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Johannas Freiwilligendienst in Timor-Leste

August 2019

Erste Eindrücke aus Timor-Leste

„I have a simple family, but we’re happy“ – Ein Satz, der mir nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen wird. Ich begegnete ihm gleich an unserem ersten Tag. Meine Mitfreiwillige Charlotte und ich hatten die Aufgabe, einen Teil der monatlichen Klausuren zu korrigieren. Es handelte sich dabei um freie Aufsätze zu den Themen „My family“ und „My best friend“.

Das Gelände des CMTCs. Foto: Johanna

Für die kommenden zehn Monate arbeiten wir hier in Dili, der Hauptstadt Timor-Lestes, im Canossa Magalhaes Training Center (CMTC). Das ist eine private Schule, die von Osttimors Canossianerinnen gegründet wurde und von Schwester Sonia geleitet wird. Schülerinnen und Schüler jeden Alters besuchen hier am Vor- oder Nachmittag den Unterricht, um Englisch, Portugiesisch oder den Umgang mit dem Computer zu erlernen. Momentan gehören 260 Schülerinnen und Schüler zum CMTC.

Der Unterricht findet in dreimonatigen Einheiten statt, an deren Ende die Schülerinnen und Schüler ein benotetes Zertifikat erlangen. Danach findet überwiegend ein großer Wechsel statt. Es ist aber auch möglich, eine Stufe aufzusteigen und an einer weiteren Einheit teilzunehmen. Innerhalb eines Jahres kann das höchstmögliche Niveau erreicht werden.

Das Büro des CMTCs. Mein Schreibtisch steht neben der Tür. Foto: Johanna

Auch wenn wir also unsere ersten zwei Tage recht abgeschlossen von der Außenwelt im Büro des CMTCs verbringen sollten, so ist es doch erstaunlich, wie viel wir gleichzeitig schon über die Mentalität der Bevölkerung Timor-Lestes erfahren konnten. Von diesen interessanten Einblicken in das persönliche Leben der Schülerinnen und Schüler und meinen Gedanken dazu möchte ich deshalb in diesem Blogpost berichten.

„I have a (very) simple family.“

Als ich das zum ersten Mal las, war ich recht irritiert und konnte es nicht wirklich einordnen. Es folgten jedoch noch einige weitere Klausuren, die den Satz so oder in ähnlichen Formen (wie zu Beginn zitiert) beinhalteten.

Schließlich verstand ich, dass es um die Lebensumstände der Familie und nicht, wie ich erst angenommen hatte, um deren Konstellation geht. Auf die Idee kam ich aber erschreckend langsam. Ich bin einen solch alltäglichen und offenen Umgang mit diesem sensiblen Thema nicht gewohnt. Für mich kam diese Option deshalb erst gar nicht in Frage.

Das zeigt mir sehr gut, wie stark sich doch mein Denken auf einen bestimmten Rahmen begrenzt. Es ist, als würde ich in einer kleinen Seifenblase durch die Welt schweben: Ich kenne meine eigene Umgebung, aber was außerhalb des Sichtfelds liegt, kann ich nicht oder eben nur sehr mühsam anwenden.

You can change the world!

In den Pausen machen wir gerne Fotos zusammen. Foto: Leticia

Marias [Anm.: Name geändert] Text hat mich ganz besonders ergriffen. Zunächst schreibt sie von ihrer Freundin und freut sich sehr über deren Fleiß und Erfolg in der Schule. Sie nehme sich ihre Freundin zum Vorbild und bemühe sich, sie nachzuahmen. Ihr Leitspruch: „One pen, one book, one teacher can change your life and you can change the world.“ [Malala Yousafzai] Ein Zitat, das in Dili auch gleich mehrere Mauern ziert.

Dann beschreibt sie aber auch, wie ihr das nicht genügend gelinge und sie deshalb Angst habe. Angst vor dem Scheitern; Angst, nicht gut genug zu sein; Angst, dass sie nicht dazu beitragen könne, Timor-Lestes glanzvolle Zukunft zu sein.

Dieser Leistungsdruck, als junger Mensch etwas zur Zukunft der eigenen Nation beitragen zu können, wird mir nach einigen weiteren Klausuren immer bewusster. Die Bevölkerungsverteilung ist eben bedeutend unterschiedlich zu der von Deutschland. Wer das einmal spüren möchte, braucht nur zwei Minuten von unserer Haustür bis zum Largo de Lecidere zu laufen und kann dort den Trubel beobachten: Die unter 15-Jährigen machen fast die Hälfte der Bevölkerung aus und auch sonst leben hier überwiegend junge Erwachsene, die Timorese youth trägt somit die Verantwortung für die Entwicklung des Landes.

Dementsprechend muss viel gelernt werden. Unter anderem wird deshalb vor oder nach dem regulären Schul- beziehungsweise Unibesuch zahlreich an den Englischstunden des CMTCs teilgenommen. In einer Pause haben wir außerdem eine Schülerschar gefragt, wie sie ihre Freizeit gestalten. Geduldig erklärten sie uns, dass unter der Woche nur gelernt werden würde. Erst am Wochenende könne etwas zusammen unternommen werden. Da muss ich an meine ehemaligen Aktivitäten denken – Saxophonunterricht, Bandprobe und Yogastunde als feste Termine, dazu noch oftmals das Vorbeischauen bei meinen Freundinnen.

Die Schule war für mich ebenfalls sehr wichtig und auch ich bin dankbar für die Bildung, die ich erlangen konnte. Aber ich habe dabei nie den Druck verspürt, etwas für die Gesellschaft leisten zu müssen. Es geht in erster Linie immer um mich selbst, um meine Zukunft. In Bezug auf unsere [Anm.: alle, die sich gerade in derselben Lebensphase wie ich befinden] bevorstehende Berufswahl ist dieser neue Blickwinkel sicherlich einen Gedankengang wert.

„Thank you teacher (for reading)!“

Ich unterstütze Lehrerin Arsenia in ihren Klassen. Foto: Johanna

Mit diesen Worten haben schließlich viele der Schülerinnen und Schüler ihre Klausuren beendet. Diese Dankbarkeit ist mir während meines ersten Monats auch schon öfters im Unterricht aufgefallen und gefällt mir sehr – Sowohl die Häufigkeit als auch die Ernsthaftigkeit dabei.

Der Gedanke der Freiwilligkeit ist dadurch deutlich präsenter: Die Lehrerinnen und Lehrer müssten nicht unbedingt ihre 100% geben. Aber sie tun es, weil sie das Beste für ihre Schülerinnen und Schüler wollen. Die wiederum müssten nicht zum Unterricht kommen und mitmachen. Aber sie tun es, weil sie lernen wollen. Beide Seiten sind dem Anderen gegenüber dankbar und freuen sich über die Zusammenarbeit. Es entsteht eine viel wertschätzendere und wohlwollendere Atmosphäre im Miteinander. Das können wir uns in Deutschland gerne zum Vorbild nehmen.

In diesem Sinne, Danke für das Lesen meiner heutigen Gedanken!

Autor:

Johanna

Johanna absolviert ihren Freiwilligendienst in Timor-Leste. Dort unterstützt sie das Canossa Magalhaes Training Center.

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Johanna und Charlotte,

    Ich hoffe das Tetun lernen und das leben im Kloster, fällt nicht zu schwer. Tetun ist doch die am meisten verbreitete Sprache in Dili oder? Wahnsinn wie anders es bei euch ist.
    Alles gute aus Cochabamba
    LG Martin

  2. Liebe Johanna,
    Danke fuer Dein spannendes und interessantes Berichten von Deiner Arbeit und von Deinen ersten Eindrücken in Timor Leste. Du reflektierst so offen und aufmerksam und wertschätzend. Es war schoen Dich und Charlotte in Dili kennen gelernt und getroffen zu haben, auf unserer Dienstreise in Osttimor vor ein paar Wochen. Ich sehe immer wieder Fotos von Euch wenn Sr. Sonia im fb über die Arbeit des Canossa Magalhaes Training Centre berichtet. Viel Spass und guten Mut weiterhin fuer die Arbeit und das Leben in Dili. Liebe Grüße aus Stuttgart, Inge

  3. Liebe Johanna, bereits nach einem Monat schon sehr weise und gute Gedanken!
    Halte diesen Spirit aufrecht!
    Liebe Grüße aus Aachen,
    Kesuma

  4. Danke liebe Johanna, dass Du uns an Deinen neuen Erfahrungen und Geanken so ausführlich teilhaben lässt. Klingt nach viel Arbeit aber auch frohen Mut.
    Auch für uns Anlass zum Nachdenken über die von uns oft als Selbstverständlichkeiten angesehen werden.
    Weiterhin viel Freude und Ausdauer, bleib gesund und munter.
    Liebe Grüße von Deinen Großeltern

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