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Lützerath: Ausgeträumt?

Es ist heiß und trocken an diesem Tag Mitte August – der Tag, an dem wir die Mahnwache im nordrhein-westfälischen Lützerath an der Abbruchkante des Braunkohletagebaus Garzweiler besuchen. Vielleicht ist das Dorf Lützerath in nur wenigen Wochen traurige Geschichte.

© Frielinghausen | Misereor

Denn die Zeit läuft. In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob die riesigen Schaufelbagger von RWE Power – deutsche Ingenieurskunst par excellence – Lützerath abbaggern.

Auch die Windräder, die wir von dem neugezogenen Grenzwall aus im zukünftigen Abbaugebiet sehen, werden den Schaufelbaggern zum Opfer fallen, um dem Braunkohletagebau Platz zu machen. Ich frage mich, wie das möglich ist, dass in Zeiten von allgegenwärtigem Klimawandel und Verpflichtung zur Einhaltung der 1,5°C-Grenze, die kurzfristigen Interessens eines der führenden Energieunternehmens Deutschlands den Ausbau der erneuerbaren Energien auszubooten drohen.

© Frielinghausen | Misereor

Naiv zu glauben, solche Widersprüche gäbe es zwar woanders, aber nicht in Deutschland. Möglich macht das ein Bergrecht, das Firmen wie RWE Power die vorläufige Inbesitznahme von Grund, Häusern und Wäldern ermöglicht. Das deutsche Bergrecht steht über dem Grundrecht. Und so haben Umweltschutz, Menschenrechte und Denkmalschutz das Nachsehen.

Andrea, eine Aktivistin der ersten Stunde der Mahnwache Lützerath, begrüßt uns herzlich und beginnt zu erzählen. Von der Hoffnung auf die Kraft des Protests und der Angst vor der möglichen Räumung im Herbst.

Andrea (links) im Gespräch mit Astrid © Frielinghausen | Misereor

Mit ihr gehen wir über das Gelände und entlang der letzten Gebäude in Lützerath, die noch nicht abgerissen worden sind. Liebevoll gestaltete Schilder weisen einem den Weg zum ‚Lützi-Café‘, dem Landwirtschaftskollektiv, den Baumhäusern und Zelten im ‚Auenland‘ und den ‚Lützi-Wald‘.

Eine Mischung aus farbenfrohem Hippie-Dasein und organisiertem Protest. Bunte Plakate und Fahnen erinnern an die viele Aktionen der vergangenen Jahre.

© Frielinghausen | Misereor

Unser Weg führt uns weiter zu dem heute von Hausbesetzer*innen bewohntem Gehöft des letzten Garzweiler-Bauern Eckardt Heukamp. Heukamp machte Schlagzeilen durch seine Klage gegen die vorzeitige Besitzeinweisung seines Grundstücks durch RWE Power, die bis zur Instanz des Oberverwaltungsgerichts in Münster ging.  Ernüchternd das Urteil im April mit der Begründung, es gäbe keine gesetzliche Grundlage für Klimaschutz.

© Frielinghausen | Misereor

Mahnend weht eine gelbe Fahne im heißen Sommerwind. Und der Blick fällt wieder auf die horizontweite Tagebaustelle, die an Tolkiens Moria erinnert. Wäre da nicht der sandfarbene Lössboden, der großflächig abgebaggert wird, um an die Kohle zu kommen. Unwiederbringlich ist die Zerstörung der Natur und der Landwirtschaft.

© Frielinghausen | Misereor

Spielt die Debatte um die aktuelle Versorgungs(un)sicherheit RWE Power in die Hände? Entgegen der Studien, die mehrfach belegt haben, dass sogar aus unternehmerischer Sicht die Entscheidung für den weiteren Ausbau der Braunkohle falsch ist?

Was bleibt sind Fassungslosigkeit und Unverständnis. So ist es still auf unserer Rückfahrt, die über die Geisterdörfer Keyenberg und Kuckum in der Nachbarschaft von Lützerath führt. Ein Gemisch aus Gedanken, Emotionen, offenen Fragen und hoffen auf die Macht des friedlichen Widerstands.

Es kommt auf jeden Einzelnen an, sagt Andrea. Widerstand jetzt ist der Aufruf.

Über die Autorin: Astrid Meyer arbeitet bei Misereor in der Abteilung Afrika und Naher Osten mit dem Länderschwerpunkt Kongo.

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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