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Aus dem Dschungel, in den Dschungel

Die Journalistin Melanie Hofmann reiste mit MISEREOR-Referentin Anika Schroeder zu den Orang Rimba nach Sumatra. Sie leben traditionell eng verbunden mit dem Wald – doch der Wald ist kleiner geworden. Hier berichtet Melanie Hofmann von ihrer ersten Begegnung mit den Orang Rimba:

„Ich weiß jetzt, was die Redewendung bedeutet: „Der Dschungel greift nach mir.“ Er hat viel nach mir gegriffen an diesem Tag in Sumatra, Indonesien. Er hat mir ganz schnell klar gemacht, dass ich hier nicht hin gehöre: zu laut, zu groß. zu tollpatschig.

Ich habe definitiv neuen Respekt vor dem Dschungel gelernt.

Mijak, Orang Rimba und Lehrer in der verlassenen Schule.

Mijak, Orang Rimba und Lehrer in der verlassenen Schule.

Ganz und gar wohl gefühlt hat sich dagegen Mijak. Er hat uns mitgenommen in den „alten Wald“, den echten Urwald, den Teil, in dem sein Volk, die Orang Rimba seit Generationen leben. Ober besser lebten. Denn der Wald ist klein geworden hier in der Nähe von Bangko, gute acht Autostunden von Sumatras Hauptstadt Jambi entfernt.
Mijak lebt nicht mehr wirklich im Dschungel. Seine Mutter ist früh gestorben, der Vater lebt weit entfernt – nur alle paar Jahre hat er Kontakt zu ihm. Mijak ist bei Verwandten aufgewachsen und hat dann vor allem von der Lehre einer Vietnamesin profitiert, Butet. Sie ist zum Stamm der Orang Rimba in den Dschungel gekommen und hat ihnen schreiben, lesen rechnen und den Umgang mit dem Laptop beigebracht. Ohne die Unterstützung der Regierung bauten sie eine Schule, die ehemaligen Schüler unterrichteten wieder die Jüngeren. Mijak ist heute einer der Lehrer, hat selbst Computerkurse und andere Fortbildungen besucht und will im kommenden Jahr in Bangko das Abitur nachholen – und dann in den USA studieren.

In Mijak wird deutlich, welche Veränderungen bei den Orang Rimba passieren: Bis von 15 Jahren lebte der Stamm zurückgezogen im Wald.

Die - derzeit verlassene - Schule der Orang Rimba.

Die – derzeit verlassene – Schule der Orang Rimba.

Die Orang Rimba (Orang heißt auf Indonesisch so viel wie Mensch, Volk) leben in Gruppen zusammen, jede hat einen Anführer. Etwa 50 Gruppen sind im Waldgebiet verstreut. Die Orang Rimba haben über Jahrhunderte gelernt, mit dem Wald zu leben, in einem gegenseitigen Geben und Nehmen. Zur Außenwelt hatten sie nur spärlichen Kontakt, manchmal wurden über Mittelsmänner Dinge getauscht.
Die Population in Indonesien wächst. Schon jetzt ist der Inselstaat mit knapp einer Viertel Million Einwohner das viertbevölkerungsreichste Land der Welt. Auch nach Sumatra strömen Menschen. Das Land wird knapp, der Wald bietet Möglichkeiten. Die Orang Rimba kamen mehr und mehr mit der Bevölkerung in Berührung und fingen 1995 an, selbst Geld zu benutzen.

Nur wenige hundert Meter entfernt, mitten in einer Plantage.

Nur wenige hundert Meter entfernt, mitten in einer Plantage.

Zudem hat die Zahl der Palmölplantagen bzw. deren Größe stark zugenommen. Wo früher Wald war, sind jetzt Ölpalmen. Das stellt die Orang Rimba vor große Herausforderungen. Ursprünglich ein Volk von Nomaden, leben sie inzwischen in Dörfern im Wald zusammen. Doch ihre Nomaden-Traditionen haben die Indigenen nicht aufgegeben: Wenn ein Mitglied des Stammes stirbt, dann ziehen die Dorfbewohner in den Wald. Bis zu drei Tage marschieren sie, bis sie an einem neuen Ort ihre Zelte aufschlagen. Und das ist wörtlich zu nehmen. Während der Trauerphase, in der Sprache des Stammes „Melangun“ genannt, leben die Orang Rimba in Zelten. Bis zu ein Jahr kann Melangun dauern, „bis die Erinnerungen weg sind“, erklärt Mijak. Erst dann kehren die Leute in ihr Dorf zurück.

Die Orang Rimba leben in der Trauerphase in einfachen Zelten

Die Orang Rimba leben in der Trauerphase in einfachen Zelten

Doch der Wald ist kleiner geworden. Während das „Waldvolk“, was Orang Rimba wörtlich übersetzt heißt, früher tagelang durch den Wald ziehen konnte, so kommen sie heute nach kurzer Zeit an dessen Grenze. Um den Wald herum sind Plantagen: Kautschuk, aber auch das unausweichliche Palmöl. Doch davon lassen sie sich nicht beirren und kampieren statt im Wald mitten in der  Palmölplantage.

Unser Zeitpunkt für ein Treffen mit den Orang Rimba ist leider schlecht gewählt. Eigentlich wollten wir mit ihnen einige Tage im Wald leben – doch die Dörfer sind verlassen, es hat Todesfälle gegeben. Und was noch schlimmer ist: Während wir uns nähern, sterben mehr Leute.

Vermutlich ist auch das dem Waldschwund zuzuschreiben: In ihrem Wald leben die Orang Rimba in einem Gleichgewicht, geben und nehmen, haben saubere Flüsse zur Verfügung.

Ein alter Mann, der nicht mehr laufen kann, wird von zwei jungen Orang Rimba mit dem Motorrad weggefahren.

Ein alter Mann, der nicht mehr laufen kann, wird von zwei jungen Orang Rimba mit dem Motorrad weggefahren.

Auf Melangun in der Palmölplantage sind die Flüsse vom Dünger der Ölpalmen verseucht, die Orang Rimba haben keine Infrastruktur zum Überleben. Alte und Kinder haben Durchfall, die Menschen sehen krank aus.

Wir kommen in eine Transmigranten-Siedlung. Die Regierung hatte diese Menschen vor 20/30 Jahren aus verschiedenen Regionen Indonesiens hierhin umgesiedelt, jeder Bauer hatte 3,5 Hektar Land bekommen:

  • 2 Hektar für Plantage,
  • 1 Hektar für Nahrungsmittelanbau und
  • 0,5 Hektar für ein Wohngebäude.

Neben einem kleinen Laden machen wir halt. Von hinter dem Haus kommt ein kleines, nacktes Kind angerannt – Orang Rimba. Nur 200 Meter hinterm Haus, in dessen Garten quasi, hat eine Orang-Rimba-Gruppe ihre Melangun-Zelte aufgeschlagen. Oder besser hatte, die Gruppe ist im Begriff, weiterzuziehen. Wieder ist ein Mann gestorben. Laut altem Brauch, müssen sie fort. Der Tote wird im Wald zurückgelassen.

Verlassenes Orang Rimba Dorf: Derzeit befindet sich die Gruppe im "Melangun", der Trauerzeit.

Verlassenes Orang Rimba Dorf: Derzeit befindet sich die Gruppe im „Melangun“, der Trauerzeit.

Niemand weiß, wo es die Gruppe hin verschlagen wird. Wir haben Glück, sie hier noch anzutreffen.  Wir haben Wasser und einige Nahrungsmittel mitgebracht und verteilen sie unter den Leuten. Vermutlich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Fotos dürfen wir nur von Männern und Alten machen, Frauen und Kinder sind Tabu. Schade – die Kleinen sind wunderhübsch, die Frauen beeindruckend fremd nur in Rock und Umhängetuch begleitet, fast jede trägt mindestens ein Kind.
Nach viel zu kurzer Zeit verabschieden wir uns wieder. Die Orang Rimba drängen weiter. Jetzt, wo das Warten auf den Tod ein Ende hat, wollen sie die bösen Erinnerungen hinter sich lassen.

Mijak ist mit einigen der Männer und Frauen in dieser Gruppe verwandt. Sein Onkel ist deren Anführer. Er ist traurig über den Verlust des Gruppenmitglieds, aber er wird trotzdem nicht mit auf Melangun gehen. Er hat den Wald vor Jahren hinter sich gelassen.“

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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