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Indische Farmerinnen: Digitale Tools für mehr Teilhabe (Teil II)

Seit einem knappen Jahr gilt Indien als bevölkerungsreichstes Land der Erde. Aber nicht nur demografisch kann der Subkontinent als Gigant gelten. Auch die sozialen Gegensätze sind drastisch und zuletzt noch grösser geworden. In Sachen Digitalisierung und digitaler Inklusion hat Indien jedoch ziemlich beachtliche Entwicklungen hingelegt. Die Vorteile dieses Wandels möchte sich die indische Partnerorganisation Swayam Shikshan Prayog (SSP) zunutze machen und zudem mit vereinten Kräften gegen fortbestehende Formen der (digitalen) Spaltung angehen.

Frau in kleiner Schneiderei - digitale Teilhabe ermöglicht ihr neues Geschäftsmodell
Supriya Gadwe gehört zu den Women Agricultural Entrepreneurs: Sie betreibt eine kleine Schneiderei, einen Mini-Dorfladen für den täglichen Bedarf mit Frisier-Salon und sie verkauft zusätzlich in der Hochzeitssaison auch noch Saris und Schmuck. © Tobias Bader

Der Subkontinent verfügt mit 493 Millionen über die zweitgrößte Anzahl von Smartphone-Nutzer*innen weltweit, außerdem ist die Bereitschaft zur Nutzung digitaler Technologien besonders hoch. Auf dem Global Digital Skills Index erreicht Indien sehr gute 63 von 100 Punkten – verglichen mit einem Durchschnittswert von 33, der in Deutschland bei mageren 23 Punkten liegt. Außerdem sind die digitale Inklusion und Akzeptanz im Bereich digitale Finanzen und Banking mit 100 Milliarden digitalen Transaktionen im Jahr 2023 sehr beeindruckend.

(Digitale) Disparitäten in Indien

Die Vorteile dieses Wandels möchte sich SSP zunutze machen und zudem mit vereinten Kräften gegen fortbestehende Formen der (digitalen) Spaltung angehen. Diese sollen sich laut einiger Studien teils noch vertieft haben (so zum Beispiel „Digital Divide“ von Oxfam 2022). Immer wieder genannt werden der Graben zwischen ländlicher und städtischer Nutzung bzw. dem Zugang zu digitalen Technologien – das Verhältnis wird mit 343 zu 507 Millionen Haushalten angegeben –, aber auch der Gender Divide, wonach immer noch weitaus mehr Männer (60 Prozent) digitale Technologien nutzen als Frauen (32 Prozent)

Größeres Vertrauen in eigene Fähigkeiten und Entwicklung

Gerade damit sich dies ändert, setzt SSP auf weitergehende digitale Kompetenzen, insbesondere für die WAEs: „Sie werden im Umgang mit digitaler Technologie und sozialen Medien geschult und dadurch motiviert, weitere Schritte ins Digitale zu wagen und dann auch digitale Werkzeuge für ihre Agri- und Agri-related Businesses zu nutzen.“ Sunita Hude, die bei SSP in Latur für die digitalen Trainings und die Vermittlung von Online-Marketing-Möglichkeiten zuständig ist, erzählt begeistert, wie enthusiastisch viele der Frauen in die ersten Trainings kamen und voller Stolz und großem Selbstvertrauen ihren Familien daheim berichteten: von den neu erlernten Smartphone-Fähigkeiten, dem Schreiben und Versenden von Nachrichten über WhatsApp oder auch dem Selbststudium beim Anschauen informativer Anleitungsvideos auf YouTube. „Viele hatten vor den Trainings keine Ahnung von den mannigfachen Anwendungsmöglichkeiten.“ Mittlerweile haben zahlreiche WAEs bereits Trainings in digitaler Kompetenz absolviert und berichten begeistert von den persönlichen Lernerfolgen und konkreten Einkommensverbesserungen – die beste Motivation für viele andere, ihre wertvolle Zeit und Mühen in die Teilnahme der Workshops zu stecken.

Scan and pay - ermöglicht durch digitale Teilhabe
Mittlerweile gehören digitale Bezahlsysteme wie PhonePe oder GooglePay zum indischen Alltag, nicht nur der städtischen Mittelschichten. © Tobias Bader

WAEs als „passionierte Unternehmerinnen und eifrige Lernerinnen“

Supriya Gadwe verkörpert den Idealtypus der von SSP begleiteten, digital geschulten Women Agricultural Entrepreneurs (WAEs): Sie ist neben ihrer Tätigkeit als Klein- und Milchbäuerin auch als WAE tätig und betreibt eine kleine Schneiderei, einen Mini-Dorfladen für den täglichen Bedarf und verkauft zusätzlich in der Hochzeitssaison auch noch Saris und Schmuck. Supriya repräsentiert mit ihrem Karrierepfad zahlreiche der WAE, die eine ähnliche Biographie und ähnliche SSP-Erfahrung gemacht haben. Supriya ist Anfang 30, baut etwas Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreide an. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in einer Großfamilie in Waruda, in einem aus wenigen Häusern bestehenden kleinen Dorf in der Nähe von Osmanabad. Die Familie besitzt etwas Ackerland und die Landwirtschaft ist ihre Haupteinnahmequelle. Zusammen mit anderen Familienmitgliedern kümmert sich die junge Frau auch um das Vieh – zwei Kühe und zwei Büffel.

Während der Pandemie hatten Supriya und ihr Mann für ihren Sohn ein Smartphone gekauft, damit er am Online-Unterricht teilnehmen konnte. Nach dem Ende der Pandemie begann Supriya, das Smartphone auch für sich zu nutzen; fürs Telefonieren und um sich YouTube-Videos anzusehen, bei denen sie sich Fähigkeiten abschauen konnte, die ihr bei ihren Nebentätigkeiten helfen. Irgendwann erfuhr sie vom Digital Literacy Program bei SSP. „Mein Sohn und mein Mann haben sich über mich lustig gemacht, wenn ich etwas auf dem Smartphone lernen wollte“, erzählt sie. Sie verspürte aber immer mehr den Drang, sich mit digitalen Tools vertraut zu machen und sich weiterzubilden. Auch, um im Privat- und Geschäftsleben selbstbewusster auftreten zu können. Sie lernte im Rahmen der Trainings schnell, wie mit den neuen digitalen Tools umzugehen ist.

Nun nutzt Supriya WhatsApp, um neue Kunden zu gewinnen und den Umsatz zu steigern, sie sieht sich YouTube-Videos an, um sich zu den Themen Landwirtschaft und Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten zu informieren und neue Fähigkeiten anzueignen. Sie hat außerdem begonnen, die PhonePe-App für digitale Zahlungen zu nutzen, sowohl geschäftlich als auch privat. „Ich spare ziemlich viel Zeit und Kosten durch den Einsatz und habe auch weniger Ärger mit genauen Barbeträgen. Oft bin ich auf den ausstehenden Beträgen sitzengeblieben, wenn die Kundschaft für sich abgerundet hat und mich auf den nächsten Einkauf vertröstet hat. Digital gibt es da keine Ausreden, genaue Summen müssen einfach nur eingetippt werden und landen direkt auf meinem Konto.

Eine Gruppe von Frauen, ausgestattet mit Handys
Trishala Ramesh Rane (links im Bild) gehört zu den „passionierten Unternehmerinnen und eifrigen Lernerinnen“ (so eine Studie von SSP), die dank der digitalen Tools und vor allem dank der Trainings mehr Selbstvertrauen im Umgang mit der Technologie sammeln können. Sie wollen nun erst recht in die digitalen Möglichkeiten einsteigen. © SSP

WhatsApp-Status und staatliche Förderprogramme

Zu den herausragenden WAEs zählt auch Trishala Ramesh Mane, 39 Jahre. Sie konnte in den vergangenen Jahren ebenfalls ihre Einkommensquellen erweitern. Nun betreibt sie eine kleine Schneiderei und hilft ihrem Mann im familieneigenen Dorfladen. Im Lädchen steht ebenfalls eine kleine Getreidemühle, mit der sie für ihre Kundschaft aus dem Dorf das Getreide mahlen. Zudem verarbeitet Trishala Hülsenfrüchte und stellt Gewürzmischungen her, die sie ebenfalls in ihrem Laden verkauft. Ihre Kinder gehen in die 6. und 7. Klasse und ihr Mann arbeitet auch als Dozent in Teilzeit an einem College.

„Ich kannte mich gar nicht aus mit Smartphones und so konnte ich es zuerst auch gar nicht für meine weiteren Einkünfte nutzen. Ich wusste auch nichts von staatlichen Programmen, über die ich Kredite bzw. subventionierte Produktionsmittel bekommen konnte. So musste ich mich auf Darlehen von lokalen Geldverleihern verlassen, um mein Geschäft am Laufen zu halten.“ Wie Supriya kann auch Trishala sich nun selbstständig online über staatliche Förderprogramme informieren, etwa zu einem Programm für Micro Food Processing Enterprises. Nachdem sie von diesem Programm erfahren hatte, beantragte sie die Förderung und war damit berechtigt, ihre Getreidemühle bezuschusst zu kaufen.

Trishala hat wie viele andere der WAEs nach den Workshops damit begonnen, den WhatsApp-Status zu nutzen, um für ihre Lebensmittel und Produkte zu werben. „Es gab einige Kunden, die sich vorher nur für ein Produkt interessierten und nicht wussten, dass ich beispielsweise auch Papadums verkaufe, das sind ganz dünne Fladenbrote zum Anrösten. Da ich regelmäßig meine Produkte im Status poste, kennen meine Kund*innen nun die gesamte Palette, die ich anbiete“, sagte Trishala stolz. Nach der Schulung hat Trishala ebenfalls ein digitales Bankkonto für sich eingerichtet und begonnen, digitale Zahlungen für geschäftliche und private Zwecke zu nutzen. Auch sie nutzt den in Indien sehr beliebten Anbieter PhonePe und nimmt mindestens 3- bis 4-mal pro Woche digitale Zahlungen von ihren Kund*innen entgegen.

„Früher war ich auf meinen Mann angewiesen, um meine Bareinnahmen auf mein Konto einzuzahlen. Durch digitales Banking kann ich meine Zahlungen jetzt direkt selbst einzahlen“, berichtet Trishala. Außerdem hat sie begonnen, ihr Guthaben zum Telefonieren selbst über PhonePe aufzuladen. „Ich spare mehr und habe eine bessere Kontrolle über mein Einkommen“, so Trishala, die auch ihren Kontostand über die PhonePe-App abruft. Das Unified Payments Interface (UPI), ein Echtzeit-Zahlungssystem in Indien, war der Game Changer für nahtloses Bezahlen und das Empfangen von Zahlungen. Es können so mehrere Bankkonten in einer einzigen mobilen Anwendung zusammengefasst werden.

Digitale Inklusion: Wie weiter?

Trishala und Supriya haben wie viele andere der Change Makers dank der digitalen Tools – und vor allem dank der Trainings von SSP mehr Selbstvertrauen im Umgang mit der Technologie und bei ihren Geschäftstätigkeiten sammeln können. Doch sie wollen es keineswegs dabei belassen. Und nun erst recht in die digitalen Möglichkeiten einsteigen – auch das eine Frage der gesellschaftlichen Teilhabe. Bei SSP ist man gerade dabei, Mittel für weitere Workshops zu Trainings zu akquirieren. „Es soll, wenn möglich, ein maßgeschneidertes Angebot sein, in dem wir auf die Bedürfnisse der WAEs noch gezielter eingehen können, jetzt, wo wir den Grundstein gelegt haben“, so Jiji Sebastian, die Secretary im Board of Directors von SSP ist und sich intensiv um die Fortsetzung der Workshops zu digitaler (Grund-) Bildung bemüht.

Das Trainingszentrum für digitale Teilhabe
SP-Buero und Trainingszentrum in Latur, Maharashtra, wo man gerade dabei ist, weitere Workshops und Trainings aufzusetzen. © Tobias Bader

Während es in den Auftaktworkshops darum ging, erste Fähigkeiten im Umgang mit Smartphones zu vermitteln und erste digitale Kompetenzen, darunter auch Datensicherheit, geht es in weiteren geplanten Workshops verstärkt um die Vermittlung von digitaler finanzieller Bildung (Digital Financial Literacy), aber auch um digitales Storytelling. Aus erster Hand berichten die Change Makers aus der eigenen Lebenswelt und dem ihrem Alltag. Dies soll nicht primär eine Verkaufsstrategie sein, sondern auch ein Instrument der Selbstermächtigung und Selbstdefinition. Darüber hinaus könnten die Nutzung digitaler Verkaufsplattformen und der Einsatz von KI weitere Schwerpunkte bilden. Und schließlich sollen gewonnene Erkenntnisse und Erfahrungen für die Ausweitung des Programms in anderen Teilen des Landes behilflich sein.

Tatsächlich steht hinter alledem für SSP das Ziel, digitale Inklusion voranzutreiben und den betreffenden Communities gleichberechtigten Zugang zu Technologien zu verschaffen, sodass sie diese für sich handhab- und nutzbar machen, um ihre wirtschaftliche und ökonomische Lage zu verbessern. Denn über den Zugang zu Informationen, Dienstleistungen und Möglichkeiten wird eben auch mehr gesellschaftliche Teilhabe insgesamt hergestellt.

Zum Autor:
Tobias Bader ist derzeit als integrierte Fachkraft bei der indischen Partnerorganisation Swayam Shikshan Prayog (SSP) tätig und beschäftigt sich dort mit Fragen der digitalen Inklusion. Er steht dabei in engem Austausch mit dem Misereor-Lernteam zu Digitalisierung.


Digitale Inklusion in Indien

Indische Farmerinnen: Digitale Tools für mehr Teilhabe (Teil I)

Die Change Makers von der Misereor-Partnerorganisation SSP in Indien zeigen, dass digitale Teilhabe mehr ist als der Zugang zum Internet. In diesem Beitrag berichten wir Ihnen, wie der Zugang zu Informationen, Dienstleistungen und digitalen Möglichkeiten mehr Selbstermächtigung und Teilhabe ermöglichen. Zum Beitrag

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Gast-Autorinnen und -Autoren im Misereor-Blog.

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