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Ferenchi, Ferenchi!

Wenige Minuten in Äthiopien reichen aus, um diese Worte zu verstehen: „Fremder, Fremder!“ Wo man geht und steht, wird es einem zugerufen. Oft begleitet von „money, money!“ und der internationalen Geste, die nach Geld fragt. Doch wie ist es, in einem durch und durch farbigen Land zu den wenigen Weißen zu gehören?

Auf Schritt und Tritt umlagert von Kindern

Auf Schritt und Tritt umlagert von Kindern

Im Umgang mit Kindern ist es ganz einfach: sie lieben meine Farbe. Kaum in Sichtweite kommen sie angerannt, wollen hochgehoben werden oder einfach nur meine Hand halten, kratzen an meiner Haut, um zu sehen, ob sich unter der weißen Farbe nicht doch etwas dunkle Haut verbirgt und halten meine Leberflecken für Moskitostiche.

Und die Großen? Für sie ist „weiß sein“ vor allem „reich sein“ und all’ das besitzen, was sie nicht haben. Für ein so stolzes Volk, wie die Äthiopier es sind, ist der Umgang mit den Ferenchi eine Gratwanderung zwischen Dankbarkeit und Neid, Ehrfurcht und Bitterkeit.

Nahtmaterial aus Deutschland

Nahtmaterial aus Deutschland

Die Menschen hier wissen: die Ausbildung der Mitarbeiter, die Geräte im Krankenhaus, die Medikamente für die Kranken, die Gehälter für die Angestellten – nix davon gäbe es, ohne die Spendengelder aus dem Ausland.

Sie wissen aber auch, dass die USA, die Medikamente für alle AIDS-Patienten der Region zur Verfügung stellt, Äthiopien als ihren entscheidenden Militärstützpunkt am Horn von Afrika im “Kampf gegen den Terror“ nutzt. Und dass wir Deutschen, die wir mit unseren Spendengeldern die Gehälter der Krankenschwestern sichern, im Westen Äthiopiens ganz groß am Land Grabbing beteiligt sind, wo wir Bauern enteignen, um auf ihrem Land Agrarkraftstoffe für unseren Biodiesel anzubauen.

Und ich, die Ferenchi? Täglich tappe ich in Fettnäpfchen. In der Ambulanz, ein Mann mit Reflux, wir besprechen kurz mögliche Ursachen und ich sage „Alkohol“. „Willst Du uns verarschen? Glaubst Du, hier kann sich irgendjemand Alkohol leisten?“ Bei der Visite, eine junge Frau mit Nierenversagen, ich frage nach Dialyse. „Weißt Du, wie viel das kostet? Wir schicken sie nach Hause um zu sterben.“ Und was sage ich der Frau, die mich – während ihr die Gebärmutter entnommen wird! – fragt, ob ich ihr nicht Geld geben könne, weil ihre Kinder Hunger haben? Dass ich nicht kann? Dass ich nicht will? 

Munna, Freundin und Lehrerin

Auch für mich ist es eine Gratwanderung. Zwischen Anteilnahme, Scham, Anerkennung – und Ohnmacht. Meine Medizin ist die Medizin eines Wohlstandlandes, in dem jedes Gerät verfügbar, jedes Medikament bezahlbar und jede Untersuchung durchführbar ist. Damit ich den Menschen hier helfen kann, die am anderen Ende der Wohlstandleiter leben, muss ich erstmal viel von ihnen lernen.

Autor:

Julia Cordes ist Medizinstudentin im 10. Semester und arbeitet für drei Monate im Attat-Hospital im Gurageland, Äthiopien.

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