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Somalia: Ist hier Frieden?

Wer nach Somalia kommt, weiß um die Risiken. Ohne örtlichen Schutz können ausländische Besucher sich kaum bewegen, wenn sie sich nicht in große Gefahr bringen wollen. Jederzeit sind Überfälle, Angriffe, Entführungen für denjenigen möglich, der nicht auf Zustimmung und Unterstützung durch die örtliche Bevölkerung zählen kann.

Selbstbewusste Frauen gestalten als wichtige Akteurinnen in den Community Education Committees das Schulleben mit und initiieren Mädchenförderung in Girls Clubs. © MISEREOR

Waffentragende Milizionäre und Soldaten sind überall ein alltäglicher Anblick für jeden Reisenden. Zur Erhöhung des individuellen Sicherheitsgefühls trägt dies anfänglich nicht unbedingt bei, auch wenn man sich in guten Händen weiß. Doch legt sich dies Gefühl bei unserem Besuch in Luuq im Südwesten des Landes erstaunlich schnell. Dazu trägt nicht nur die sehr freundliche Begrüßung durch Dorfvorsteher und Gemeindemitglieder bei, sondern auch die große Umsicht, mit der all unsere Besuche in Schulen oder Krankenhaus, bei Frauengruppen und Binnenvertriebenen begleitet werden. Eine anfängliche Sicherheitseinweisung kommt hinzu. Uns soll auf keinen Fall etwas geschehen, das wird schnell klar.

Neben der Regierungsarmee und äthiopischen AMISOM-Truppen versucht auch die lokale Bevölkerung, Sicherheit in der Stadt zu gewährleisten. © MISEREOR

Dafür ist das gesamte Netzwerk des lokalen Clans mobilisiert – aufmerksam wird nicht nur jeder unserer Schritte überwacht, sondern das gesamte weite Umfeld des Dorfes steht unter Beobachtung, ob verdächtige Bewegungen entdeckt werden. Unsere jeweilige Position wird fortlaufend durchgegeben. Abends gilt für Besucher von außen ohnehin eine Ausgangssperre ab 17.30 Uhr. Das hat durchaus seinen Grund, befinden sich doch in dieser Region eine Reihe von Gruppen der Terrormiliz Al Shabaab sowie weitere islamistische Zellen, mit denen es immer wieder zu Kämpfen kommt. Insofern lautet die klare Ansage, dass bei entsprechendem Signal unserer Begleiter der Projektbesuch sofort abzubrechen und die Rückreise in das sichere Nachbarland Kenia anzutreten ist. Nichts davon geschieht Gottseidank, da bereits im Vorfeld auch mit den örtlichen Sicherheitskräften abgeklärt wurde, ob unser Besuch tatsächlich stattfinden kann. Bis zum allerletzten Moment am Vortag der Anreise blieb dies allerdings offen.

Wieder einmal zeigt sich, dass unsere größte Versicherung gegen Gefahren auf Projektreisen das Vertrauensverhältnis zu unseren lokalen Partnern und deren tiefe Verwurzelung in ihrem jeweiligen Umfeld ist. Wenn sie grünes Licht für Reisen geben, können wir dem getrost vertrauen. Ein rotes Licht hingegen ist unbedingt zu beachten.

So erleben wir hautnah ein extrem kompliziertes Land mit seinen vielen Konfliktlinien, das zudem von so vielen Naturkatastrophen – von der anhaltenden Dürre der vergangenen Jahre über Überschwemmungen im November 2019 bis zu den riesigen Heuschreckenschwärmen, von denen gerade jetzt ganz Ostafrika betroffen ist – heimgesucht wird. Somalia wurde so hart getroffen, dass mittlerweile fast 3,4 Millionen als Binnenvertriebene ihre Heimatregionen verlassen mussten und andernorts, zum Beispiel in der Provinz Gedo, in der unsere Partnerorganisation Trocaire seit fast 30 Jahren tätig ist, Zuflucht gefunden haben.

Improvisierte Tukuls in deinem der vielen IDP-Camps ( IDP= Internally Displaced Person, Binnenflüchtlinge) bei Luuq. © MISEREOR

Allein 770.000 Flüchtlinge sollen allein im vergangenen Jahr neu hinzugekommen sein. Wir treffen eine Frauengruppe, die uns auf die Frage nach ihren Fluchtursachen die schlechte Sicherheitslage aufgrund der Attacken von diversen Milizen, aber eben auch Hunger und die Naturkatastrophen als ihre individuellen Gründe nennen. Viele, die bisher als Wanderhirten von der Viehwirtschaft lebten, haben durch die Dürre ihre Herden komplett verloren.

Und wir erleben, wie – stark gemacht durch das große Engagement der fast ausschließlich einheimischen Trocaire-Mitarbeitenden – Menschen jeden Alters auch unter diesen Umständen Bildung für ihre Kinder organisieren und sich gemeinsam in den örtlichen Gesundheitskommittees um die Basisgesundheitsversorgung kümmern.

– Das von lokalen Trocaire-Mitarbeitende und dem lokalen District Health Board gemanagte Bezirkskrankenhaus in Luuq sichert 300.000 Behandlungen im Jahr. © MISEREOR

Selbstbewusst zeigen uns Barfuß-Lehrerinnen, die selbst aus den Flüchtlings-Camps kommen, und muntere Jungen und Mädchen jeden Alters, dass sie die Hoffnung für ihr Land noch nicht aufgegeben haben. Wie sonst ist zu erklären, dass so viele Kinder LehrerInnen und ÄrztInnen als ihre Traumberufe nennen.

Mädchen und Jungen in einer vom Trocaire-Projekt unterstützten Grundschule für IDPs.

Dankbar und bereichert kehren wir so von unserem Besuch im Bürgerkriegsland Somalia zurück. Nun verstehen wir auch, warum der traditionelle somalische Gruß Ma nabad baa? lautet. Er bedeutet: Ist hier Frieden? Und die Antwort lautet traditionell, auch wenn sie für das Land bislang eher Traum als Wirklichkeit ist: Haah waa nabad! Ja, hier ist Frieden!

Über die Autoren: Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer Internationale Zusammenarbeit, und Peter Meiwald, Abteilungsleiter Afrika und Naher Osten, besuchten MISEREOR-Projekte in Somalia und Somaliland.


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Autor:

Martin Bröckelmann-Simon

Dr. Martin Bröckelmann-Simon verantwortet als Geschäftsführer für Internationale Zusammenarbeit die Entwicklungszusammenarbeit mit Partnern in Afrika, Naher Osten, Asien, Ozeanien und Lateinamerika.

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