Suche
Suche Menü

Das brasilianische Drama oder ein Präsident, der seine Menschlichkeit verloren hat

Vor nicht allzu langer Zeit galt Brasilien als siebtstärkste Wirtschaftskraft in der Weltgemeinschaft als gefragter internationaler Partner. Der damalige Präsident Lula da Silva engagierte sich zudem für die Armutsbekämpfung im eigenen Land sowie für die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den demokratischen Prozessen: Brasilien konnte sehenswerte Erfolge aufweisen. Mehr als ein Jahrzehnt später, nach der bislang zweijährigen Amtszeit des ultrarechten Staatschefs Jair Bolsonaro, ist davon nicht viel übriggeblieben.

Indigener Häuptling mit Mundnasenschutz – es scheint, als würde Brasilien derzeit seine indigenen Völker zum Schweigen bringen. Quelle: Kanaytô Xakriabá

Heute ist die Arbeitslosigkeit in Brasilien so hoch wie nie zu vor, die einheimische Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Trotz der inzwischen mehr als 330.000 Covid-19 Toten hält die populistische Regierung weiter an ihrer Politik der Verharmlosung und des Nicht-Hinsehen-Wollens fest. Bei so viel Ignoranz und Starrköpfigkeit wundert es kaum, dass das südamerikanische Land inzwischen auf Platz zwölf der Rangliste der führenden Volkswirtschaften abgerutscht ist (Quelle Austin Rating). Auch in anderen Statistiken zeichnen sich erschreckende Entwicklungen ab: Im HDI, dem Index für die Einhaltung von Menschenrechten, ist Brasilien auf Platz 84 zurückgefallen, im Gini-Koeffizienten, der die Einkommensgleichverteilung misst, befindet sich das Land nur noch auf Platz 150 von 159 erfassten Staaten. Das einst gepriesene brasilianische Gesundheitssystem ist in Corona-Zeiten aufgrund der kopflosen Führung des Staatschefs und seiner Marionetten als Minister weitgehend zusammengebrochen. Statt Empathie für die Millionen Infizierten und Tausenden Hinterbliebenen von Covid-19 Opfern demonstriert der Präsident immer wieder seine Gefühlslosigkeit mit Sprüchen wie „Ich bin doch kein Bestatter“ oder „Wie lange wollen Sie noch weinen?“.

Indigene vor selbst errichteter Covid 19-Absperrung. So versuchen sie, sich selbst gegen, das Virus zu schützen. Quelle: Agoho Pataxo

Management des Hasses

„Psychoanalytiker sehen in seiner knallharten Haltung ein politisches Kalkül und ein Management des Hasses“ schreibt Brasiliens größte Tageszeitung „Folha de São Paulo“ auf ihrer Titelseite der Ostersonntagsausgabe. Die Journalistin Eliane Brum von „El Pais“ geht sogar noch einen Schritt weiter: „Bolsonaro macht aus dem brasilianischen Volk menschliche Versuchskaninchen“. Und auch der Leiter der Pastoral für Obdachlose, Pater Julio Lancellotti, geht in einem offenen Brief hart mit der aktuellen Regierung ins Gericht und schreibt: „Brasilien ähnelt einer Gaskammer, es ist wichtig, dass sich Organisationen und Bewegungen für das Leben und gegen einen Völkermord einsetzen“.

Es war Leonardo Ulreich Steiner, der deutschstämmige Franziskaner, Erzbischof von Manaus und ehemalige Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz, der das Drama von Brasilien in einem Live-Interview an das Onlineportal „Tutameia“ auf den Punkt brachte: „Dem Präsidenten (Bolsonaro, Anm. d.Red.) ist seine Menschlichkeit verloren gegangen“. Mit diesem einen Satz sprach er Millionen von Brasilianerinnen und Brasilianern aus der Seele. Neben der Pandemie ist es die zunehmende Armut, die der brasilianischen Bevölkerung immer mehr zusetzt. Laut Untersuchungen der Getulio-Vargas-Stiftung befanden sich im Monat Januar 2021 ca. 12,8 % der Bevölkerung, in etwa 27 Millionen Brasilianern, mit einem Einkommen von 1,30 Euro pro Tag an der absoluten Armutsgrenze. In einer Onlinekonferenz zwischen der brasilianischen Bischofskonferenz und europäischen Hilfswerken berichteten Bischöfe aus allen Landesteilen von einer bisher ungekannten Hungerkrise.

Portrait des Erzbischofs von Manaus
Leonardo Ulrich Steiner, deutschstämmiger Franziskaner, Erzbischof von Manaus und ehemaliger Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz. Foto: CC BY 3.0

Illegale Goldgräber“ von der Regierung nicht verurteilt

In einer Zeit, in der ein Teil der Bevölkerung ums nackte Überleben kämpft, dringen im Schatten der Dunkelheit und des Lockdowns immer mehr illegale Siedler und Goldgräber in die brasilianischen Schutzgebiete ein. Dort brandroden sie, um im Boden nach Gold graben zu können und richten schwere Verwüstungen an. Das Institut für Weltraumforschung INPE verzeichnete im Pandemiejahr 2020 insgesamt 89.602 Brandherde, das sind sogar noch mehr Feuerausbrüche, als in dem uns allen in Erinnerung gebliebenen Vorjahr. Dass bei den Bränden Brasilliens Feuchtbiotop des Pantanals zu einem großen Teil von den Flammen verschlungen wurde, hat die Weltpresse in Corona-Zeiten größtenteils übersehen.

Auch die Gewalt gegen die Bewohner in diesen ländlichen Gebieten nimmt laut Landespastoral der CPT zu, Misereors langjähriger Projektpartner gilt hier als Brasiliens zuverlässigste Informationsquelle. CPT registrierte im Jahr 2020 insgesamt 178 Angriffen auf indigene und andere traditionelle Gebiete: ein neuer Höhepunkt an Gewalt. Besonders hart getroffen von den illegalen Angriffen ist das indigene Volk der Yanomami in Nordbrasilien. Nach Berichten der „Indigenen-Pastoral Boa Vista“ sollen sich mehr als 20.000 Goldgräber im Gebiet der Yanomami aufhalten. Unter Einsatz großer Mengen an Quecksilber verseuchen sie das Fluss- und Grundwasser in dem Tausende Quadratkilometer großen Gesamtgebiet und verursachen dadurch in der Region nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine ökologische Tragödie. Etwa 1.500 Kilometer weiter südöstlich, in der Kleinstadt Jacareacanga, griffen unmittelbar vor Ostern illegale Goldgräber den Sitz der Wakoborûn an, so nennt sich der Frauenverband der Munduruku, und plünderte dessen Büros. Misereor-Bischof Stefan Burger und Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel hatten dem indigenen Volk der Munduruku während der Fastenkampagne im Jahr 2016 einen Besuch abgestattet.

Auch Brasiliens Umweltminister Ricardo Salles reiste im vergangenen Jahr in diese Region. Statt mit den Munduruku zu sprechen, flog Salles in einer Nacht- und Nebelaktion mit einer Militärmaschine direkt zu den illegalen Goldgräbern, die im Territorium der Munduruku Rohstoffe und sonstiges plündern. Dort hinderte er zunächst die Umweltpolizei IBAMA daran, die schweren Gerätschaften der Eindringlinge zu konfiszieren. Anschließend soll Salles die Goldgräber in die Hauptstadt geflogen haben. Gegen den Vorfall läuft derzeit ein Verfahren auf Bundesebene. Allerdings ist kaum mit schwerwiegenden Konsequenzen für den „Anti-Umweltminister“ zu rechnen.

Umweltminister Salles überfliegt Goldmine im Territorium der Munduruku. Quelle: ISA

Bedrohliche Gesetzesvorlage für Indigene

Ebensowenig wird erwartet, dass der Angriff der Goldschürfer auf die Munduruku-Frauen größere Konsequenzen nach sich zieht: Wie bei so vielen anderen Gewalttaten gegen Indigene wird er wohl als Bericht auf einem Blatt Papier in Aktenordnern verschwinden. Gleichzeitig droht sich die Lage der indigenen Völker um ein Vielfaches zu verschlechtern, wenn in den Unterausschüssen des Parlaments in Kürze der von Bolsonaro priorisierte und von Menschenrechtsorganisationen scharf verurteilte Gesetzesentwurf PL 191/2020 behandelt wird: Die umstrittene Gesetzesvorlage sieht vor, Energie- und Bergbaukonzernen einen freien Zutritt zu den indigenen Schutzgebieten zu verschaffen, indem sie den indigenen Völkern ihre Vetorechte beziehungsweise ihre Mitspracherechte entzieht.

„Der Gesetzesentwurf PL 191 verstößt gegen die brasilianische Verfassung. Es ist der Versuch von Politikern und Wirtschaftsbossen, sich die Bergbaureichtümer des Landes anzueignen und die nationale Souveränität Brasiliens in Gefahr zu bringen“, erklärt der Präsident des Indigenenmissionsrats CIMI, Erzbischof Roque Paloschi. Und weiter: „Unsere größte Sorge ist die Zerstörung des Planeten, dem sogenannten Gemeinsamen Haus. Eine Freigabe der indigenen Gebiete für den Bergbau würde die Invasion in indigene Gebiete, die Zerstörung des Waldes und die Vernichtung ganzer indigener Gemeinden mit sich bringen“.

In den brasilianischen Parlamenten macht sich unterdessen neben dem Bolsonaro-Clan auch der frisch gewählte Präsident des brasilianischen Unterhauses, Arthur Lira, für den Gesetzentwurf stark. Es besteht die Gefahr, dass sowohl das Unterhaus als auch der Senat den Entwurf annehmen. Bei so viel Druck auf indigene Territorien scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Hüter des Waldes dem Druck auf ihre Gebiete nicht mehr standhalten. Schon jetzt strömen jährlich immer mehr indigene Familien aus purer Not in städtische Randgebiete.

Neben so vielen schlechte Nachrichten, zum Schluss auch noch eine gute Meldung: Denn während Sie diesen Artikel lesen, bewegen sich in ganz Brasilien unzählige freiwillige Helferinnen und Helfer kirchlicher Einrichtungen und Basisbewegungen in Elendsvierteln und auf unwegsamen Straßen. Selbstlos und risikobereit kümmern sie sich mit Lebensmittelpaketen, Hygienemitteln und Medikamenten um jene Menschen, die ohne Hilfe von außen in den Abgrund stürzen würden. Neben den unermüdlichen medizinischen Kräften sind diese Freiwilligen die wahren Helden Brasiliens, in einem Kampf, den die Bolsonaro-Regierung nie angenommen hat.

Geschrieben von:

Stefan Kramer leitet die MISEREOR Dialog- und Verbindungsstelle in Brasilia/Brasilien.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Parabéns, Stefan pelas importantes e preocupantes informações sobre a realidade brasileira. O Brasil parece mesmo um navio a deriva, sem timoneiro num mar de coronvirus. Lamentaveis os retrocessos que somos obrigados a presenciar. A solidariedade humana é agora, ainda mais necessária. Dados indicam que de cada 10 moradores de favelas 8 necessitam de doações para garantir sua alimentação.

  2. Realmente essa é nossa triste realidade vivida nesse país atualmente. Em especial, nos últimos anos por força da onda bolsonarista, no município de Juína, bem como, nessa região noroeste de Mato Grosso, no bioma amazônico, contabilizamos atônicos índices crescentes de muitas mortes de seres humanos, da fauna, da flora, de rios e fontes de minérios por conta da maldita ganância por uns poucos abastados declaradamente bolsonaristas. Isso é uma lástima.
    A Diocese de Juína, com a presença do seu bispo Dom Nerí, levanta a voz contra tais injustiças e reestrutura a CPT com o fim de fortalecer a resistência e se empenhar ainda mais na denúncia das violências e no anúncio da Boa Nova.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.