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Hallo Umweltkrise – wir müssen reden. Wir haben ein Beziehungsproblem

Stets gilt es zu bedenken, dass nichts schwieriger zu bewerkstelligen, nicht von zweifelhafteren Erfolgsaussichten begleitet und nicht gefährlicher zu handhaben ist als eine Neuordnung der Dinge.
Niccolò Macchiavelli

… aber wie es dennoch geschehen kann, darüber lohnt es sich nachzudenken. M. Wolter

Liebe Umweltkrise,

seit einigen Jahrzehnten klopfst Du nun schon an in meinem Kopf und die Übermittler deiner Nachrichten werden immer exakter und besser in ihren Messreihen, Daten, Berichten und Informationen.

Neben vielen anderen Darstellungen über Dich, finde ich diese hier zu deinem  Zustand sehr gelungen, die der schwedische Wissenschaftler Herr Rockström und Kollegen vor genau zehn Jahren erstellt hat. Er beschreibt darin die Überschreitung von planetaren Grenzen, in denen wir uns bewegen können und beschreibt, welche wir schon überschritten haben.

Beim Klima, Artensterben und beim Stickstoffkreislauf (der ist gestört vor allem durch den hohen Kunstdüngereinsatz und Tierzahlen) sind diese Grenzen schon überschritten.

www.klimareporter.de/tag/grafiken-zur-klimakrise

Und wenn die Klimawissenschaftler sich zu Wort melden wie im August 2019, klingen ihre Meldungen so:

„Seit der vorindustriellen Zeit ist die Lufttemperatur über der Landoberfläche beinahe doppelt so stark angestiegen wie die globale Durchschnittstemperatur. Der Klimawandel, einschließlich von Zunahmen in der Häufigkeit und Intensität von Extremereignissen, hat sowohl negative Folgen für die Ernährungssicherheit und terrestrische Ökosysteme gehabt als auch zu Desertifikation und Landdegradierung in vielen Regionen beigetragen.“ (IPCC)

Spannend ist, dass du uns diese Nachrichten seit vielen Jahrzehnten übermittelst – die Daten werden immer umfassender, aber die Grundaussage ist seit über dreißig Jahren dieselbe.

„Hallo Houston,
we have got a problem.“

Hier die Nachricht von Alexander Gerst aus der ISS, der beim Blick aus dem All folgendes sagte :

Und ich verstehe deinen Frust liebe Krise – denn obwohl wir das alles sehr  wohl vom Kopf her verstehen, und betroffen den Kopf schütteln, passiert – fast nichts.

Die Information kommt nicht tiefer, nicht in das was uns bewegt und ausmacht. Wie sonst wäre zu erklären, dass das Klimapaket der Bundesregierung „Klimaschutz im Rückwärtsgang“ ist?

Oder, dass die ausgebrachten Pestizidmengen in Deutschland und weltweit, und die Treibhausgasemissionen seit Bekanntwerden des Treibhausgaseffektes weiter so immens steigen? Wir ignorieren Dich nicht nur, sondern hauen noch mal richtig kräftig drauf – schlimmer geht immer.

Wir müssen reden – denn wir haben offensichtlich ein Beziehungsproblem. Zu uns, zu unserer Mitwelt, zu dem was uns umgibt.

Doch immer deutlicher spüre ich, dass wir wechselseitig verbunden sind. Wir sind nicht allein, nicht nur Hülle aus Haut und Organen, die für sich ihr Leben führt – immer mehr spüre ich die anderen, ihren Schmerz, ihre Freude. Das fängt bei der Tasse Kaffee morgens an.

Oder wenn ich mein Schlaufon anmache und der junge Mann mich ansieht, der in den Coltanminen seine Hände in den Dreck gräbt, damit ich bei YouTube Katzenvideos anschauen kann.

Oder wenn mir ein Freund von seiner Blasenentzündung und seinen Schmerzen erzählt, durchfährt es mich selbst – nur Spiegelneuronen, oder Zeichen der realen Verbundenheit? Verbinde ich mich mit dem Mann aus den Minen, mit der Kaffeebäuerin, mit den ausgestorbenen Arten?

Schon im ersten Jahrhundert scheinen Menschen sich ähnliche Gedanken und Erfahrungen gemacht zu haben und hatten ein Gespür dafür, wie wir friedlich miteinander leben können. Es trifft mich, wenn Lukas in der Apostelgeschichte schreibt:

 „In Wirklichkeit ist Gott jedem von uns überhaupt nicht fern. Denn wir leben in ihm. Wir sind mit unserem ganzen Leben und Sein in ihn hinein verwoben.“

Hier hat Lukas ganz wunderbar ein weltweites Denken formuliert und so wie er es schreibt, scheint er es auch erfahren zu haben. Und wenn es dann stimmt, dass wir alle miteinander verwoben sind, dann kommen der Mann in den Coltanminen, der Kaffeebauer, der totgespritzte Schmetterling – vielleicht der letzte seiner Art- und die Klimaerhitzung mir auf einmal ganz nah. So nah, dass ich spüre –  ich bin mit ihnen verbunden. Wenn der Schmetterling ausstirbt, dann stirbt ein Teil von mir. Aber ich kann etwas tun.  

Und dann liebe Krise, habe ich Deine Nachricht bekommen, und will an unserer Beziehung arbeiten – damit sie heil wird.


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Autor:

Markus Wolter

Ich bin studierter Agrarwissenschaftler und selber Bioland-Landwirt mit Schwerpunkt Schweinehaltung gewesen. Bei MISEREOR arbeite ich zu den Themen Landwirtschaft, Agrarpolitik und Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land und Saatgut.

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