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Landwirtschaft mit Zukunft aus Ägypten

Markus Wolter ist Experte für Welternährung und Landwirtschaft bei Misereor.  Auf einer Reise nach Ägypten recherchierte er zu verschiedenen nachhaltigen Wegen, Landwirtschaft zu gestalten und lernte dabei inspirierende Arbeitsweisen kennen.

Traktor auf dem Feld
Die Anbaukulturen von Sekem sind vielfältig und viele Produkte davon sind auch im deutschen Naturkosthandel zu finden. © Wolter/ MISEREOR

Herr Wolter, Sie waren im Juni auf Dienstreise in Ägypten. Was hat Sie da besonders beeindruckt?

Mich hat beeindruckt, dass es viele Menschen und Unternehmen gibt, die sich aktiv für einen Wandel hin zu einer ökologisch nachhaltigen und sozialen Welt, einsetzen und sich nicht nur über Probleme beschweren. Ich finde, davon brauchen wir mehr.

Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür?

Die Firma SEKEM verbindet Ökonomie, Ökologie, Kultur und Bildung. Das landwirtschaftliche Unternehmen produziert, vertreibt und exportiert sehr hochwertige Bio-Lebensmittel. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten umweltschonend, ohne Ausbeutung von Menschen und gleichzeitig profitabel. Dieser Besuch hat mir unglaublich Mut gegeben und mir gezeigt, dass es Menschen gibt, die den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern Lösungen für die Probleme Ägyptens und dieser Erde suchen und finden. Im Fall von SEKEM sind das Menschen, die sich schon seit Jahrzehnten um Klimaschutz und menschliche Entwicklung bemühen, trotz aller Widrigkeiten.

Gemüseacker
Der Anbau von Bio-Gemüse sorgt für eine vielfältige Ernährung. © Wolter/ MISEREOR

Widerspricht sich Gemeinwohl und Profitabilität nicht in gewisser Weise?

Nein, das muss es nicht. SEKEM möchte, dass Menschen sich entwickeln können und dass Wirtschaften nicht auf Kosten von Mensch und Natur geht. Das Unternehmen beweist, dass man die Weiterentwicklung von Menschen und den Schutz der Umwelt fördern und gleichzeitig profitabel arbeiten kann. So ist SEKEM mit seinen Bio-Kräutertees ägyptischer Marktführer, noch vor den großen konventionellen Teemarken wie Lipton.

Klingt nach einem Modell für die Zukunft.

Genau. Ich glaube, nur so kann man Landwirtschaft in Zukunft betreiben, also mit der Natur statt gegen sie. Kunstdünger und chemisch-synthetische Pestizide sind durch den Ukraine-Krieg ohnehin sehr teuer geworden, da sie sehr energieintensiv in der Herstellung sind. Ein Grund mehr, die Landwirtschaft so umzubauen, dass man nicht mehr abhängig von Zulieferungen von außen ist. Das ist ein Paradebeispiel dafür, wie nachhaltiges Leben und Arbeiten gelingen kann, nämlich in regionalen, möglichst geschlossenen Kreisläufen. Und das ist möglich: Die Landwirtschaft ist der einzige Wirtschaftszweig der Welt, der seine Erträge allein mithilfe der Sonne, also der Photosynthese, erbringen kann und nicht extraktiv arbeitet – also auf Ausbeutung der Erde beruht.

Das ist ein absolutes Zukunftsmodell, was ich in Ägypten gesehen habe. Es wird so nachhaltig wie möglich gearbeitet, und gleichzeitig ist man wirtschaftlich so erfolgreich, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fair behandelt und bezahlt werden.

Solarpanele in der Landwirtschaft
Das Potenzial von erneuerbaren Energien in Ägypten ist sehr hoch, zum Beispiel von Solarenergie. © Wolter/ MISEREOR

Ägypten ist auch Ausrichtungsland der diesjährigen Weltklimakonferenz, der COP27. Welche Bedeutung hat das für Misereor und seine Weggefährten?

Die COP hat eine besondere Bedeutung, weil sie vor allem den Globalen Süden in den Blick nimmt. Wir wissen mittlerweile, dass der Globale Süden, und somit auch Afrika, der Teil der Welt ist, der am meisten unter der Klimakrise leidet und gleichzeitig nur sehr wenig dazu beiträgt. Viele Länder dort begreifen sich deshalb als Opfer und nicht als Akteure, die dagegen angehen können. Trotzdem ist klar, dass Länder wie Ägypten viele Maßnahmen im Bereich der Klimaanpassung ergreifen werden müssen, damit das Leben dort bestreitbar bleibt. SEKEM zum Beispiel tut dies und setzt sich mit seiner Arbeit für klimafreundliche Landwirtschaft ein, auch auf politischer Ebene. Auf der COP werden sie mit ihrer Lobbyarbeit stark vertreten sein.

Auch wir von Misereor werden im November bei der COP in Ägypten sein und wollen uns, vor allem mit unseren afrikanischen Partnerorganisationen, für konsequenten Klimaschutz und damit verbundene Maßnahmen einsetzen.


Die Wüste begrünen

Misereor setzt sich seit seiner Gründung für die weltweite Hungerbekämpfung und eine intakte Umwelt ein. Die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen und anderen Akteurinnen und Akteuren im Globalen Süden steht dabei seit jeher im Vordergrund. Der Misereor-Experte für Landwirtschaft und Ernährung, Markus Wolter, war im Juni 2022 in Ägypten, wo er die Arbeit von SEKEM kennenlernte.

Die SEKEM-Initiative ist ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen aus Ägypten, das Bio-Lebensmittel sowohl für den Eigenbedarf als auch für den Export produziert. Die Produkte von SEKEM finden sich vielfach auf dem deutschen Markt, zum Beispiel in den Regalen von Alnatura oder der Produktpalette des Fairhandelshauses GEPA, zu deren Gründungsgesellschaftern Misereor gehört.

Nachdem er über 20 Jahre lang in Europa studiert, gearbeitet und gelebt hatte, gründete Ibrahim Abouleish 1977 SEKEM mit der Vision, Landwirtschaft und menschliche Ernährung nachhaltig zu gestalten. Ziel war es, ein Unternehmen zu schaffen, das ökologische Nachhaltigkeit, wirtschaftlichen Erfolg und menschliche Entwicklung verbindet. Abouleish kaufte zunächst 70 Hektar Land in der Nähe des Nils, 60 Kilometer nordöstlich von Kairo. Mit biologisch-dynamischer Landwirtschaft verwandelte er das Stück Wüste in fruchtbaren Boden. Dies gelang ihm in Kombination mit Tierhaltung, Kompostwirtschaft und dem Anbau von stickstoffbindenden Pflanzen, beispielsweise Klee. Auch zahlreiche Baumpflanzungen trugen dazu bei, das Stück Wüste zu begrünen und daraus ackerfähigen, fruchtbaren Boden zu machen.

Kühe
Tierhaltung ist ein Schlüssel für den Humusaufbau bei Sekem. © Wolter/ MISEREOR

Abouleish gründete mehrere Tochterfirmen, in denen die Agrarerzeugnisse verarbeitet werden. So wie beim Ackerboden war ihm auch bei Menschen wichtig, dass sie sich gesund entwickeln und entfalten können. Im Laufe der Jahre wurden deshalb auch Bildungseinrichtungen für die Menschen in der Umgebung geschaffen. Besonders gefördert werden die Produzentinnen und Produzenten der Produkte. Sie erhalten unter anderem Schulungen in biologisch-dynamischem Lebensmittelanbau, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz.

Heute leitet Helmy Abouleish die Sekem Holding. Es gibt mittlerweile einen Kernbetrieb in der Nähe Kairos mit etwa 200 Hektar Fläche, sowie jeweils eine Betriebsstätte in der ägyptischen Wüste und auf dem Berg Sinai. Aufgrund des großen Erfolges und der hohen Nachfrage der SEKEM-Produkte gibt es weitere rund 500 Lieferanten, die die SEKEM-Initiative beliefern. Alle Produkte der Initiative entsprechen dem Demeter-Standard, sie sind also ökologischer als Produkte mit dem europäischen Biosiegel. Dazu gehören zum Beispiel Tee-Kräuter, Gewürze, Datteln, Orangen und Baumwolle.

SEKEM engagiert sich außerdem beim True Cost Accounting, einer von Misereor unterstützten Maßnahme, um die wahren Kosten unserer Lebensmittel zu bilanzieren. Beim True Cost Accounting werden zunächst unsichtbare Folgen der Lebensmittelproduktion wie klimaschädliche Produktionsweisen oder Verletzungen von Rechten der Arbeiterinnen und Arbeiter in die Kosten mit einbezogen. Um gemeinsam mit Misereor über dieses Thema zu berichten, wird Helmy Abouleish im September nach Deutschland kommen.

Geschrieben von:

Ina Thomas volontiert in der Abteilung Kommunikation bei Misereor.

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