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Was der angebliche Kampf für Frauenrechte mit der Kolonialzeit zu tun hat

Mich erstaunt das verzerrte Bild, das die Menschen in Europa von Frauen aus anderen Kontinenten haben. Mit einigen regionalen Unterschieden werden außereuropäische Frauen häufig pauschal als unterdrückt dargestellt, mit weniger Rechten und Freiheiten als Frauen in westlichen Ländern. Muslimische Frauen zum Beispiel werden selten als aktiv handelnde oder selbstbewusste Personen wahrgenommen, eher als verschleierte Opfer, die Hilfe brauchen. Als eigenständige Menschen werden sie erst angesehen, wenn sie sich von ihrer Kultur und Religion lossagen, etwa wenn sie den Schleier ablegen – als sei der Schritt hin zur europäischen Lebensweise die einzige Möglichkeit für eine Frau, frei zu leben.

Die Befreiung und Gleichberechtigung der Frau gilt als westliche Errungenschaft. Doch das ist sie nicht. In Tunesien etwa, einem arabischen Land, sind Frauen bereits seit 1956 verfassungsgemäß gleichberechtigt. In den USA ist dies bis heute nicht in der Verfassung verankert, nur in manchen US-Bundesstaaten. Ebenfalls seit 1956 dürfen tunesische Frauen die Scheidung einreichen. Italienischen Frauen wurde dies erst ab 1970 erlaubt; in Irland ist es sogar erst seit 1995 möglich. Seit 1959 dürfen Frauen in Tunesien wählen. In Afghanistan sind Frauen seit 1963 wahlberechtigt, in der Schweiz erst seit 1971.

Aber egal, die Gleichberechtigung verorten wir ungeachtet dessen jedenfalls nicht im globalen Süden, der in jeder Hinsicht – auch in Bezug auf Frauenrechte und Feminismus – als unterentwickelt und rückständig gilt. Ein Grund dafür mag sein, dass dieses Vorurteil eine sehr lange, jahrhundertealte Vorgeschichte hat. Die europäischen Kolonialmächte eroberten verschiedene Länder zu unterschiedlicher Zeit. Zur Sicherung der Vorherrschaft wurden jedoch immer die gleichen Mittel eingesetzt: Gewalt und Propaganda.

Zur Propaganda der Kolonialmächte gehörte es, die Völker der besetzten Länder als wild und gefährlich darzustellen sowie als unfähig, sich selbst zu regieren. So ließ sich rechtfertigen, wieso die weißen Kolonialherren die Kontrolle übernahmen, mehr noch: moralisch verpflichtet waren, dort zu regieren. Gleichzeitig sollte diese Propaganda auch die Kolonialgegner*innen im eigenen Land von der Notwendigkeit der europäischen Vorherrschaft überzeugen.

Ein Teil dieser Propaganda war der Status der Frau, zum Beispiel in den arabischen Ländern. Während im 18. und 19. Jahrhundert in der europäischen Kunst und Literatur der Orient als ein exotischer Sehnsuchtsort galt und vor allem „der Harem“ und „die Bauchtänzerin“ als Projektionsfläche für erotische Phantasien dienten, wurde auf der politischen Ebene ein anderes Bild gezeichnet. Als die Briten Ende des 19. Jahrhunderts Ägypten besetzten, ging dies mit massiver Stimmungsmache gegen den Islam einher – indem sich die Kolonialisten angeblich für die ägyptischen Frauen starkmachten. Lord Cromer, britischer Diplomat und damaliger Generalkonsul in Ägypten, behauptete, der Islam sei ein „Misserfolg“, der Frauen degradiere. Derselbe Lord Cromer war allerdings Gründungsmitglied der „Männerliga zur Verhinderung des Frauenwahlrechts“. Sein Engagement für Frauen in Ägypten, als Rechtfertigung für eine imperialistische Expansion war rein strategisch motiviert. Dieser Blick auf arabische beziehungsweise muslimische Frauen ist in Abwandlungen bis heute anzutreffen.

Parallel dazu wurde die Erzählung des gefährlichen arabischen Mannes verbreitet, ein Bild, das bereits seit der Zeit der Kreuzzüge existiert. Im Mittelalter diente es zur Rechtfertigung der Massaker, die die Kreuzritter in Jerusalem und anderswo anrichteten. Muslimische Männer sind von verschiedenen Kolonialmächten dämonisiert worden – als gefährlich, rückständig und sexuell aggressiv. Eine typische Argumentationskette dabei lautete, dass die westlichen Kräfte gegen diese Männer vorgehen müssten, um die lokalen Frauen zu schützen. Und dafür müsse leider das jeweilige Land besetzt werden.

Auch in der heutigen Zeit finden wir diese Rechtfertigung. Die indischamerikanische Professorin und Schriftstellerin Deepa Kumar bezeichnet dies als „imperialistischen Feminismus“. Das heißt, wenn sich westliche Politiker plötzlich auf die Rechte der Frauen bestimmter Nationen fokussieren, auf die sogenannten „würdigen Opfer“, wie es der Linguistikprofessor und Philosoph Noam Chomsky nennt, dann lohnt es sich, danach zu fragen, ob es eine politische Agenda dahinter gibt. Existieren geostrategische Interessen in diesen Ländern? Irakische Ölquellen zum Beispiel oder seltene Erden? Oder in Afghanistan, wo es um den Zugang zu den Ölreserven am Kaspischen Meer geht?

Damit ist das grausame und frauenverachtende Regime der Taliban keinesfalls entschuldbar. Selbstverständlich müssen die Taliban bekämpft und entmachtet werden. Dennoch ist es klug, sich bewusst zu machen, dass die Außenpolitik westlicher Mächte nicht nur von der Sorge um afghanische Frauen getrieben ist.

Das bedeutet, wir sollten für die Gleichberechtigung von Frauen eintreten, im Westen wie überall auf der Welt. Aber muslimische Frauen sind nicht per se unterdrückt. Und sie sind häufig in der Lage, selbst für ihre Rechte zu kämpfen. Militärische Invasionen wirken sich darauf eher kontraproduktiv aus. Zum anderen brauchen Länder des globalen Südens – und die Frauen, die dort leben – keine weißen Retter*innen. Sie brauchen Solidarität. Auf Augenhöhe.

Text von Sheila Mysorekar I llustration von Kat Menschik


Über die Autorin: Sheila Mysorekar ist indodeutsche Rheinländerin, Journalistin und lebt in Köln. Sie arbeitet als Beraterin für konfliktsensiblen Journalismus und Medien in Post-Konflikt-Staaten bei der Deutschen Welle Akademie und bildet Medienschaffende in Konfliktländern aus, unter anderem in Libyen, im Libanon und Südsudan.

Über die Illustratorin: Kat Menschik arbeitet bereits seit 1999 als freiberufliche Illustratorin in Berlin. Die studierte Kommunikationsdesignerin zeichnet für Zeitungen, Magazine und Buchverlage, unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Seit 2016 veröffentlicht Kat Menschik mit „Klassiker der Weltliteratur“ ihre eigene Buchreihe im Berliner Galiani-Verlag.


Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Ja, in Tunesien war der erste Staatspräsident, Habib Bourguiba, ein Vorreiter für die Gleichberechtigung der Frauen. Bourguiba hatte in Frankreich studiert und war in erster Ehe mit einer Französin verheiratet. Ich verbrachte meine Kindheit in den siebziger Jahren (zwischen 1969 und 1978) in Tunesien und konnte beobachten, wie immer mehr Frauen ihre Schleier ablegten. Allerdings gab es später, wie auch in Algerien und Ägypten eine Art „Re-Islamisierung“ mit der Rückkehr zu konservativeren Traditionen. Die ersten freien Wahlen in Tunesien, Algerien und Ägypten brachten ja zunächst islamistische Parteien an die Macht.

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