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Schönheit für alle

Mit zehn Jahren begann meine Begeisterung für Modezeitschriften: InStyle, Jolie und meine ehemalige persönliche Bibel, die VOGUE ‒ mit viel Eifer sammelte ich sie. Ich sammelte und sammelte, bis mir dämmerte, dass sie alle eines gemeinsam hatten: Die Frisuren und Make-up-Vorschläge waren für mich völlig ungeeignet. Auch bei den Modestrecken waren fast nie Schwarze Frauen zusehen.

© Karin Schermbrucker

Groß, extrem schlank und überwiegend weiß: seit Jahrzehnten wird dasselbe Schönheitsideal auf den Laufstegen dieser Welt präsentiert. Es ist ein europäisches Konzept von Weiblichkeit. Während die Modeindustrie immer globaler wird und internationale Märkte immer mehr in den Fokus geraten, sind nach wie vor nur wenige Schwarze Models in Kampagnen, Magazinen und auf dem Laufsteg zu sehen. Weniger als zehn Prozent der 146 Designer und Designerinnen, die bei den großen Herbstmessen 2018 für die „New York Fashion Week“ auftraten, waren schwarz und nur jedes Siebte der insgesamt 7.608 Models. Die Modebranche gilt als Schiedsrichter für Geschmack und Schönheit und sieht sich auch selbst so. Aber für die vielen Menschen, die von Weitem die Branche beobachten, lautet die Botschaft, die durch diese verzerrte Realität gezeichnet wird: Schwarz ist nicht schön.

Dabei geht es um mehr als ein paar Hochglanz-Gazetten. Unsere Wahrnehmung beruht größtenteils auf visuellen Prozessen. Das bedeutet, Film, Fernsehen, Zeitschriften und die sozialen Netzwerke setzen das Schönheitsideal. Wenn wir wiederholt sehen, dass glattes, seidiges Haar mit Schönheit, Beliebtheit und Wohlstand verknüpft wird, dann wird dies zum allgemeingültigen Verständnis von Attraktivität. Selbst in Ländern, in denen kaum jemand glatte Haare hat. Natürliche Afrohaare dagegen werden fast nie präsentiert, und falls doch, werden sie als „exotisch“ oder „wild“ gelabelt. Das führt auf Dauer dazu, dass alle Haartypen jenseits von glatt als „anders“ empfunden werden. Und eben nicht als schön. Diese psychologischen Muster beeinflussen Menschen von Norwegen bis Brasilien. Mit gefährlichen Folgen: So sind extrem schädliche Bleichcremes für die Haut von Kapstadt bis Neu-Delhi ein Verkaufsschlager. Und in Ostasien lassen sich Frauen die Augenform per OP verändern.

Die einseitige Darstellung von Attraktivität und Schönheit hat leider System. Der weiße Beautystandard setzt sich bereits in der Ausbildung des Fotografen und der Fotografin durch. Sie lernen, weiße Personen auszuleuchten und nicht schwarze. Make-up-Artisten und Artistinnen lernen nie, dunkle Hauttöne zu schminken. So kommt es, dass Models weltweit berichten, das die Make-up-Teams am Set schon allein mit ihrer Anwesenheit überfordert seien. Rassistisches Denken führt dazu, dass es nur wenige Model-Jobs für Schwarze Menschen in der Mode- und Beautyindustrie gibt. Meist gilt die Regel, dass eine „Exotin“ am Set reiche. Und nach wie vor bekommen hellere (light-skinned) Schwarze Models leichter einen Job als ihre dunkleren (dark-skinned) Counterparts.

Doch es bewegt sich einiges. Ein Beispiel ist der Erfolg von Fenty. Das Kosmetikunternehmen wurde von US-Sängerin Rihanna gegründet. Mehr als zwei Jahre arbeitete das Team an insgesamt 40 Grundfarben und schloss jedes Farbspektrum ein – von sehr hell bis ganz dunkel – mit dem Wunsch, Make-up für alle Menschen zugänglich zu machen. Der Erfolg gibt Fenty Recht: Nach nur 15 Geschäftsmonaten erzielte das Unternehmen 570 Millionen US-Dollar Umsatz. Andere Marken, CoverGirl, Maybelline und Dior, zogen nach und erweiterten ihr Farbspektrum. Diese Entwicklung wird bereits der Fenty-Effekt genannt. MAC geht sogar weiter und hat nun 60 Farben im Sortiment. Die Kosmetikindustrie merkt: Es gibt mehr Hautfarben auf der Welt als Weiß.

Dieser Boom bringt auch in Deutschland den Stein langsam ins Rollen. Unter dem Motto „Weil Sichtbarkeit das Wichtigste ist“ startete die deutsche Digitalversion der VOGUE im Mai dieses Jahres mit einem Feature: Aminata Belli, Sandra Lambeck, Nikeata Thompson, Mo Asumang und 24 weitere deutsche People of Color (dies ist eine politische Selbstbezeichnung für Menschen, die als nicht-weiß angesehen werden und wegen ethnischer oder rassistischer Zuschreibungen von Rassismus betroffen sind) zierten die Startseite von Vogue.de mit der Frage: „Wie können wir in einer Serie über People of Color (PoC) das nachholen, was schon längst hätte stattfinden sollen?“ Aber die eigentliche Frage lautet: Wie kann sich dauerhaft etwas verändern? Solange Schwarze Models, wenn überhaupt, nur auf dem Plakat zu sehen sind, Menschen mit asiatischem oder orientalischem Hintergrund höchstens in einem Special Platz haben, statt in Chefpositionen der Beauty- und Modeindustrie, bleibt Vielfalt ein hohles Werbeversprechen. Doch jeder vierte Deutsche hat bereits einen Migrationshintergrund, was zeigt: Vielfalt ist unsere Lebensrealität. Außer in der Beauty- und Fashionwelt.

Über die Autorin: Ciani-Sophia Hoeder ist Autorin und Bloggerin.


Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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