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Vorbereitung für eine lange Nacht

Freitag 16 Uhr Ortszeit. 30 junge Leute rufen vor den Verhandlungsräumen „Climate Justice Now! Don’t kill Africa!“. (Klimagerechtigkeit jetzt! Tötet Afrika nicht!)  Für mich ist es der 9. Verhandlungstag. Ich bin müde, angespannt und will nach Hause. Umso härter trifft mich die kleine Demo.

Ich werde emotional. In meinem Kopf laufen die Bilder meiner Reise in den Niger, einem Land im Sahel ab. Ich sehe die Frau mit ihrem fast an Hunger sterbenden Kind in einer MISEREOR Krankenstation. Kurz nach der Regenzeit gab es bereits zu wenig Essen. Und ich höre abermals die Erzählungen von Dramane in unserem  Workshop. Die Ernte sähe sehr schlecht aus. Nach Ostafrika sei nun auch Westafrika massiv von einer Hungersnot bedroht.  Der Regen ist ausgeblieben.

Schnitt. Ein junger Mann rennt mit einem Nachbau einer olympischen Fackel vorbei und macht Werbung für die tägliche Verleihung des „Fossil of the day“ – dem Negativpreis von Umweltgruppen für jenes Land, dass sich über den Tag hin am schlechtesten verhalten hat und die Verhandlungen im Besonderen aufgehalten hat. „Who kills Africa?“ Wer macht sich besonders schuldig in diesem Jahr und macht den Afrikanern damit das Leben immer, immer schwerer?
Lange habe ich ja an dieser Stelle angekündigt, nochmal auf die Verhandlungen als solche einzugehen. Habe mich davor gedrückt, da es so schwer ist, die Dinge verständlich herunter zu brechen. Nun ist es wohl an der Zeit…
Ein bisschen Geschichte vorweg: 1992 wurde die Klimarahmenkonvention verabschiedet. 1997 erwuchs daraus das Kyoto Protokoll, das erst 2005 in Kraft trat. 2012 läuft die erste Verpflichtungsperiode bereits aus. Und: Die Reduktionsziele, die hier verankert sind, sind marginal und gelten nur für die Industrieländer (ohne die USA). Seit 2007, der Klimakonferenz in Bali, wird verhandelt, wie es nach 2012 weitergehen soll.

Es ist 2011 und eigentlich sind wir nicht viel weiter. Allein – seit Kopenhagen und Cancun in den letzten beiden Jahren steht fest, dass alle Länder dieser Welt gemeinsam verhindern wollen, dass die globale Erwärmung 2 °C gegenüber vorindustriellem Niveau überschreitet.

Was in Durban erreicht werden kann

In Durban kann im Idealfall folgendes erreicht werden: Die Verpflichtung einiger Kyoto Protokoll Staaten (ohne Japan und Kanada) auf eine zweite Reduktionsverpflichtung für die nächsten Jahre. Dies würde dann unter 15% der globalen Emissionen betreffen. Plus: Eine Verhandlungsfahrplan für ein rechtlich bindendes Klimaschutzabkommen für alle Staaten, in dem dann auch Schwellenländer zustimmen, ihre Treibhausgasemissionen langfristig zu stabilisieren und dann zu senken.

Der Welt weismachen, dass gehandelt wird

Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Abkommen, das der Welt weißmachen will, dass gehandelt wird. Im Detail sind aber so geringe Ziele und so große Schlupflöcher enthalten, dass ein zahnloser Papiertiger vorliegt.
Ja, richtig gehört, der schlimmste Fall ist nicht, kein Abkommen zu haben. Nur ein ehrliches Abkommen können wir akzeptieren.
Und auch dieses hat eine zentrale Schwäche: Wird 2015 wirklich ein Abkommen gezeichnet, könnte es Jahre dauern bis es in Kraft tritt, denn es müssen noch die nationalen Parlamente zustimmen. Bis 2018 müsste aber bereits der globale Trend zunehmender Treibhausgasemissionen gestoppt werden, soll das „Zwei Grad Ziel“ nicht gefährdet werden.

Handeln wäre also vorher notwendig. Und zudem: Auch zwei Grad bedeuten für Afrika 150 Millionen mehr Menschen, die zu wenig Trinkwasser haben werden. Daher braucht es auch Geld zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels.
Geld ist damit ein zentrales Element der Klimagerechtigkeit, für die sich die Demonstranten einsetzen. Hier sah es lange sehr gut aus: Der Green Climate Fund, in den ab 2020 bis zu 100 Millionen US-Dollar laufen sollen wurde weiter konkretisiert: Wer verwaltet den Fonds?  Wer bekommt Geld? Wofür gibt es Geld? Antworten waren greifbar. Bis, ja bis Saudi Arabien intervenierte. Und die USA sich darüber freuten.

Ohne dieses Geld werden aber Schwellenländer wie Indien und China erst recht nicht zu Klimaschutz bereit sein. Denn ein Teil des Geldes soll auch ihnen helfen, klimafreundlicher zu werden.
Wer macht sich also schuldig am Tod vieler Afrikaner und dem Verlust ganzer Inselstaaten, um bei den dramatischen Worten der Demonstranten zu bleiben? „Who kills“ ?  Saudi Arabien und die USA.
Und nicht, wie gerne behauptet: China und Indien. Von ihrem Verhalten hängt alles ab hier. Ja! Ohne sie geht es nicht. Ja! Aber: Sollten sie es nicht tun, sind sie noch lange nicht schuldig an einem tiefen Fall der Klimaverhandlungen. Denn sie haben immer noch geringere Pro Kopf Emissionen als die Industrienationen. Sie haben historisch gesehen kaum zum Klimawandel beigetragen. Und gerade Indien beherbergt mehr Menschen, die in Armut leben, als der ganze afrikanische Kontinent. Auch die Vorreiterrolle der Industrienationen ist daher eine Forderung der Klimagerechtigkeit.

Und wenn es kein Abkommen gibt?

Wenn es kein Abkommen gibt? Dann hoffe ich auf einen heilsamen Schock und auf eine Extra-Durban B – Klimakonferenz Anfang nächsten Jahres. Sollte diese keinen Erfolg geben – so schwöre ich hiermit feierlich – wenngleich so übermüdet,  dass ich nicht bei klarem Verstand bin – dass ich aus diesem Klimazirkus aussteige.

Eine lange Nacht scheint vor uns zu liegen!

P.S.: Der „fossil of the day“ ging heute an Kanada. Nicht nur, dass Kanada das Kyoto Protokoll verlassen will.  Es hat zudem jede Verhandlung mit unhaltbaren Statements unterminiert. „Who kills Africa?“ Saudi Arabien, Kanada, USA und zum Schluss sicher auch wahr: Alle, die sich über die letzten Jahrzehnte gerne hinter ihnen versteckt haben… Climate Justice now – Eine Nacht bleibt!

Mehr Infos zur MISEREOR-Arbeit zum Thema Klimawandel

Autor:

Anika Schroeder arbeitet als Referentin für Klimawandel und Entwicklung bei MISEREOR in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen. Dort setzt sie sich für mehr und vor allem gerechtere Klimapolitik in Deutschland und auf internationaler Ebene ein.

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