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Indonesien: „Die Indigenen leiden unter dem Palmöl-Boom“

Indonesien produziert 44 Prozent des globalen Palmöls. Rahmawati Retno Winarni von SAWIT Watch spricht im Interview über die negativen Folgen des Palmöl-Booms in ihrem Land und die Bedeutung von Information.

Welche Auswirkungen hat die Palmölproduktion auf die Umwelt Indonesiens?

Rahmawati Retno Winarni

Rahmawati Retno Winarni

Rahmawati Retno Winarni: Die industrialisierte Palmölproduktion führt zur Verarmung der Böden und zu Wasserverschmutzung. Hinzu kommt der Klimaeffekt: Wenn Torfland für neue Plantagen gerodet wird, entweichen riesige Mengen CO2. Doch die Regierung setzt auf das Wachstum, das durch die Palmölindustrie angeschoben wird. Die Politiker glauben an den Trickle-Down-Effekt, also daran, dass Wohlstand von oben nach unten bis in die ärmsten Schichten dringt und damit alle vom Wirtschaftswachstum profitieren.

Der Plan der Regierung – Wohlstand für alle – ist an sich gut. Geht er auf?

Rahmawati Retno Winarni: Nein. Vor allem die Indigenen leiden unter dem Palmöl-Boom. Viele verlieren durch die Ölplantagen ihr Land, ihre Existenzgrundlage, ihre Gesundheit und ihre Kultur. Und wer sich dagegen wehrt, wird kriminalisiert. Es gibt Gewalt, Morde und Vertreibungen. Trotzdem fördert die Regierung die Palmölindustrie. Zum einen verabschiedet sie entsprechende Gesetze und erlässt Regelungen. Zum anderen ist die Unterstützung ganz konkret.

Was bedeutet das?

Rahmawati Retno Winarni: Manchmal vergibt die Regierung beispielsweise „Land ohne Menschen“ an Unternehmen. Dieses Land ist allerdings nur allzu oft von Indigenen bewohnt. Das Katastersystem Indonesiens ist nicht gut. Es ist gerade für Indigene schwierig, Besitzrechte an ihrem Land zu beweisen. Manchmal helfen Regierungsvertreter auch dabei, Indigene unter Druck zu setzen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Als ich meine Arbeit bei SAWIT Watch begann, besuchte ich ein Dorf der Dayak Ibun im Herzen Borneos – umgeben von Plantagen. Als wir nach zehnstündiger Fahrt durch matschige Straßen im Dorf ankamen, empfingen die Indigenen mich mit einer traditionellen Zeremonie. Die Dayak sind sehr gastfreundlich. Und das nutzen die Mächtigen aus. Die Palmölplantage sollte wachsen, dafür brauchten die Betreiber weitere Flächen. Um Druck auszuüben, kam ein Kommunalpolitiker mit einer Delegation des Unternehmens nachts per Hubschrauber ins Dorf geflogen. So signalisierte er, dass es wichtige Leute sind, die das Land wollen – und die Dayak unterzeichneten.

Wovon leben die Menschen, wenn sie ihr Land verkauft haben? Vom Verkaufserlös?

Rahmawati Retno Winarni: Oft erhalten sie gar kein Geld für ihr Land. Es ist ein Tauschgeschäft: Land gegen Ölpalmen. Angenommen ein Indigener hat 7,5 Hektar Land, das er bewirtschaftet. Eines Tages kommen Investoren und bieten ihm folgenden Deal an: Für fünf Hektar seines Landes und eine bestimmte Summe Geld erhält er Ölpalmen, die er auf den verbliebenen 2,5 Hektar anbauen kann. Die Ölpalmen muss er nicht gleich bezahlen, sondern kann sie mit der Ernte verrechnen. Danach gehören die Palmen auf den 2,5 Hektar ihm und er kann mit den Erträgen Geld erwirtschaften. Das ist die Theorie. In der Praxis kenne ich viele Fälle, in denen die Menschen am Ende weniger Land hatten als besprochen, weniger Ölpalmen per Hektar oder das Land nach Abzahlung gar nicht erhielten. Hinzu kommt, dass Ölpalmen viel Wasser und Dünger brauchen und es mindestens vier Jahre bis zur ersten Ernte dauert. Indigene und Kleinbauern aber haben kaum finanzielle Rücklagen, um die Zeit bis zur ersten Ernte zu überstehen. Und selbst wenn sie die Ernte einholen, müssen sie die Früchte an Ölmühlen verkaufen, die den großen Unternehmen gehören. Weil die Früchte sehr schnell nach der Ernte verarbeitet werden müssen, haben sie kaum Verhandlungsmacht, was die Preise angeht.

Wieso lassen sich Indigene auf solche Geschäfte ein?

Rahmawati Retno Winarni: Ihr Eigentumsverständnis ist ein ganz anderes. Das Land ist Gemeinschaftsland. In ihrem Verständnis verleihen sie es nur. Oft wissen sie einfach nicht genug, um die Situation wirklich beurteilen zu können.

SAWIT Watch setzt sich für die Rechte der Indigenen und Kleinbauern ein. Wie arbeitet Ihre Organisation?

Rahmawati Retno Winarni: Wir informieren die Menschen, was in Indonesiens Wäldern geschieht. Die Gesellschaft muss wissen, welche Bedingungen auf den Plantagen herrschen. Wir informieren auch Kleinbauern, Indigene und Plantagenarbeiter über ihre Rechte, über das Wirtschaftssystem und gute Anbaumethoden. Damit sie unabhängig bleiben können. Durch politische Arbeit versuchen wir, die weitere Ausbreitung von Palmölplantagen zu verhindern. Und dort, wo bereits Plantagen existieren, müsse die Rechte der Bewohner gewahrt werden. Indigene müssen Zugang zu politischen Prozessen haben. Die Regierung muss anerkennen, dass die Menschen existieren.

Palmöl ist in vielen Produkten, in Eis, Joghurt, Schokolade, in Kosmetikprodukten und natürlich in Biotreibstoff. Was können Verbraucher in Deutschland tun, um Ihre Arbeit zu unterstützen?

Rahmawati Retno Winarni:  Sie können Palmölprodukte nicht vermeiden. Umso wichtiger ist es, zu wissen, wie das Palmöl produziert wird. Die Konsumenten sollten von den Produzenten verlangen, nachhaltige Produkte herzustellen, die nicht auf Menschenrechtsverletzungen beruhen.


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Autor:

Petra Kilian arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Palmölprodukte können wir wie gesagt sich vermeiden. Das Problem kommt eigentlich nicht vom Palmöl, aber von den Methoden der Monokultur. Normen und Zertifikate, die kleine Bauer in Anspruch nehmen, können ihnen helfen, um die Situation für alle zu verbessern.

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