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Wo Zeit nicht nur Geld ist…

Ein Krankenhaus, zu dem keine richtige Straße führt, das keinen Krankenwagen besitzt und keinen Notarzt? In Deutschland unvorstellbar!

Menschen auf dem Weg zum Krankenhaus

Menschen auf dem Weg zum Krankenhaus

Attat war noch viele Kilometer entfernt, da fielen mir Gruppen von Menschen auf, die über die Felder oder entlang der Schotterpiste rannten und zwischen sich auf provisorisch zusammen gezimmerten Tragen Menschen schleppten. Dieser Anblick gehört zum Alltag in Attat, wo die Menschen viele Stunden bis Tage zu Fuß unterwegs sind, um das Krankenhaus zu erreichen. Oft im letzten Moment.

Die Rechnung ist ganz einfach: sei es der Verkehrsunfall, der vorzeitige Blasensprung, die Lungenentzündung. Was in Deutschland meistens gut ausgeht, weil das nächste Krankenhaus in maximal 8 Minuten mit dem Rettungswagen erreichbar ist, kann hier schnell zum Todesurteil werden.

In die Notaufnahme des Attat Hospitals kommen täglich zwischen 200 und 300 Menschen. So unterschiedlich ihre Krankengeschichten auch sind: ganz oft spielt der Faktor Zeit eine entscheidende Rolle.

Wie bei dem kleinen Jungen, der sich beim Spielen den Fuß an hartem Gras aufgeschnitten hat. Als es nicht aufhört zu bluten, geht sein Vater mit ihm zum Krankenhaus. 6 Stunden sind sie unterwegs. Barfuss. Aus dem kleinen, blutenden Schnitt wird in dieser Zeit eine große, dreckige, entzündete Wunde…

Die Notaufnahme des Attat Hospitals

Die Notaufnahme des Attat Hospitals

Oder wie bei der fünffachen Mutter, die an Trichiasis leidet: statt nach außen sind die Wimpern beider Augen nach innen gewachsen und kratzen bei jedem Wimpernschlag über die Hornhaut. Sie nimmt den weiten Weg ins Krankenhaus erst auf sich, als sie auf einem Auge bereits erblindet ist…

Oder wie bei der Schwangeren, die bei der Arbeit auf dem Feld einen vorzeitigen Blasensprung bekommt. Zwei Tage später kommt sie in die Notaufnahme; zwei Tage zu spät, um das Ungeborene zu retten…

28 Erste-Hilfe-Stationen in den umliegenden Dörfern, die Mother-waiting-Area – ein Haus zur Unterbringung von Risikoschwangerschaften – und ein komplexes Programm zur Gesundheitserziehung sollen helfen, Fälle wie diese zu verhindern. Doch bis auch das abgelegenste Dorf davon profitiert, braucht es noch etwas Zeit…

Autor:

Julia Cordes ist Medizinstudentin im 10. Semester und arbeitet für drei Monate im Attat-Hospital im Gurageland, Äthiopien.

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