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Pilzrisotto aus dem Müll

Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass weltweit ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen werden, pro Jahr etwa 1,3 Milliarden Tonnen. In Deutschland führt vor allem das Mindesthaltbarkeitsdatum dazu, dass verwertbare Nahrungsmittel schon beim Discounter im Müll landen. Einige Idealisten haben aus der Untugend ein Prinzip gemacht und ernähren sich aus den Abfallcontainern. Annika Sophie Duhn hat einen Mülltaucher bei seinem abendlichen Streifzug begleitet.

Sebastian Engbrocks auf Container-Tour © Chiara Chessa

Sebastian Engbrocks auf Container-Tour © Chiara Chessa

Die Wettervorhersage für Düsseldorf stimmt: Temperaturen um elf Grad, Wind und Regen ab spätem Nachmittag. Schnell noch beim nächsten Supermarkt ein paar Kleinigkeiten einkaufen, dann ein gemütlicher Abend zu Hause. Doch Sebastian Engbrocks geht nicht durch die sich automatisch öffnende Ladentür ins Helle und Warme der bunten Warenwelt, sondern schnurstracks in den Hinterhof. Es ist 17.30 Uhr und der Kundenparkplatz ist gut gefüllt, als er mit seinem großen Rucksack und ein paar Plastiktüten ausgerüstet auf die Mülltonnen zusteuert.

Sebastian Engbrocks ist Mülltaucher oder Containerer, wie der ein oder andere sagt. Der Tontechniker und Konzertveranstalter wühlt in den Abfällen der Supermärkte und fischt einwandfreie Lebensmittel heraus. „Für mich ist das Routine. Nach der Arbeit laufe ich noch bei zwei, drei Supermärkten vorbei und schaue, was in den Tonnen steckt“, erklärt der 36-Jährige. Erst nach der Suche in den Tonnen betritt er den Supermarkt und kauft Produkte dazu, die er nicht gefunden hat. Es gehe ihm dabei ums Prinzip. „Es ist grotesk, welche Massen an Lebensmitteln weggeschmissen werden!“ Containern ist für ihn ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft. „Meine Oma hat dafür vollstes Verständnis! Die Kriegsgeneration hat ein anderes Bewusstsein dafür als unsere Generation.“Container Tour FoodsharingEin grauer Metallverschlag steht hinter dem Supermarktkomplex. Die Tür steht sperrangelweit offen. Der Wind wirbelt bunte Blätter durch die Luft und spielt mit leeren Gemüsekisten Fangen. Vorsichtig lehnt Sebastian die Tür an. Durch einen Spalt fällt schwaches Licht. Seine Taschenlampe erhellt den Verschlag. Was er vor sich sieht, macht selbst ihn noch fassungslos: stapelweise Kisten mit Kartoffeln, Äpfeln, Weintrauben, Radieschen, Melone. Vielleicht ist es doch eine Lagerhalle? Neugierig greift er sich eine Tüte Weintrauben. Was ist da dran? Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist in zwei Tagen erreicht. Doch dieses Datum bedeutet nicht: Achtung, ab jetzt gesundheitsgefährdend, weiß Sebastian Engbrocks. „Es sagt mir nur, dass zum Beispiel ein Joghurt ab jetzt nicht mehr so cremig sein könnte“, erklärt er. Die Industrie bestimmt das Datum, nicht eine Gesundheitsbehörde. Es ist ein Gütekriterium, mehr nicht. Eine andere Kiste ist voller abgepackter Blumensträuße. „Unglaublich, die Blumen stehen sogar im Wasser!“ Ein Schlaraffenland für Containerer.

Die Saison beginnt im späten Herbst

Links an der Wand stehen in Reih und Glied acht quellendvolle Refood-Tonnen mit der Aufschrift: „Nicht für den menschlichen Verzehr geeignet.“ Ihr Inhalt wartet darauf, in Biogas umgewandelt zu werden. Sie sind die Fundgruben der Mülltaucher. Der süßliche Geruch von überreifen Bananen liegt in der Luft. Schwungvoll öffnet Sebastian Engbrocks die Deckel der Tonnen: Berge von Lebensmitteln lachen ihn an. Bananen, ein Dutzend Dreierpacks Paprika, ein paar Gurken. „Volltreffer! Das ist mehr als ich tragen kann!“ Er begutachtet und prüft alles genau bevor er Ausgewähltes in die mitgebrachten Plastiktüten stopft. Mit bloßen Händen kämpft er sich durch das Gemüse und zieht eine Packung Cornflakes und Milchschnitten heraus. Seine Latex-Handschuhe benutzt er schon lange nicht mehr, den Ekel vor dem Müll hat er verloren. „Zu Hause wasche ich doch eh alles gründlich ab.“

Die Bio-Bananen sind schon zwei Tage vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums im Müll des Discounters gelandet. Unbeschädigt und originalverpackt. Der Kunde kauft nur die ganz frische Ware. © Chiara Chessa

Die Bio-Bananen sind schon zwei Tage vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums im Müll des Discounters gelandet. Unbeschädigt und originalverpackt. Der Kunde kauft nur die ganz frische Ware. © Chiara Chessa

Ein Kilo Muscheln, Sushi, Räucherlachs und einige Fleischpackungen holt er aus einer anderen Tonne. „Das ist mir bei den Temperaturen nicht ganz koscher“, erklärt er und wirft es kopfschüttelnd zurück. Noch sind keine Minusgrade, die Kühlkette ist unterbrochen. „Wenn im Winter minus zwei oder drei Grad sind, dann nehme ich auch eine Packung Fleisch mit. Abends gibt es dann Schnitzel“, erzählt der Mülltaucher. Seine Saison beginnt im späten Herbst, wenn die Temperaturen ungemütlich werden. „Letztes Jahr hatte ich den ganzen Winter frisch gepressten Orangensaft zum Frühstück.“ Im Sommer brauche man einfach mehr Zeit, denn Obst und Gemüse werden in der Hitze der Tonne schneller ungenießbar.

Zum Mülltaucher geworden ist Sebastian Engbrocks vor elf Jahren während seiner Ausbildung zum Tontechniker. Im selbstverwalteten Kulturverein bewirtete eine Gruppe der weltweiten „Food not bombs“-Bewegung die Bands mit einem großen Menü aus weggeworfenen Lebensmitteln. „Ich war erstaunt, wie viel das war. So bin ich aus Interesse mit denen losgezogen.“ Die „Food not bombs“-Bewegung entstand in den 80er Jahren im amerikanischen Boston. Die Gruppen sammelten schon damals aussortierte Lebensmittel von Märkten und Händlern, um es dann öffentlich zuzubereiten und zu verteilen. Ein Protest gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. „Von einer Woche containern konnten wir den Bands und Konzertgästen umsonst ein Buffet anbieten!“ Das war damals. Und auch heute gilt: „Ein bisschen Glück gehört einfach dazu.“

Schmecken, riechen, fühlen, sehen

Engbrocks entdeckt im Licht der Taschenlampe eine Packung Eier. „Eier sind immer gut!“, strahlt er und prüft jedes einzelne. Ein, zwei, drei sind zerquetscht, der Rest wandert in die Tüte. „Einfach den Wassertest machen: Wenn sie schwimmen sind sie faul, sonst braucht man sich keine Gedanken machen!“ Schmecken, riechen, sehen, fühlen, das ist seine Devise. Der Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum in Deutschland stört ihn. Die in wenigen Tagen ablaufende Ware werde zu wenig reduziert. Das Problem in Deutschland sei, dass die Einzelhändler die Verantwortung dafür trügen, dass das Produkt einwandfrei sei. Daher würden die Lebensmittel mit dem Ablauf des MHD aus den Regalen genommen. Aber es gibt auch andere Beispiele. In Österreich gibt es extra Sozialmärkte, die Produkte mit Schäden an der Verpackung oder ablaufendem MHD testen und anschließend für wenig Geld an Menschen mit geringem Einkommen verkaufen. In den USA werden Einzelhändler von ihrer Haftpflicht befreit, wenn sie die kurz vor dem Ablauf stehenden Lebensmittel spenden, und die Supermarktkette Jumbo in Holland erlaubt Kunden Produkte, die das MHD überschritten haben, umsonst mitzunehmen. „Der Einzelhandel sollte für nicht so finanzkräftige Kunden auch krummes und hässliches Gemüse anbieten“, fordert Sebastian Engbrocks.

Bei seiner Suche nach Essbarem stößt Sebastian Engbrocks immer wieder auf ganze Lebensmittellager. Hier warten die weggeworfenen Nahrungsmittel darauf, von den Entsorgungsfirmen abgeholt zu werden. © Chiara Chessa

Bei seiner Suche nach Essbarem stößt Sebastian Engbrocks immer wieder auf ganze Lebensmittellager. Hier warten die weggeworfenen Nahrungsmittel darauf, von den Entsorgungsfirmen abgeholt zu werden. © Chiara Chessa

Plötzlich klappert eine Tür. Der Wind? Schritte. Engbrocks schaltet die Taschenlampe aus und schmunzelt in sich hinein. Langsam bewegt er sich aus dem hintersten Winkel Richtung Tür. Kniend späht er durch den Spalt nach draußen, umklammert mit den Fingern den Türvorsprung, sodass der Wind nicht sofort die Tür aufreißt. Zwei Supermarktmitarbeiter werfen leere Kartons in einen Container, ein anderer schiebt rumpelnd einen Wagen mit Kisten heran, die Männer unterhalten sich, doch der Wind trägt ihre Sätze davon. Geduldig wartet der Mülltaucher und schielt auf seine vier prall gefüllten Einkaufstüten. Nach einer gefühlten Ewigkeit nähert sich ein Mitarbeiter direkt dem Verschlag, Engbrocks stößt die Tür auf und tritt lächelnd auf den Mann im weißen Kittel zu. „Hallo, guten Abend! Da ist ja eine ganz schöne Menge an Lebensmitteln im Müll. Können wir diese vier Tüten bitte mitnehmen?“ „Nein, das geht nicht“, erwidert der Verkäufer knapp und greift energisch zur Türklinke des Verschlags. Engbrocks zeigt ihm seine leeren Hände. „Auch hier im Rucksack ist nichts drin.“ Noch ein Blick auf die verlorenen Tüten und schon knallt der Verkäufer die Tür zu, zückt seinen Schlüsselbund und schließt ab. „Kommt denn die Tafel zu Ihnen und holt das ab?“ Der Verkäufer zuckt mit den Schultern und grummelt: „Heute nicht!“ Er winkt ab und verschwindet ins Innere des Supermarktlagers. Die zwei anderen Mitarbeiter räumen weiter stur Pappkisten in einen großen Container. „Ich packe mit an und helfe Ihnen! Dafür darf ich die Tüten mitnehmen, okay?“ Keine Reaktion auf der anderen Seite.

Jackpot hinter Schloss und Riegel

Der Verkäufer kommt zurück. Neuer Versuch für das Tauschangebot: Mithelfen für die Mülltüten? Zwar kann er sich ein Lächeln abringen, aber er bleibt dabei: „Nein, ich darf es nicht!“ „Kann ich wenigstens den Marktleiter sprechen?“ Engbrocks bleibt hartnäckig. „Der ist heute nicht im Haus!“ Ein letzter bittender Blick. Er tut sich schwer, die fette Beute dalassen zu müssen. Muss sich aber doch geschlagen geben und geht, die Hand in der Jacke zur Faust geballt: „Scheiße! Wo ist das Problem? Ihm kann es doch egal sein, es wird doch eh alles weggeworfen!“ Wütend schüttelt er den Kopf. „Es ist einfach unglaublich! Der Warenwert ist null Euro.“ Und trotzdem ist es verboten. Nach deutschem Recht ist Müll immer noch Eigentum. „In Österreich zum Beispiel ist der Müll herrenloses Gut! Wegschmeißen bedeutet, dass du es nicht mehr haben willst“, erklärt der Mülltaucher energisch. „So ein Gesetz bräuchten wir in Deutschland auch.“ Bei den Fällen von Containerern vor Gericht sei es immer um Hausfriedensbruch gegangen. Das Delikt sei nicht der Müll, sondern das sie über die Zäune klettern. Sebastian Engbrocks ist auf den guten Willen der Verkäufer und Marktleiter angewiesen.

Schon seine Mutter hat vor dem Urlaub immer bei den Nachbarn geklingelt und die Lebensmittel, die übrig waren, verschenkt. Mit seiner Website will Sebastian Engbrocks dieses ländliche Prinzip wiederbeleben und in die Großstädte transportieren. Der Mülltaucher behauptet von sich: „Ich bin nicht so ein guter Koch, aber ich habe oft viel Lebensmittel!“ Deshalb nutzt er das Internet, um sich zu vernetzen. © Chiara Chessa

Schon seine Mutter hat vor dem Urlaub immer bei den Nachbarn geklingelt und die Lebensmittel, die übrig waren, verschenkt. Sebastian Engbrocks will dieses ländliche Prinzip wiederbeleben und in die Großstädte transportieren. Der Mülltaucher behauptet von sich: „Ich bin nicht so ein guter Koch, aber ich habe oft viel Lebensmittel!“ Deshalb nutzt er das Internet, um sich zu vernetzen. © Chiara Chessa

„Ich erwarte von den Supermärkten, dass es geht! Das ist für mich eine Einstellungssache. Mein Ziel ist es, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und eben nicht nachts klammheimlich herzukommen und zu containern. Ich möchte einen sympathischen Eindruck hinterlassen und versuchen, dass der ein oder andere ein Auge zudrückt und die Tür zum Müll offen lässt.“ Es komme immer auf die Menschen an. Der Gewissensappell führt dieses Mal nicht zum Erfolg. Der Container- Jackpot bleibt hinter Schloss und Riegel.

Aber der Abend ist noch jung. Die Tour durch die Straßen und Hinterhöfe von Discountern und Supermarktriesen geht weiter. Mal stehen die Mülltonnen hinter Gitter oder geschlossene Einfahrtstore verhindern den Zugang. „Nach Ladenschluss kommt man oft überhaupt nicht mehr an den Müll ran.“ Noch ein Grund, während der Öffnungszeiten im Müll zu tauchen. Ein Dutzend Adressen stehen auf Sebastian Engbrocks Einkaufliste. An der dritten Station hat er Glück und zieht Pilze, Joghurt und einen Basilikumtopf aus dem Dunkel der Tonne. „Eine kleine Entschädigung für das verdorbene Fest vorhin.“ Nach guten drei Stunden hat er alle zugänglichen Container von genießbaren Schätzen befreit. Vier Einkaufstüten sind rappelvoll. Sebastian rückt seine Mütze zurecht, bis auf den Zwischenfall ist er zufrieden. Nun ab nach Hause. In seiner WG-Küche breitet er die ganze Beute auf dem Esstisch aus. „Das ist bestimmt ein Einkauf im Wert zwischen 40 und 50 Euro.“ Doch vor dem Kochen geht es an den Abwasch. Denn manches Produkt klebt und schmiert. Auch will der Mülltaucher die Pilze im hellen Licht erneut durchsehen. Aber es bleibt dabei, heute gibt es Pilzrisotto.


Spielerisch Essen teilen

Sebastian Engbrocks ist Initiator von www.foodsharing.de, einer Lebensmitteltauschbörse im Internet. Mit einer App für Smartphones oder Tablet-Computer ist es möglich, überschüssige Lebensmittel nach einer Party oder vor dem Urlaub kostenlos anzubieten oder abzuholen. Mit dieser spielerischen Möglichkeit, Essen miteinander zu teilen, will die Online-Plattform vor allem die jüngere Generation ansprechen. Laut einer Forsa-Umfrage schmeißen Singles zwischen 25 und 35 Jahren am meisten Lebensmittel weg. Genau diese Zielgruppe nutzt auch das mobile Internet.

Für Erzeuger, Händler und Tafelverbände gibt es die Möglichkeit, einen Filter anzulegen. Nur gemeinnützige Organisationen können so sehen, welche und wie viele Lebensmittelabzugeben sind. Finanziert wurde die Website ohne Kredite und Banken durch sogenanntes Crowdfunding, also über Internetnutzer.

Autor:

Annika Sophie Duhn arbeitet als Bildungsreferentin bei MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Wir sollten endlich in den KITAS und Schulen aufklären, aufklären und noch mal aufklären. Vor 6 Jahren habe ich mit dem Rektor einer Schule -er hatte große Bedenken- mit den Kindern der 3+4 Klasse der Grundschule 8 Tage lang die Abfalleimer nach Essensresten gesichtet. Ergebnis: Bei ca. 400 Schulkinder an der Schule fanden sich 186 Teile und ganze Stücke -noch original verpackt- belegte Brote, alle Arten von Kaffeestückchen usw. Unzählige Obstreste und sonstige Süßigkeiten wurden nicht gezählt. Es gibt wenig und oft überhaupt kein Bewusstsein bei den Kindern, geschweige denn bei den Eltern! Vielleicht sollte man in der Schule eine Art Unterricht zum „Wertebewusstsein“ schaffen ??

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