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Johannas Freiwilligendienst in Timor-Leste

September 2019

„Viva Timor“

Bloß diese zwei Worte habe ein Freund unseres Sprachlehrers Alex damals in sein Schulheft geschrieben. Daraufhin sei er für einen Monat vom Unterricht ausgeschlossen worden. Alex erzählte uns von diesem Erlebnis sehr gefasst, mich hingegen überkamen verschiedenste Gefühle. Schon einige Timoresinnen und Timoresen haben uns solche Erfahrungen aus ihrer Vergangenheit geschildert.

Am Ende musste ich immer wieder daran denken, wie unnahbar doch solche Erzählungen für mich sind. Das Einzige was ich den Betroffenen deshalb zurückgeben konnte, war mein offenes Ohr. Jedoch stimmt das gar nicht – Ich kann ihre Geschichte nämlich teilen und ein Bewusstsein dafür schaffen. Aus diesem Grund widme ich meinen heutigen Blogpost der Bevölkerung Timors und deren Historie und hoffe dabei sehr, dass ich besonders viele Leserinnen und Leser erreiche. Denn es ist schon erstaunlich, dass ich in meinem ersten Monat von gleich mehreren Timoresen nach der Berliner Mauer und dem geteilten Deutschland gefragt wurde, wir hingegen meist noch nicht einmal von Osttimor wissen.

Das Resistence Museum in Dili klärt sehr gut über Osttimors Geschichte auf. Foto: Johanna

Die Ursprünge Timor-Lestes

Die Insel Timor wurde vor langer Zeit von verschiedenen Ethnien Asiens und Ozeaniens besiedelt. Sie teilt sich in West- und Osttimor auf. In Osttimor gab es zwei große Herrschaftsgebiete, die wiederum in viele kleine Königreiche unterteilt wurden. Innerhalb dieser Königreiche wurden eigene Stammessprachen gesprochen, weshalb sich die Bewohner nicht über die Grenzen hinaus verständigen konnten. Nur die zwei Könige kommunizierten über eine gemeinsame Sprache, Tetun-Terik. Daraus entwickelte sich Tetun-Prasa, das in der heutigen Hauptstadt Dili gesprochen wurde und daher auch Tetun-Dili genannt wird. Durch die Herausbildung Dilis als Metropolregion Timor-Lestes ist Tetun heute eine der offiziellen Amtssprachen. Es wird von so gut wie allen Bewohnern gesprochen. Deren 36 Muttersprachen bleiben daneben aber weiterhin bestehen.

Kolonialisiert durch Portugal

Portugal und Osttimor stehen auch heute noch in einer sehr engen Beziehung. Foto: Johanna

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erreichten erstmals Portugiesen die Insel. Sie berichteten von Sandelholz und weiteren kostbaren Gewürzen, weshalb nur kurze Zeit später Osttimor zur Kolonie erklärt wurde. Jahre später verschob sich dieses Exportinteresse auf Kaffee. Überwiegend wurde die Insel jedoch als Exil für politische Gefangene genutzt. Die timoresische Nation wurde dabei stark vernachlässigt und war machtlos gegenüber dem Unwillen und der Gewalttätigkeit der ansässigen Portugiesen. Es kam deshalb immer wieder zu Aufständen innerhalb der Bevölkerung, die jedoch gewaltsam niedergeschlagen wurden.

Im Jahr 1974 kam es zum Militärputsch in Portugal. Infolgedessen sollte das kolonialisierte Timor-Leste in die Unabhängigkeit überführt werden. Es bildeten sich eine Parteienlandschaft und die zwei größten Parteien FRETILIN und UDT schlossen sich zusammen. Ihr Ziel war ein unabhängiges Osttimor, was der Nachbarstaat Indonesien jedoch verhindern wollte. Er finanzierte deshalb die Partei APODETI, die sich für einen Anschluss an Indonesien aussprach. Diese fand jedoch keinen Anklang innerhalb der Bevölkerung.

Unter der Operation Komodo machte er es sich deshalb zunutze, dass sich die beiden Koalitionsparteien in einem Machtkonflikt befanden. Durch Propaganda und Drohungen gewann er die UDT für sich und schürte den Konflikt in einem solchen Maße, dass ein dreiwöchiger Bürgerkrieg ausbrach. FRETILIN ging dabei als Sieger hervor und proklamierte am 28. November 1975 die Unabhängigkeit, die jedoch von keiner Seite anerkannt wurde. Durch die hergeführte Instabilität der politischen Lage konnte Indonesien es rechtfertigen, in das Land einzumarschieren und es zu annektieren. Die Soldaten begannen zunächst, getarnt als UDT Kämpfer, die Grenzgebiete zu Osttimor zu besetzen.

Der damalige US Außenminister Henry Kissinger sagte es sei absolut klar, dass Indonesien früher oder später die Insel übernehmen würde. Mit Blick auf die privilegierte Beziehung zu Indonesien, dem größten und wichtigsten Land in Südostasien, äußerten sich der Präsident Gerald Ford jedoch verständnisvoll für Indonesiens Handeln. Er finanzierte großzügig dessen militärische Ausrüstung.

Unter der Besatzung Indonesiens

So kam es, dass Indonesiens Militär am 06. Dezember 1975 ungehindert mit tausenden Luft-, See- und Bodentruppen Dili angreifen konnte. Die Operation trug den Codenamen „Lotus“. Eine abscheuliche Symbolik: Eine Lotusblume kann im Schlamm entspringen, über die Dunkelheit hinauswachsen und entfaltet dann ihre Schönheit. Schmutz perlt an ihr ab, weshalb sie auch für Reinheit steht. So tat die indonesische Regierung also, als ob sie das destabilisierte Osttimor retten und den Menschen Ordnung und Zufriedenheit bringen wollte.

Stattdessen wurden die Soldaten aber von Augenzeugen als ein „human swarm eager to kill, steal, loot, rape and destroy“ beschrieben. Die Stadt und deren Bewohner wurde beschossen, bombardiert, Häuser
wurden angezündet und Zivilisten wurden willkürlich getötet. Im Hafen wurden die Menschen aufgestellt und der Reihe nach hingerichtet. Dabei wurde die chinesische Gemeinde Dilis bewusst attackiert und fiel dem Angriff fast vollständig zum Opfer.

In dieser Nacht konnte sich FRETILIN auf 2.500 Soldaten Timors und 7.000 Zivilisten zur notdürftigen Gegenwehr stützen, womit sie Indonesien hoffnungslos unterlegen waren. Diese Unverhältnismäßigkeit sollte sich auch die gesamte Besatzungszeit über nicht ändern – Ihr Durchhaltevermögen konnte deshalb immer nur aus ihrem tief verankerten und unabdingbaren Wunsch nach Unabhängigkeit geschöpft werden. Indonesien hingegen hatte das nötige Geld und die nötige Macht. Alleine am 2. Weihnachtstag erreichten 15.000 ausgebildete Soldaten bewaffnet mit den neusten Technologien die Insel. Die Timoresen und Timoresinnen leisteten ihnen aber immer heldenhaft Widerstand, bis zum bitteren Ende.

Schritt für Schritt eroberten die indonesischen Soldaten zunächst alle Städte und strategisch wichtigen Straßen Timor-Lestes. Ende 1977 folgten dann die Dörfer und deren Umgebung. Jedes Mal wurden die
Zielgebiete erst bombardiert und entlaubt, danach beschossen. Häuser und öffentlichen Gebäude wie Schulen wurden wahllos zerstört. Überlebende Zivilisten wurden in Transitcamps deportiert, sie selbst bezeichneten diese Orte im Nachhinein jedoch als Konzentrationslager. Auch wurden systematisch Felder zerstört und Nutztiere verschwanden. Im ganzen Land herrschte deshalb Hunger und Krankheit. Diesem Krieg fiel insgesamt ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer.

Die kämpfenden Widerständler mussten sich nach und nach weiter zurückziehen, bis sie sich schließlich in den Bergen Osttimors versteckten. Von dort aus planten und organisierten sie Gegenangriffe. Ihre Familien wurden zu Selbstversorgern und ermöglichten dadurch das gemeinsame Überleben. Ab und an war es der Zivilbevölkerung möglich, Unterstützung an den Straßenrändern zu hinterlassen, zum Beispiel in Form von einem Topf gekochtem Reis.

Viele von ihnen hatten sich unter die indonesischen Besatzer gemischt. Sie folgten der Idee, wer nicht stärker als sein Gegner ist, muss klüger sein als er. So kam es, dass sie nach außen hin der indonesischen Regierung gegenüber loyal erschienen, jedoch insgeheim wertvolle Informationen sammelten und weitergaben. So entstand im Laufe der Zeit ein gut aufgebautes, geheimes Netzwerk.

Auch konnte man unter ihren Häusern ausgegrabene Zimmer finden, in denen sich die Guerilla Kämpfer versteckten. Im Timorese Resistence Achive & Museum bin ich in einen Nachbau eines solchen Zimmers gekrabbelt (geschätzt 1,2 Meter hoch und 1,5 Meter breit) und habe einen erschreckenden Einblick bekommen: Abgesehen davon wie menschenunwürdig ein Leben dort gewesen sein muss, ist es sehr angsteinflößend, sich so gefangen und ausgeliefert unter den Füßen Anderer zu bewegen.

Es gibt reihenweise Material über all die fürchterlichen Verbrechen. Foto: Johanna

Wenn indonesische Soldaten auf Sympathisanten oder gar Mitglieder FRETILINs, beziehungsweise deren Familienangehörige, stießen, wurden sie hingerichtet oder verschwanden spurlos. Teilweise wurden sie in Gefängnisse gebracht und dort auf grausamste Weise gefoltert. In der Chega! [Anm.: Portugiesisch für Stopp] Ausstellung sind diese Geschehnisse detailliert aufgearbeitet. Dort in den damaligen Zellen zu stehen und über verbliebende Wandritzereien zu streichen, erfüllte mich, auch als Außenstehende, mit großer Angst und tiefem Schmerz.

Ausschlaggebend für ein internationales Bewusstsein dieser Krise war der Aktivismus der timoresischen Jugend. Ihre erste große Demonstration fand am 12. November 1991 statt. Es war ein Trauerzug für einen zuvor getöteten Unabhängigkeitsaktivisten. Mehr als 3.000 Menschen liefen zum Santa Cruz Friedhof. Es wurden Plakate hochgehalten auf denen stand „Long live Timor-Leste“ oder „Long live Xanana [Anm.: Anführer der FRETILIN, später erster Präsident]“.

Als sie sich alle auf dem Friedhof versammelt hatten, wurden sie plötzlich von Polizisten und Soldaten umstellt, die das Feuer auf sie eröffneten. Ich habe immer noch die Bild- und Tonaufnahmen aus dem Museum im Kopf und mich überläuft jedes Mal erneut ein kalter Schauer, wenn ich daran denke – 271 Menschen starben dabei, 270 sind seitdem spurlos verschwunden, 278 wurden verletzt und es fanden zahlreiche Verhaftungen statt, die weitere Gewalttaten zur Folge hatten.

Journalisten dokumentierten dieses Massaker filmisch und brachten es der Öffentlichkeit nahe, was zur weltweiten Bestürzung führte. Es war der Wendepunkt Osttimors Leidens: Die Vereinten Nationen hatten das nötige Beweismaterial, um handeln zu können, Menschenrechtsorganisationen begannen einzugreifen und Politiker konnten nicht mehr wegschauen. Es ist grausam, wie lange die großen Weltmächte zugeschaut und Indonesien haben machen lassen oder gar unterstützt haben – ob aus geostrategischen Interessen oder purem Desinteresse!

In vielen Ländern veranstaltete die Bevölkerung Solidaritätskundgebungen. Die Bewohner Timor-Lestes äußerten sich dazu später voller Dankbarkeit: “Your work and dedication have been for us a source of moral sustenance […]” Das hat mir die Augen geöffnet: Bisher bin ich immer unschlüssig darüber gewesen, was solche Demonstrationen bewirken sollen. Aber es scheint die Menschen doch zu erreichen und ihnen Kraft zu schenken. Lasst uns also gemeinsam für die Anliegen, die unsere Herzen zerreißen, auf die Straßen gehen! Wenn die Politik nicht funktioniert, liegt es in unserer Verantwortung für Benachteiligte einzustehen und die eigene Stimme zur Veränderung zu nutzen!

Ausrufung der Unabhängigkeit und was zurückgeblieben ist

Am 30. August 1999 hielten die Vereinten Nationen das Referendum zur Klärung der Unabhängigkeitsfrage, verteilt an 200 Orten, ab. Tagelang wanderte die Bevölkerung durch die Berge, um abstimmen zu können. Die Wahlbeteiligung betrug 98,6%. Eine überwältigende Zahl, von der wir in Deutschland weit entfernt sind. Stattdessen gibt es bei uns eine hohe Zahl an Menschen, die nicht am politischen Mitwirken interessiert sind. Da der Status Quo für sie zufriedenstellend ist, wird kein Grund zur Veränderung gesehen, diejenigen, die unter diesem System leiden, sind nicht von Interesse. Eine Einstellung, die nur aufkommen konnte, weil uns bestimmte Privilegien in dieser Welt gleich mit der Geburt einfach in die Wiege gelegt werden. Wir sollten sie dringend überdenken und unsere Verhaltensmuster aufbrechen!

Am Tag des Referendums kam es zu massiver Einschüchterung und Gewalt seitens pro-indonesischer Milizen. Es wurden zahlreich Menschen erschossen und Häuser in Flammen gesetzt. Arsenia, eine Lehrerin am CMTC, hat das fatalerweise selbst miterleben müssen: An dem Tag wäre beinahe ihr Vater vor ihren Augen erschossen worden. Das Haus ihrer Familie wurde angezündet und es blieb nichts zurück als Schutt und Asche. Sie flohen nach Indonesien und mussten sich ihr gesamtes Leben neu aufbauen.

Das Ergebnis des Referendums wurde vier Tage später verkündet und war eindeutig: 21,5% hatten für die Angliederung an Indonesien gestimmt, während 78,5% dagegen und für ein unabhängiges Timor-Leste waren. Nach der Abstimmung nahm die Gewalt jedoch immer weiter zu, sodass schließlich am 20. September INTERFET [Anm.: eine multinationale friedensstiftende Taskforce, organisiert und geleitet von Australien, zu der später UN Friedenstruppen stießen] eingriff und Timor-Leste absicherte. Es war der Beginn eines umfangreichen humanitären Katastropheneinsatzes: Über die Hälfte der Bevölkerung war zu dem Zeitpunkt von Zuhause geflohen und 70% der Infrastruktur, Häuser und Gebäude zerstört. Die letzten indonesischen Truppen verließen Osttimor schließlich am 31. Oktober.

Wie es seitdem weitergeht

Seit dem 20. Mai 2002 gibt es nun den eigenständigen Staat Timor-Leste. Dessen Kalenderjahr ist in Gedenken an die Ereignisse der Vergangenheit bespickt von sehr vielen nationalen Feiertagen. Zu den späteren Unterstützerländern wie zum Beispiel Australien pflegen sie enge Freundschaften und auch mit Indonesiens Regierung haben sie sich ausgesprochen.

Als offizielle Amtssprachen wurden Portugiesisch und Tetun festgelegt. Letztere wurde während der Besatzungszeit in den Schulen verboten. Daher ist gerade die Schriftsprache noch sehr neu und durchgehend im Wandel. Auch gibt es für viele Dinge einfach noch keine Begriffe, weshalb öfters die anderen Sprachen herangezogen werden. Sich in diesem Dschungel der Sprachen zurechtzufinden, ist für mich als Sprachlernende teilweise herausfordernd – manchmal gleicht es dem Lösen eines Puzzles und ist spannend, doch manchmal kann es auch einfach nur anstrengend sein.

Viele Timoresinnen und Timoresen haben während ihrer Schulzeit stattdessen Indonesisch gelernt und sprechen es auch heute noch. Anders als man vermuten mag, stoßen Indonesier und ihre Kultur innerhalb Timor-Lestes Bevölkerung nicht auf Ablehnung. Es wird eine ganz klare Grenze zwischen der Bevölkerung, die durch die Propaganda ihrer Regierung unwissend war, und dem aktiv schuldigen Militär gezogen.

Seit der erfolgreichen Unabhängigkeit ist die Bevölkerung nun in großen Sprüngen dabei, das Land wiederaufzubauen und Entwicklung in die Wege zu leiten beziehungsweise voranzutreiben. Zusätzlich kämpft sie damit, nach all den Jahrhunderten unter Fremdherrschaft, alte Verhaltensmuster abzulegen und sich eine eigene Identität aufzubauen.

Den 20. Jahrestag des Referendums hat die Bevölkerung fröhlich gefeiert. Foto: Charlotte

Aus diesen vergangenen Ereignissen können wir so viel für unser heutiges Handeln in einer globalen Welt lernen. Meine Gedanken dazu habe ich heute geteilt und wünsche mir, damit Denkanstöße gegeben zu haben. Gemeinsam erreichen wir Wandel! „Viva Timor“ kann jedenfalls wieder lebendig verkündet werden und mit dieser positiven Botschaft lässt sich mein Blogpost auch gut abschließen. Es bleibt mir nur folgende Bitte: Seid Multiplikatoren, tragt Timor-Leste in die weite Welt hinaus!

August 2019

Erste Eindrücke aus Timor-Leste

„I have a simple family, but we’re happy“ – Ein Satz, der mir nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen wird. Ich begegnete ihm gleich an unserem ersten Tag. Meine Mitfreiwillige Charlotte und ich hatten die Aufgabe, einen Teil der monatlichen Klausuren zu korrigieren. Es handelte sich dabei um freie Aufsätze zu den Themen „My family“ und „My best friend“.

Das Gelände des CMTCs. Foto: Johanna

Für die kommenden zehn Monate arbeiten wir hier in Dili, der Hauptstadt Timor-Lestes, im Canossa Magalhaes Training Center (CMTC). Das ist eine private Schule, die von Osttimors Canossianerinnen gegründet wurde und von Schwester Sonia geleitet wird. Schülerinnen und Schüler jeden Alters besuchen hier am Vor- oder Nachmittag den Unterricht, um Englisch, Portugiesisch oder den Umgang mit dem Computer zu erlernen. Momentan gehören 260 Schülerinnen und Schüler zum CMTC.

Der Unterricht findet in dreimonatigen Einheiten statt, an deren Ende die Schülerinnen und Schüler ein benotetes Zertifikat erlangen. Danach findet überwiegend ein großer Wechsel statt. Es ist aber auch möglich, eine Stufe aufzusteigen und an einer weiteren Einheit teilzunehmen. Innerhalb eines Jahres kann das höchstmögliche Niveau erreicht werden.

Das Büro des CMTCs. Ich arbeite an dem Schreibtisch neben der Tür. Foto: Johanna

Auch wenn wir also unsere ersten zwei Tage recht abgeschlossen von der Außenwelt im Büro des CMTCs verbringen sollten, so ist es doch erstaunlich, wie viel wir gleichzeitig schon über die Mentalität der Bevölkerung Timor-Lestes erfahren konnten. Von diesen interessanten Einblicken in das persönliche Leben der Schülerinnen und Schüler und meinen Gedanken dazu möchte ich deshalb in diesem Blogpost berichten.

„I have a (very) simple family.“

Als ich das zum ersten Mal las, war ich recht irritiert und konnte es nicht wirklich einordnen. Es folgten jedoch noch einige weitere Klausuren, die den Satz so oder in ähnlichen Formen (wie zu Beginn zitiert) beinhalteten.

Schließlich verstand ich, dass es um die Lebensumstände der Familie und nicht, wie ich erst angenommen hatte, um deren Konstellation geht. Auf die Idee kam ich aber erschreckend langsam. Ich bin einen solch alltäglichen und offenen Umgang mit diesem sensiblen Thema nicht gewohnt. Für mich kam diese Option deshalb erst gar nicht in Frage.

Das zeigt mir sehr gut, wie stark sich doch mein Denken auf einen bestimmten Rahmen begrenzt. Es ist, als würde ich in einer kleinen Seifenblase durch die Welt schweben: Ich kenne meine eigene Umgebung, aber was außerhalb des Sichtfelds liegt, kann ich nicht oder eben nur sehr mühsam anwenden.

You can change the world!

In den Pausen machen wir gerne Fotos zusammen. Foto: Leticia

Marias [Anm.: Name geändert] Text hat mich ganz besonders ergriffen. Zunächst schreibt sie von ihrer Freundin und freut sich sehr über deren Fleiß und Erfolg in der Schule. Sie nehme sich ihre Freundin zum Vorbild und bemühe sich, sie nachzuahmen. Ihr Leitspruch: „One pen, one book, one teacher can change your life and you can change the world.“ [Malala Yousafzai] Ein Zitat, das in Dili auch gleich mehrere Mauern ziert.

Dann beschreibt sie aber auch, wie ihr das nicht genügend gelinge und sie deshalb Angst habe. Angst vor dem Scheitern; Angst, nicht gut genug zu sein; Angst, dass sie nicht dazu beitragen könne, Timor-Lestes glanzvolle Zukunft zu sein.

Dieser Leistungsdruck, als junger Mensch etwas zur Zukunft der eigenen Nation beitragen zu können, wird mir nach einigen weiteren Klausuren immer bewusster. Die Bevölkerungsverteilung ist eben bedeutend unterschiedlich zu der von Deutschland. Wer das einmal spüren möchte, braucht nur zwei Minuten von unserer Haustür bis zum Largo de Lecidere zu laufen und kann dort den Trubel beobachten: Die unter 15-Jährigen machen fast die Hälfte der Bevölkerung aus und auch sonst leben hier überwiegend junge Erwachsene, die Timorese youth trägt somit die Verantwortung für die Entwicklung des Landes.

Dementsprechend muss viel gelernt werden. Unter anderem wird deshalb vor oder nach dem regulären Schul- beziehungsweise Unibesuch zahlreich an den Englischstunden des CMTCs teilgenommen. In einer Pause haben wir außerdem eine Schülerschar gefragt, wie sie ihre Freizeit gestalten. Geduldig erklärten sie uns, dass unter der Woche nur gelernt werden würde. Erst am Wochenende könne etwas zusammen unternommen werden. Da muss ich an meine ehemaligen Aktivitäten denken – Saxophonunterricht, Bandprobe und Yogastunde als feste Termine, dazu noch oftmals das Vorbeischauen bei meinen Freundinnen.

Die Schule war für mich ebenfalls sehr wichtig und auch ich bin dankbar für die Bildung, die ich erlangen konnte. Aber ich habe dabei nie den Druck verspürt, etwas für die Gesellschaft leisten zu müssen. Es geht in erster Linie immer um mich selbst, um meine Zukunft. In Bezug auf unsere [Anm.: alle, die sich gerade in derselben Lebensphase wie ich befinden] bevorstehende Berufswahl ist dieser neue Blickwinkel sicherlich einen Gedankengang wert.

„Thank you teacher (for reading)!“

Momentan unterstütze ich Lehrerin Arsenia in ihren Klassen. Foto: Johanna

Mit diesen Worten haben schließlich viele der Schülerinnen und Schüler ihre Klausuren beendet. Diese Dankbarkeit ist mir während meines ersten Monats auch schon öfters im Unterricht aufgefallen und gefällt mir sehr – Sowohl die Häufigkeit als auch die Ernsthaftigkeit dabei.

Der Gedanke der Freiwilligkeit ist dadurch deutlich präsenter: Die Lehrerinnen und Lehrer müssten nicht unbedingt ihre 100% geben. Aber sie tun es, weil sie das Beste für ihre Schülerinnen und Schüler wollen. Die wiederum müssten nicht zum Unterricht kommen und mitmachen. Aber sie tun es, weil sie lernen wollen. Beide Seiten sind dem Anderen gegenüber dankbar und freuen sich über die Zusammenarbeit. Es entsteht eine viel wertschätzendere und wohlwollendere Atmosphäre im Miteinander. Das können wir uns in Deutschland gerne zum Vorbild nehmen.

In diesem Sinne, Danke für das Lesen meiner heutigen Gedanken!

Autor:

Johanna

Johanna absolviert ihren Freiwilligendienst in Timor-Leste. Dort unterstützt sie das Canossa Magalhaes Training Center.

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Johanna,
    Wow, das war sehr interessant zu lesen und es steckt viel Recherchearbeit dahinter.
    Du bist ein „Nachwendekind“ und kennst daher zum Glück nicht eventuell zu erwartende „Repressalien“ nach pölitischen Äusserungen deinerseits, die der Obrigkeit nicht ins Konzept passen.
    Die Ostberliner und Ostdeutschen mussten Ähnliches wie Schulverweis, Berufsverbot oder gar Gefängnis befürchten. Doch es gab nicht Bürgerkrieg und dieses schreckliche Leid wie Du es aus Timor berichtest.
    Beschämt hat mich zu lesen, dass Du dort nach der Mauer gefragt wurdest und wir von den Ereignissen und dem Leid und Terror in Timor Nichts bewusst wahrgenommen haben.
    Danke Dir für den Weckruf und die ausgesprochene Hoffnung, dass Hinschauen, Proteste und Demonstrationen nicht erfolglos sind.
    Bleibe weiter aufmerksam und viel Freude und Erfolg beim Sprachelernen wünschen Dir Deine Großeltern verbunden mit herzlichen Grüßen.
    PS. Ich hoffe, dass diesmal mein Text rausgeht, Oma

  2. Liebe Johanna,
    auch heute geschieht noch soviel Unrecht in der Welt, das man denken könnte die reichen Länder haben nichts gelernt. Bleibt nur zu hoffen, dass in deinem kleinen Land Timor Leste der Frieden von Dauer ist und soziale Gerechtigkeit errreicht wird. Herzliche Grüße aus Berlin

  3. Liebe Johanna, immer wenn ich Fotos von dir sehe oder deine Texte lese, fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt. Es erinnert mich stark an die Erfahrungen die ich selbst in der Fremde einfing.
    Du schilderst sehr bewegend was dich umgibt und Danke dass du uns deine Gedanken nach Deutschland trägst.
    Es ist immer wieder wertvoll sich zu öffnen und den Blickwinkel zu verändern. Ich wünsche dir weiterhin viel Freude und den Segen für alle, für ein gutes Zusammenleben und Arbeiten.
    Liebe Grüße aus Osterholz-Scharmbeck, Germany

  4. Hallo Johanna und Charlotte,

    Ich hoffe das Tetun lernen und das leben im Kloster, fällt nicht zu schwer. Tetun ist doch die am meisten verbreitete Sprache in Dili oder? Wahnsinn wie anders es bei euch ist.
    Alles gute aus Cochabamba
    LG Martin

  5. Liebe Johanna,
    Danke fuer Dein spannendes und interessantes Berichten von Deiner Arbeit und von Deinen ersten Eindrücken in Timor Leste. Du reflektierst so offen und aufmerksam und wertschätzend. Es war schoen Dich und Charlotte in Dili kennen gelernt und getroffen zu haben, auf unserer Dienstreise in Osttimor vor ein paar Wochen. Ich sehe immer wieder Fotos von Euch wenn Sr. Sonia im fb über die Arbeit des Canossa Magalhaes Training Centre berichtet. Viel Spass und guten Mut weiterhin fuer die Arbeit und das Leben in Dili. Liebe Grüße aus Stuttgart, Inge

  6. Liebe Johanna, bereits nach einem Monat schon sehr weise und gute Gedanken!
    Halte diesen Spirit aufrecht!
    Liebe Grüße aus Aachen,
    Kesuma

  7. Danke liebe Johanna, dass Du uns an Deinen neuen Erfahrungen und Geanken so ausführlich teilhaben lässt. Klingt nach viel Arbeit aber auch frohen Mut.
    Auch für uns Anlass zum Nachdenken über die von uns oft als Selbstverständlichkeiten angesehen werden.
    Weiterhin viel Freude und Ausdauer, bleib gesund und munter.
    Liebe Grüße von Deinen Großeltern

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