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4days4future: Radelnd den Wandel erfahren

Ehemalige Misereor-Freiwillige und interessierte junge Menschen aus ganz Deutschland machen sich fahrradfahrend auf den Weg zu verschiedenen Wandel-Akteuren im Schwarzwald. Vier Tage später sind sie um etliche Erfahrungen reicher.

Gruppe von 4days4futuresteht in einem Beet
Liebevolle Handarbeit wird auf Hof Sonnenwald großgeschrieben. Das ist anstrengend, aber macht in Gemeinschaft Spaß! © Steinacher / Misereor

„Was hat mich überrascht“ steht auf dem Plakat, das auf dem Holzboden des Agenda21 Hauses in Rottweil ausgebreitet liegt. Nach und nach füllt es sich mit Kommentaren:

  • Dass man von innen wie außen gleichermaßen durchnässt sein kann, weil es dauerregnet und dass das gar nichts ausmacht, wenn man mit tollen Menschen unterwegs ist und gute Gespräche führt.
  • Wie viele inspirierende Wandel-Initiativen es in Deutschland bereits gibt.
  • Dass viele Projekte ganz klein, mit ein paar wenigen engagierten Menschen anfangen.
  • Dass die Arbeit auf dem Kartoffel-Rodder ganz schön anstrengend ist.
  • Welche Steigungen und Distanzen ich mit einem 7-Gang-Fahrrad zurücklegen kann.
  • Dass ich nach den vergangenen vier Tagen optimistischer in die Zukunft blicke.
  • Dass wir als Gruppe innerhalb von vier Tagen auch zu einer Art kleinen Gemeinschaft zusammengewachsen sind.

Die Teilnehmer*innen der 4days4future erFAHRbar Tour halten auf dem Plakat ihre Eindrücke fest. Es entsteht eine Art stilles Schreibgespräch. Vier intensive Tage liegen hinter uns. Welche Zukunft wünschen wir uns? Wo wird diese Art von Zukunft bereits gelebt? Das sind die leitenden Fragen auf unserer Fahrradtour durch den Schwarzwald.

Junge Frau beschreibt am Boden ein Plakat
Was nehme ich mit? Was kann ich auf meinen Alltag übertragen? Fragen am Ende der 4-tägigen Tour. © Steinacher / Misereor

Station 1: Ein Leben in Gemeinschaft

Die erste Station ist die Gemeinschaft Sonnenwald in Schernbach bei Freudenstadt, idyllisch umgeben von Wald, Wiesen und Feldern. Seit 2019 leben und arbeiten hier 60 Erwachsene und 14 Kinder. Sie erforschen, wie eine neue Kultur des Miteinanders aussehen kann und versorgen sich weitgehend selbst. Dafür betreiben sie regenerative Landwirtschaft und Agroforst auf den umliegenden Feldern.
Wir tauchen ein in eine andere Welt, lassen die Hektik des eigenen Alltags, Uni-Prüfungen, Master-Arbeit-Schreiben oder den Stress im Job hinter uns und fokussieren uns aufs Innehalten, Verlangsamen, auf bewusstes Wahrnehmen, Kennenlernen – und Erfahren.

Martin Schmid-Keimburg, katholischer Pastoralreferent, ehemaliger Gefängnisseelsorger und Mitbegründer der Gemeinschaft, nimmt uns in Empfang und gibt uns eine erste Idee, worum es geht: „Wir versuchen in unserer Gemeinschaft eine neue, lebensdienliche Kultur sowie eine andere Art des wertschätzenden Miteinanders auszuprobieren und weiterzuentwickeln. Wir haben hier viele Experimentierfelder, z.B. die solidarische Finanzierung unserer Kosten ohne Tauschlogik, Entscheidungsfindung nach dem Konsens-Prinzip und die Solidarische Landwirtschaft.“

Junge Erwachsene arbeiten auf einem Rotebeete-Feld
Ackern auf dem Rote Beete Feld: Zusammen machts einfach mehr Spaß! © Steinacher / Misereor

Am nächsten Tag helfen wir mit im Praxisforschungsbetrieb für „Regenerative Agrikultur“. Konkret heißt das Arbeitshandschuhe anziehen und ab auf den Acker! Wir befreien die Rote Beete Reihen von Wildkraut und Disteln und helfen mit bei der Kartoffelernte. Der Gemüsebau versorgt die Gemeinschaft ganzjährig mit einer Vielzahl verschiedener Kulturen. Es kommen kaum Erdöl betriebene Maschinen zum Einsatz und die Beet-Reihen werden durch Dauerkulturstreifen mit mehrjährigen Gemüsestauden und Sträuchern als Nützlingshabitate unterteilt. Der Wind rauscht in den Blättern der jungen Wildobststräucher und Nussbäumen, die in Reihen das Feld säumen. Im Hintergrund muhen die Hinterwäldler Kühe auf ihrer großen Weide. Wir ackern im Rote Beete Feld und da wir so Viele sind kommen wir gut voran. Gemeinschaftlich Arbeiten. Innehalten und Verlangsamen. Wir sind mittendrin.

Am Abend fragen wir uns: Wie funktioniert das Leben in Gemeinschaft? Könnte ich mir das auch vorstellen? Was macht man hier an den Wochenenden? Was kann ich auf mein eigenes Leben in der Stadt übertragen? Wo gibt es dort Orte des Wandels?

Station 2: Solidarische Landwirtschaft

Zur zweiten Station schwingen wir uns aufs Fahrrad. Es geht auf Waldwegen nach Rosenfeld, wo uns die Mitbegründer*in der SOLAWI Zollernalb Carmen Weisser und Frank Baumgartner im Folientunnel erwarten. Mittlerweile 159 Vereinsmitglieder hat der vor vier Jahren gegründete Verein, der sich für den Erhalt kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Ernährungssouveränität einsetzt. „Bei der solidarischen Landwirtschaft werden die Lebensmittel nicht über den Markt vertrieben, sondern fließen in einen eigenen Wirtschaftskreislauf der Mitglieder. Die Mitglieder organisieren und finanzieren die Landwirtschaft also mit. So können Landwirte unabhängig von Subventionen und Marktpreisen agieren. Die Lebensmittel verlieren ihren Preis und erhalten ihren Wert zurück,“ erklärt uns Carmen Weisser. Wir sind beeindruckt vom ehrenamtlichen Engagement und Einsatz der Gruppe.

Zwei Personen halten ein Plakat
Die Solidarische Landwirtschaft Zollernalb e.V. beeindruckt durch das große ehrenamtliche Engagement ihrer Mitglieder. © Steinacher / Misereor

Station 3: Leben im Tinyhaus

Als es zu nieseln beginnt steigen wir auf die Räder, um zur nächsten Station zu kommen. Ziel ist der Tinyhaus-Entwickler Klemens Jakob in Isingen am Fuße der Schwäbischen Alb. Er hat sich im Garten seines Sohnes ein 18 Quadratmeter-Tinyhaus aus natürlichen Materialien, unabhängig vom Wasser- und Energienetz gebaut, welches aus Bausätzen besteht, damit es nachgebaut werden kann. „In der heutigen Gesellschaft haben die Menschen keine Verbindung zu der Nahrung, die sie zu sich nehmen, oder zu den Abfällen, die sie produzieren“, sagt Klemens Jakob. Dem habe er mit seinem Tinyhaus etwas entgegensetzen wollen. Nicht alles hat auf Anhieb geklappt, ein paar Kompromisse musste er machen. Vieles ist learning by doing – aber er kann heute weitgehend autark leben.

Fahrradfahrer im Wald
Es gibt kein schlechtes Wetter: Nur falsche Kleidung! © Steinacher / Misereor

Station 4: Veränderung passiert zuerst im Inneren!

Wir radeln weiter. Inzwischen regnet es. Unsere letzte Station ist Rottweil, wo wir in Räumen der Katholischen Erwachsenbildung (keb), die die Tour mitorganisiert ha, übernachten. Über matschige Feldwege fahrend lassen wir die Begegnungen, Gespräche, Erfahrungen und Eindrücke Revue passieren. So viel Input und Inspiration! Manches mag uns in den letzten Tagen herausgefordert, irritiert – und vielleicht verunsichert haben. Manches mag uns gar widersprüchlich vorgekommen sein. Wie leicht erscheint es autark zu leben auf dem Lande im Vergleich zur Stadt!

Dann erinnern wir uns, dass es bei unserer Tour ums Wahrnehmen geht und dass Neues und Ungewohntes möglicherweise erstmal kognitive Dissonanz bei uns erzeugen. Genau das ist der Moment in dem Lernen und innere Veränderung geschehen! In Gedanken versunken radeln wir weiter durch den Regen. Als auf dem Wegweiser noch 5 km bis Rottweil steht, blitzt auf einmal die Sonne durch die Wolken und über dem Acker erscheint ein Regenbogen. Wir halten an und genießen das Bild. Dann treten in die Pedale, auf zur letzten Station, dem Abendessen Linsen mit Spätzle entgegen!

4days4future unterwegs mit dem Rad
Durch den Regen radeln mit tollen Menschen und guten Gesprächen, da sind nasse Socken nur halb so schlimm… © Steinacher / Misereor

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im Misereor-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Wie schön, dass dieser Beitrag mit“ Linsen und Spätzle“ endet. Nicht nur diese wirken oft noch länger nach, ganz sicher auch eure Erfahrbar-Tour mit dem Rädle durchs Ländle!
    Klingt super spannend und und macht neidisch nicht dabei gewesen zu sein. Auch in den Momenten, die hier nicht beschrieben sind. Next time pack ich die Spâtzlespresse ein und radle mit!

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