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Der Wald wird knapp in Indonesien

Plantagen für Papier und Biodiesel fressen sich immer weiter in den Wald. Der wenig erhaltene Wald soll nun – auch mit deutscher Unterstützung – für das Klima geschützt werden. Die Journalistin Melanie Hofmann machte sich gemeinsam mit mir auf die Reise nach Sumatra, um herauszufinden, ob dieser Schutz mit oder gegen die Bewohner der Region umgesetzt wird. Hier berichtet Melanie Hofmann:

„Ein Dilemma, zwischen zwei Entscheidungen stehen. Das ist ein altes Phänomen, eines, das uns im Alltag immer wieder begegnet.

Die Kleinbauern in Tanjung Mandiri bauen heute ihren Reis dort an, wo ein Unternehmen zuvor abholzte.

Die Kleinbauern in Tanjung Mandiri bauen heute ihren Reis dort an, wo ein Unternehmen zuvor abholzte.

Auch Udi (36) steht vor einem Dilemma: Einerseits möchte er sich selbst und seine Familie ernähren, ein zufriedenes Leben führen, ein bisschen Land bebauen. Und andererseits weiß er, dass das Land, das er für sich beansprucht, für ein Klimaschutzprojekt verwendet werden soll. „Und die Umwelt schützen, das ist auch wichtig“, sagt er.
Trotzdem entscheidet er sich im Zweifel für seine Familie, sein Überleben. Eine menschliche Entscheidung. Und kann nicht auch irgendwie beides gehen? Überleben, ohne die Umwelt zu zerstören?

Wir sind im Dorf Tanjung Mandiri. Freudig begrüßen uns die Dorfbewohner mit einer Versammlung – wir hätten lieber ein kleines Zusammentreffen gehabt. Die NGO CAPPA hat uns hierhin mitbekommen, damit wir hautnah miterleben können, wie sie ihre Arbeit machen. Natürlich stehlen wir ihnen die Show, sitzen auf dem Präsentierteller.

Trotzdem hören die Leute CAPPA zu, denn sie sprechen den großen Feind des Dorfes an: PT REKI. Glaubt man den Dorfbewohnern, dann hat hier einiges Unrecht statt gefunden. Gift habe man auf die Plantagen gesprüht. CAPPA mahnt dazu, Ruhe zu bewahren und rät zu einem „soft approach“.

Das Dorf liegt auf ehemaligen Konzessionsgebiet der Asialog. Doch ab 2003 war alles abgeholzt, Asialog war nicht mehr aktiv auf dem Gebiet. Die Menschen hier im Dorf kommen teilweise aus Java, teilweise aus anderen Regionen Sumatras und Indonesiens. Sie sind hierhin gekommen, weil sie in ihrer Heimat keine wirtschaftliche Zukunft sahen. Hier war reichlich Land zur Verfügung.

Umkämpfter Boden: Die Menschen kamen hierher, weil reichlich Land vorhanden war.

Umkämpfter Boden: Die Menschen kamen hierher, weil reichlich Land vorhanden war.

Land, das nach altem Recht zum Gebiet der Indigenen Suku Anak Dalam gehört. Und weil niemand von der Regierung oder von Asialog ansprechbar war, fragten die Migranten Makarus von den Suku Anak Dalam, ob sie hier ihre Zelten aufschlagen können. Der wies ihnen, dem Erzählen nach, Land zu und darauf hin, dass sie sich überall dort niederlassen können, wo die Suku Anak Dalam nicht sind. „Wir dachten, wir tun nichts Falsches – niemand nutzte das Land“, erklärt Jusuf, der Dorfsprecher.

Schnell kamen mehr und mehr Menschen, der Platz wurde eng, die Dorfbewohner fingen an, den Wald abzuholzen. Und pflanzten Ölpalmen. Warum? Weil sie von ihren Nachbarn hörten, dass das die wirtschaftlich sinnvollste Investition wäre. Die Sprösslinge züchten sie selbst – und sind darauf sehr stolz. Außerdem, so Jusuf, „Im Vergleich zu Kautschuk, was man jeden Tag ernten muss, ist Palmoil einfach weniger Arbeit.“ Zum Überleben pflanzen die Familien noch Bananen, Reis und Maniok an.

Ein Dorf auf abgeholztem Land

Noch sind die Pflanzen jung, einige erst Wochen alt, andere ein paar Jahre. Ernten können  bisher nur einige wenige Bauern. Und selbst wenn: Das Dorf liegt extrem abgelegen, unser Jeep hatte Schwierigkeiten, das Dorf zu erreichen. Die Farmer machen das alles mit Motorrädern: Setzen, pflegen, ernten. Im Schnitt hat jede Familie 3 Hektar Land – eine ganze Menge.

Dorfversammlung in Tanjung Madiri: Können die Bauern auch in einem Schutzgebiet weiter Reis anbauen?

Dorfversammlung in Tanjung Madiri: Können die Bauern auch in einem Schutzgebiet weiter Reis anbauen?

Irgendwann begannen die Probleme mit REKI: 2010 erfuhren die Dorfbewohner erstmals, dass das Unternehmen die alte Asialog-Konzession übernommen hatte. „Sie wollen mehr Bäume pflanzen, damit CO2-Emmissionen verringert werden“, erklärt Udi. Er weiß heute genau, was REKI macht und findet das auch prinzipiell gut. Aber zunächst waren Vertreter von REKI ins Dorf gekommen, hatten Fotos gemacht und waren wieder verschwunden – für eine Kartografie der Gegend, so wurde den Bewohnern gesagt. Die Karten liegen ihnen auch vor. Darauf ist allerdings mehr Wald eingezeichnet, als tatsächlich existiert.

Später kam es zu Auseinandersetzungen, die Bewohner fühlten sich bedroht – und doch kam man zu einem mündlichen Einverständnis: Wenn die Bewohner den Wald nicht mehr abholzen, dürfen sie bleiben. Die Einwohner von Tanjung Mandiri akzeptierten.

Die Dorfbewohner haben Angst

Doch vor etwa 3 Monaten kam dann der Bruch: Angeblich kam REKI mit einem Aufgebot an Menschen ins Dorf, darunter auch Polizei und Waldpolizei. Die Menschen hatten Angst, sahen das als Bruch der Abmachung.

Auch auf der Versammlung wird die Stimmung hitzig, ein junger Mann steht auf und brüllt: „Da sind REKI-Leute auf den Feldern und sprühen Gift in unsere Pflanzen.“ Kurz sind alle aufgebracht, doch werden dann beschwichtigt. Wir sollten mit auf die Felder kommen, heißt es, und könnten helfen und beobachten.

Die Dorfbewohner fühlen sich bedroht: Plötzlich versammeln sich 50 Menschen, alle auf Motorrädern, um REKI-Mitarbeiter auf den Feldern zu stellen.

Die Dorfbewohner fühlen sich bedroht: Plötzlich versammeln sich 50 Menschen, alle auf Motorrädern, um REKI-Mitarbeiter auf den Feldern zu stellen.

Wir lassen einige Zeit verstreichen und fahren dann tatsächlich mit auf die Felder. Plötzlich sind dort über 50 Menschen versammelt, alle auf Motorrädern, es ist ein beeindruckender Anblick. Sie zeigen uns angeblich zerstörte Pflanzen, in die Gift injiziert worden sein soll.

Die Stimmung ist aufgeheizt, die Luft knistert förmlich. Der junge Hitzkopf von früher will Taten sehen. Er berichtet, dass unweit einige Security von REKI in den Feldern gesehen wurden. Er will mit allemann hinfahren und sie konfrontieren. Wir haben kein Interesse an einer Konfrontation oder uns in eine Sache ziehen zu lassen, von der wir nur eine Seite kennen. Der Hitzkopf und einige andere fahren los und kommen kurz darauf mit vier Männern wieder. Die fahren die einzig richtige Taktik: sie schweigen.

Jusuf, der Dorfsprecher, sorgt für Deeskalation. Er spricht ruhig mit den Leuten, versucht zu vermitteln und alle Seiten zu erklären. Nach einigen Minuten ist die Situation entspannt.

Die Menschen sollen bleiben dürfen

Am Abend kommen einige Dorfbewohner im Haus des Sprechers, Jusuf, zusammen. Sie schreiben mithilfe von CAPPA einen Brief an die Geschäftsführung von REKI: Das Ziel: Die mündlich vereinbarten Grenzen sollen anerkannt werden, die Menschen dürfen im Dorf bleiben und ihre Felder bestellen, sie holzen dafür kein weiteres Land ab.

Die Unterstützung der Regierung haben sie. Erst vor wenigen Monaten kam ein Verantwortlicher vorbei und hat das Dorf offiziell anerkannt. CAPPA verspricht nun, als Mittler zwingen Tanjung Mandiri und REKI aufzutreten und den Brief zu überreichen. Die ersten Schritte sind also getan.“

Autor:

Anika Schroeder arbeitet als Referentin für Klimawandel und Entwicklung bei MISEREOR in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen. Dort setzt sie sich für mehr und vor allem gerechtere Klimapolitik in Deutschland und auf internationaler Ebene ein.

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