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„Das Leben des Rindes ist wichtiger als unser Leben“

Sie setzen sich mit großem Engagement und unter immensen Gefahren für die Rechte indigener Menschen am Amazonas ein: Alessandra Munduruku Korap ist die Präsidentin des indigenen Verbands „Pariri“ am Mittleren Tapajós-Fluss und Vize-Präsidentin der FEPIPA, dem Dachverband der indigenen Völker im Bundesstaat Pará. Raione Lima Campos arbeitet als Rechtsanwältin für die kirchliche Fachstelle für Landfragen in Itaituba. Zu ihrem Aufgabenbereich gehört die rechtliche Unterstützung des Volkes der Munduruku und auch der anderen traditionellen Gemeinschaften und kleinbäuerlichen Familien am Mittleren Tapajós-Fluss. Beide arbeiten eng zusammen und setzen sich im Kontext der fortschreitenden Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden am Mittleren Tapajós für die Interessen und Rechte der lokalen Bevölkerung ein. Bei Misereor berichteten sie über die aktuelle Situation:

Alessandra Munduruku Korap (links) und Raione Lima Campos aus dem brasilianischen Bundestaat Pará. © Allgaier / Misereor

Wie ist aktuell die Lage in Ihrer Heimatregion Itaituba im Norden Brasiliens, wo es immer wieder zu Konflikten, Gewalt und Vertreibung kommt?

Alessandra Munduruku Korap: Ich wohne am Fluss Tapajós im brasilianischen Bundesstaat Pará. Die Konflikte, die sich in unserem indigenen Territorium abspielen, betreffen vor allen Dingen unseren Fluss, der vergiftet wird, und seine Nebenflüsse. Besonders problematisch sind die Folgen des Goldabbaus und des Holzeinschlags großer Unternehmen. Als ich nach Deutschland ausgereist bin, kam ich von einem Frauentreffen der Munduruku, und dort habe ich vor allem Feuer gesehen. Der Amazonas brennt, unsere Augen brennen. Man riecht es sehr stark und der Rauch erlaubt es zum Teil nicht, das andere Ufer zu sehen.

Diese Brände haben einen Grund und die brasilianische Regierung ihn noch: Es geht um den Anbau von Soja, es geht um Bergbau, um den Bau von Wasserstraßen, den Flussausbau für Schiffe, es geht um den Bau von Eisenbahnstrecken und Häfen – alles letztlich, um die Produktion von Soja und dessen Export zu ermöglichen – zum Beispiel auch nach Europa. Dieser enorme Ausbau der Soja-Produktion hat letztlich nur ein Motiv: Geld verdienen. Und dafür muss man töten. Man muss Feuer legen, man muss die Anbaufläche ausweiten. Das schadet den indigenen Völkern. Das schadet aber auch den Nachfahren afrikanischer Sklaven, die dort Dörfer haben. Im Grunde wird unser Land, unsere Existenz negiert, und darunter leiden wir in besonderem Maße. Als ich nach Europa gekommen bin, habe ich gesehen, dass hier alles schön ist. Wir treffen auch Menschen, die besorgt sind um den Schutz der Umwelt, die sich Gedanken machen über die Klimaveränderungen. Aber es muss mehr passieren, denn unser Haus brennt, die Situation für uns verschärft sich. Selbst trinkbares Wasser müssen wir kaufen, weil das Quecksilber, das für den Goldabbau benutzt wird, unsere Flüsse stark verunreinigt.

Wie ergeht es denjenigen, die sich gegen eine solche Entwicklung auflehnen?

Munduruku Korap: Wir gehen in den Kampf gegen die Regierung, gegen die Unternehmen, die uns bedrohen. Mein Haus ist schon zweimal überfallen worden, ich werde in den Sozialen Medien gehackt. Und eine Frau, die als Aktivistin die Interessen einer indigenen Bevölkerungsgruppe vertritt, musste erleben, dass ihre Anpflanzungen für Lebensmittel verbrannt wurden.

Solche Aktionen geschehen immer wieder gegen Aktivisten, die sich gegen den Soja-Anbau und dessen Ausbreitung wehren. Dieser Ausbau des Agrobusiness wird finanziert von Banken: die Weltbank ist beteiligt, aber auch Geldinstitute aus der Schweiz und Deutschland. Immer um die Soja-Produktion zu erhöhen, aber auch die Rinderzucht auszubauen. Wir sagen manchmal: Das Leben des Rindes ist wichtiger als unser Leben. Wir zählen bei diesen Investitionsmaßnahmen gar nichts. Es ist total absurd: Mitten in Amazonien, das zu den wasserreichsten Gebieten der Erde zählt, müssen wir Trinkwasser kaufen, weil unser normales Wasser einerseits durch die Agrargifte verdorben wird und andererseits durch das im Goldabbau eingesetzte Quecksilber, das den Genuss des Wassers unmöglich macht. Wir sagen, wenn es die Käufer nicht gäbe von Soja, Gold, Fleisch, dann gäbe es den ganzen Handel nicht. Ohne die Käufer müssten wir wahrscheinlich nicht so leiden. Irgendjemand bezahlt immer den Preis für diese Art von Entwicklung.

Rinder auf der Wiese

Und diese Käufer leben auch in Europa oder Deutschland?

Munduruku Korap: Ja, so ist es. Europa, aber auch China und die Vereinigten Staaten sind wichtige Abnehmer.

Menschen werden aufgrund der genannten Großprojekte häufig vertrieben. Was passiert mit ihnen anschließend?

Munduruku-Korap: Das Land, auf dem ich lebe, ist noch nicht gesetzlich als indigenes Land anerkannt. Geplant ist, über unser Land eine Eisenbahntrasse zu bauen. Ebenso sind der Ausbau einer Wasserstraße, der Sojaproduktion und der Viehwirtschaft geplant. Die Frage ist: Wohin gehen wir? Was machen wir, wenn das alles so kommt? Ist Europa vorbereitet, 13.000 Munduruku aufzunehmen, wenn sie nicht in ihrem Land bleiben können? Wer wird uns helfen? Ich fürchte, niemand. Wir haben keinen Ort, zu dem wir gehen können.

Was ist mit anderen Volksgruppen geschehen, die eine Vertreibung schon hinter sich haben?

Munduruku-Korap: Das Volk der Guarani-Kaiowas wurde vertrieben und ist zurückgekommen auf sein Land. Dort mussten die Indigenen feststellen, dass auf ihren früheren Arealen neue große Farmen entstanden waren. Daraufhin kam es dort zu schweren Kämpfen und neuerlichen Vertreibungen. Es gibt eine Reihe kleiner, isolierter Völker, die noch keinen Kontakt zu nicht-indigenen Völkern hatten. Deren Mitglieder wurden in einigen Fällen von Holzhändlern, Goldsuchern etc. ermordet. Und dann gibt es eine Gruppe von Menschen, die in die Städte Amazoniens gehen und dort ein sehr bedauerliches Leben führen, weil sie aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen wurden. Sie leiden darunter, nicht mehr fischen zu können, keine Medikamente mehr zu erhalten, die sie bisher aus der Natur gewonnen haben. Sie kommen schwer damit zurecht, dass sie für alles bezahlen müssen wie Trinkwasser oder Bananen, die sie zuvor immer kostenlos zur Verfügung hatten. Das war in der indigenen Welt etwas Unvorstellbares.

Wie sind die rechtlichen Möglichkeiten, sich gegen solche Angriffe zu wehren?

Raione Lima Campos: Ich bin Rechtsanwältin und arbeite für die CPT, die Kirchliche Fachstelle für Landfragen. Ich unterstütze das Volk der Munduruku, aber auch andere traditionelle Völker in der Region. Zudem unterstütze ich Vereinigungen, die sich gegen die erwähnten Entwicklungen wehren.

Wir haben schon verschiedene Prozesse zu diesen Konflikten angestrengt. Es gibt die APIB, die Vereinigung aller indigenen Völker Brasiliens, und die hat eine Klage eingereicht beim Obersten Gerichtshof, der auf Deutschland bezogen mit dem Bundesverfassungsgericht vergleichbar ist. Die Rechte der Indigenen sind in der Verfassung festgelegt. Ich habe eine Klage der APIB anwaltlich begleitet, um zu erreichen, dass die Goldgräber, die auf dem Gebiet der Munduruku aktiv geworden sind, sich zurückziehen müssen.  Parallel zu dieser Klage sind wir an die Staatsanwaltschaft von Itaituba herangetreten, und die hat ebenso einen Prozess angestrengt, bei dem es darum ging, ob die Goldgräber das Munduruku-Gebiet wieder verlassen müssen. Beide Gerichte haben den Anträgen zugestimmt. Es war aber bisher nur ein juristischer Sieg auf dem Papier. Bisher haben sich die Goldgräber nicht zurückgezogen, in der Praxis hat sich nichts geändert.

Abgeholzte Felder im Amazonasgebiet

Ist das eine zu erwartende Entwicklung gewesen? Auch die Demarkierung und damit der Schutz indigener Gebiete wird trotz gesetzlicher Vorschriften nicht immer umgesetzt.

Lima Campos: Ja, das ist so. Wir sind auch auf internationaler Ebene juristisch aktiv geworden. So gibt es eine interamerikanische Kommission für Menschenrechte mit Sitz in Washington. Dort haben wir drei Anträge eingereicht zum Schutz der Völker der Munduruku, der Yanomami und der Tecuena vor COVID-19. Diese Kommission hat das Ganze an den Interamerikanischen Gerichtshof weitergeleitet. Dieser hat die Klage angenommen. Das ist ein großer Erfolg, denn es ist das erste Mal, dass Brasilien von einem Internationalen Gericht wegen der Verletzung von Menschenrechten und der Rechte indigener Völker angeklagt wird. Wir wollen erreichen, dass Brasilien verurteilt wird und entsprechend anders gehandelt werden muss. Der brasilianische Staat hat die Möglichkeit zur Stellungnahme, und wir werden dann darauf wieder reagieren.

Wir stehen vor wichtigen Wahlen in Brasilien. Erwarten Sie, dass eine Regierung unter Lula mit dem Problem anders umgehen würde?

Lima Campos: Wir erwarten mit der möglichen Wahl von Lula einen demokratischen Prozess, der sich entwickelt. Wir hoffen, dass das Justizwesen sich künftig stärker am vorhandenen Rechtsrahmen orientieren wird und sich nicht nach politischen Parteien und deren Einflussnahme richten muss. Wir denken, dass das große Szenario für uns besser wird. Aber das wird nur möglich sein, wenn wir unseren Druck, unseren Einsatz unvermindert fortsetzen. Wir werden nichts geschenkt bekommen, freiwillig werden sie keine Kompromisse machen. Aber wir erwarten, dass die Bedingungen für uns mit einer neuen Regierung, etwas durchzusetzen, besser werden.

Sie werden nun einige Tage auf Lobbytour in Deutschland unterwegs sein. Was sind dabei Ihre Ziele?

Lima Campos: Erstens: Bei den Lobbygesprächen und Veranstaltungen die Zuhörenden zu sensibilisieren für die Situation Amazoniens. Und zweitens sie zur Wahrnehmung einer gemeinsamen Verantwortung für diese Gegend aufzurufen. Alle tragen Verantwortung für Amazonien. Wir suchen politische Unterstützung für unsere Anliegen, damit die deutschen Institutionen mithelfen, internationalen Druck auszuüben, um die Rechte der indigenen Völker in Amazonien durchzusetzen.

Geschrieben von:

Ansprechpartnerportrait

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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