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Somalia: Ein dreißigjähriger Krieg und ein Land, das es nicht gibt

Dreißig Jahre ununterbrochener Bürgerkrieg, Anarchie, Chaos und Gewalt. Obwohl auch wir eine so lange dunkle Zeit aus unseren deutschen Geschichtsbüchern kennen – ein Leben unter diesen Umständen ist für uns heutzutage kaum mehr vorstellbar. Für die rund 12 Millionen  Menschen in Somalia ist dies jedoch auch im Jahr 2020 grausame Wirklichkeit.

Somalias katholischer Bischof Giorgio Bertin, dessen Vorgänger Salvatore Colombo 1989 in der Kathedrale der Hauptstadt Mogadischu erschossen wurde und der sein Bistum heute nur unter großen Risiken vom kleinen Nachbarland Djibouti aus betreuen kann, beschreibt es uns gegenüber als Verlust jeglichen nationalen Zusammenhalts und als komplettes Fehlen von Sicherheit. Das eigene Leben kann jederzeit jäh ein Ende finden, die örtlichen Machtverhältnisse können sich urplötzlich ändern und die bisherigen Verbündeten zu Feinden werden. Warum ist das so?

Bischof Giorgio Bertin und Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon © Meiwald | MISEREOR

Gewiss liegt ein Teil der Ursachen in der seit je her zersplitterten, durch nomadische Lebensweise geprägten und arabisch beeinflussten Clanstruktur der Somalis. Aufgeteilt in fünf große Gruppen und zahlreiche Unterclans ist für eine solche, segmentär genannte Gesellschaft, kulturell prägend die Loyalität zum eigenen Verbund, der Respekt vor den Ältesten und zugleich der Kampf um knappe Ressourcen (früher Wasser, Weideland, heute Geld, Waffen, Einfluss, Ressourcen) mit den jeweiligen Nachbarn.

Im letzten Jahrhundert haben sich die Kolonialregime des damals so genannten Somalilandes, getrennt nach britischer, italienischer und französischer Herrschaft, dieses Konkurrenzverhältnis jedoch durch das uralte Prinzip “Teile und herrsche” zunutze gemacht und damit die Kräfteverhältnisse und die Rolle traditioneller Autoritäten wie auch der alten Konfliktlösungswege deutlich verändert. Am Ende der Kolonialzeit standen dann nach der Unabhängigkeit 1960 diverse Versuche, mit dem neuen Somalia eine eigene Nation zu schaffen und das Clansystem künftig zu überwinden. Dabei wurde jedoch der Mangel an gemeinsamem übergeordnetem Nationalinteresse ebenso wie die Macht der bisherigen traditionellen Wirtschafts- und Lebensweise unterschätzt und Bemühungen scheiterten 1990 nach einer Serie von internen wie externen gewaltsamen Auseinandersetzungen in flächendeckenden blutigen Kämpfen und dem faktischen Ende staatlicher Zentralgewalt.

Dieser Zustand hält seitdem weitgehend unverändert an. Das Scheitern traditioneller Autoritäten bei dem Versuch, dem Staatszerfall Einhalt zu gebieten und die dadurch entstandene Gesetzlosigkeit der Zustände sind ein wesentlicher Faktor, um die Entstehung der islamistischen Terrormiliz Al Shabaab aus der Unzufriedenheit darüber und der Perspektivlosigkeit der Jugend heraus zu erklären. Sie ist trotz massiven internationalen militärischen Einsatzes nach wie vor in der Fläche sehr präsent und ein enormer Destabilisierungsfaktor, der humanitäre Hilfe ebenso wie Entwicklungsarbeit extrem erschwert und zur Entstehung eines sehr lukrativen neuen Wirtschaftszweiges, dem sogenannten „security Business“ als Schutz vor Überfällen und Entführungen, geführt hat. Spätestens an dieser Stelle müssen aber auch die vielfältigen, bis heute maßgeblich auf die Lage in Somalia einwirkenden wirkenden welt- und regionalpolitischen Einflüsse in den Blick genommen werden. Die strategische Lage Somalias am Roten Meer und der potentielle Rohstoffreichtum (Öl- und Gasvorkommen) sowie Grenzstreitigkeiten rufen nicht nur in regelmäßigen Abständen die großen Nachbarstaaten Kenia und Äthiopien auf den Plan, sondern auch Weltmächte wie USA und China.

Zudem haben geografisch wie regionalpolitisch das Ringen um Macht und Ressourcen im Mittleren Osten sowie der Stellvertreterkrieg im benachbarten Jemen massive Auswirkungen auf die Friedensperspektiven des Landes. So zeigt sich der potentielle Reichtum Somalias deutlich zugleich als Fluch und Treibstoff für das Anhalten gewaltsamer Konflikte.

Wie Bischof Bertin sagt: “Armut wird gern geteilt, Reichtum nicht”. Nur das Zusammenwirken von internen Kompromissen zwischen den verfeindeten somalischen Clans im übergeordneten nationalen Interesse und einer Verständigung zwischen den höchst verschiedenen Interessenlagen der internationalen Akteure im Sinne einer Stabilisierung am Horn von Afrika, kann hier die Perspektive sein. Eine solche Hoffnung mutet angesichts der derzeitigen Realität nahezu naiv an, aber sie ist genau das, was Bischof Bertin uns gegenüber als seinen dringlichsten Wunsch formuliert. Diese komplexe internationale Gemengelage hat sehr entscheidenden Einfluss auch auf die Lage in dem anderen somalischen Land, das es international nicht gibt, obwohl es eine gewählte Regierung und eine erkennbar funktionierende Staatsgewalt mit eigener Währung und eigenen Pässen besitzt.

Die Rede ist von Somaliland, dessen Hauptstadt Hargeisa einen lebendigen und gut organisierten Eindruck macht. Bereits die Ankunft auf dem dortigen kleinen Flughafen vermittelt Erscheinungsbild und Einreiseformalitäten diesen Eindruck, der sich bei unseren folgenden Gesprächen und Besuchen dort, zum Beispiel im gut geführten Allgemeinkrankenhaus Edna Aden oder in der Grundschule Salaama, durchaus bestätigt.

Edna Aden im Gespräch mit Bischof Giorgio Bertin und Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon vor ihrem Krankenhaus © Meiwald | MISEREOR

Seit rund 25 Jahren ist es in Somaliland nicht mehr zu gewaltsamen Konflikten gekommen und Al Shabaab hat hier nie Fuß fassen können. Es mag an der relativen Dominanz eines einzigen Clans hier und dem Mangel an Rohstoffvorkommen liegen – aber bereits im Jahr 1991 hat sich Somaliland, das annähernd gleich mit der Fläche des kolonialen Britisch- Somaliland ist, vom Rest des in Anarchie versinkenden Somalias abgewandt und versucht, seinen eigenen Weg zu gehen. Dieser war und ist international sehr umstritten und bis heute nirgendwo offiziell anerkannt, da es anhaltende Auseindersetzungen mit den Nachbarn um Grenzziehungen gibt und Somaliland sowohl auf der UN-Ebene wie in der Afrikanischen Union keine hinreichende Akzeptanz für eine neue afrikanische Staatenbildung erzielen konnte.

Dennoch ist dieses Land faktisch international durchaus von Bedeutung, da es einen Ort relativer Stabilität und Sicherheit an den Grenzen zu Djibouti, Äthiopien und zum Roten Meer bietet, einen für Äthiopien wichtigen Hafen hat und vielen als Puffer gegenüber einem Überschwappen der Gewalt aus Somalia dient. Dies erklärt auch, warum eine Reihe von internationalen Organisationen in Somaliland zu finden sind, bieten sich hier doch weitaus erfolgversprechendere Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Entwicklung. Diese beruht allerdings in weitaus größerem Maße als Entwicklungshilfe auf den massiven Rücküberweisungen von im Ausland lebenden Somaliländern – ein Zeichen dafür, dass sich diese auch in der Fremde ihrer Heimat verbunden fühlen und durch die Migration wesentlich zum Wirtschaftswachstum des Landes beitragen.

An dem Beispiel Somaliland zeigt sich also trotz der Zerbrechlichkeit seiner Situation, was friedensfördernd wirken kann: funktionierende Staatlichkeit, nationale Zusammengehörigkeit und Verantwortung, ein Minimum an verantwortlichem Regierunghandeln und die weitgehende Abwesenheit internationaler wirtschaftlicher oder strategischer Interessen. So ist es in dem Land, das es nicht gibt.

© Auto mit einem Nummernschild eines nicht-existierenden Landes © Meiwald | MISEREOR

Autor:

Martin Bröckelmann-Simon

Dr. Martin Bröckelmann-Simon verantwortet als Geschäftsführer für Internationale Zusammenarbeit die Entwicklungszusammenarbeit mit Partnern in Afrika, Naher Osten, Asien, Ozeanien und Lateinamerika.

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