonomie ein, kämpfte für die heimische Baumwollindustrie und das Bildungssystem, ging vor gegen Korruption. Vor 31 Jahren wurde er in einem kahlen Gang am Rande einer Konferenz erschossen, mutmaßlich beauftragt von seinem Jugendfreund Blaise Compaoré – der dann Präsident und 2014 verjagt wurde.

Der Geist von Sankara ist heute in Burkina Faso präsent wie lange nicht. Dass er nun als Puppe zum Festival kommt, wirkt auf manche wie eine Geistererscheinung. Andere dagegen singen spontan mit ihm einen Song. Als Odile Sankara die Puppe sieht, muss sie weinen – und lädt die Theatergruppe spontan zum Haus ihres toten Bruders ein, wo an seinem Todestag fast die ganze Familie versammelt ist. Die Marionette wird geführt vom deutschen Puppenbauer Michael Pietsch, der sie mit Hilfe einer burkinischen Werkstatt gebaut hat. Mit dem Regisseur Jan-Christoph Gockel und einer Theatertruppe vom Schauspielhaus Graz ist er gekommen, um das Projekt „Die Revolution frisst ihre Kinder“ zu erarbeiten eine verwirrende Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Fünf Wochen lang reiste die Truppe durch das Land auf den Spuren der Bürgerrevolte von 2014, die Festivaltage sind der Höhepunkt. Sie haben mit Aktivisten, Künstlern und Journalisten gesprochen und reflektieren auch die eigene Rolle als privilegierte Westler beim Kulturaustausch. Kann man heute noch echte Revolutionen anstoßen? Warum weiß man in Europa so wenig vom demokratischen Aufstand in Burkina Faso? Und was hat sich geändert im Land, seit es freie Wahlen und Pressefreiheit gibt?


MISEREOR wird in Zukunft verstärkt Kunst und Kultur in Westafrika fördern. Dafür arbeitet das Werk für Entwicklungszusammenarbeit mit Partnern in drei Ländern Westafrikas, in denen Kultur, Theater und Musik einen hohen Stellenwert haben: Niger, Burkina Faso und Mali. Ziel ist dabei, lokale Potenziale aufzudecken, Menschen, Initiativen und Vorhaben zu vernetzen und die Kommunikation zwischen Deutschland und Westafrika zu stärken.


Das Netz der Aktivisten des „Balai Citoyen“ erstreckt sich bis in kleinste Städte und Dörfer, oft gehen Kunst und Politik eine enge Bindung ein, als Mittel zum Self-Empowerment und der Sensibilisierung, neben Theater spielt Musik eine große Rolle. In Koudougou etwa trifft die Gruppe den Pfarrer Bernard Sama aus dem 130 Kilometer entfernten Dédougou, auch er ein Musiker. Er beherrscht die traditionellen Instrumente Djembé, Doundoun und Tama. Rund 40 Lieder hat er selbst geschrieben, die sich um Umweltschutz, politisches Engagement und Frauenrechte drehen. Auf „Sensibilisierungskonzerten“ versucht Sama, die Menschen in seinem Dorf davon zu überzeugen, ihr Leben aktiv zu gestalten. „Ich bringe ihnen bei, wie sie mit ihren eigenen Händen arbeiten können und keine Bettler sein müssen.“

Manchmal wird er von Dorfältesten gerufen, um mit den Konzerten Konflikte zu lösen, bis zu 1.500 Zuschauer kommen zuweilen. Bernard Sama ist ein charismatischer großer Mann mit einer tiefen, warmen Stimme, er leitet neben den Gottesdiensten eine Viehzucht mit arbeitslosen Jugendlichen und unterrichtet in Schulen und Kindergärten. Auch er glaubt, dass seinem Land nur mit den Ideen Thomas Sankaras geholfen werden kann: „Wäre er noch am Leben“, sagt er, „dann würde Burkina Faso zu den entwickeltesten Ländern Westafrikas gehören.“

Über die Autorin: Dorothea Marcus lebt in Köln. Seit 1999 ist sie freie Journalistin mit Schwerpunkt Kultur, vornehmlich für Print und Hörfunk. Sie arbeitet für DLF, SWR, WDR, taz, Brigitte u. a. Sie ist Mitglied in diversen Jurys sowie die freiberufliche Chefredakteurin der Kölner Theaterzeitung aKT. Schon während der Revolution hat sie die www.africologne-festival.de Theatergruppe nach Burkina Faso begleitet.

Géry Barbot ist Fotograf, Theater- und Filmemacher, Franzose und Burkinabé. Nach der Ausbildung zum Fotografen in Lille und Dunkerque lebt er seit 2010 in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Dort nimmt er rege am Kulturleben teil. 2015 realisierte er seinen ersten Kinofilm „Eva“, der zu mehr als 20 Festivals eingeladen wurde. Mit Odile Sankara hat er 2016 die Fotoausstellung „Plafond“ kreiert.


Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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