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Die Tigerwitwe

Das königliche Tier schaut uns schon am Flughafen von großen Plakaten entgegen. Der bengalische Tiger – das Aushängeschild Bangladeschs. Ich sitze am Ufer des Golf von Bengalen und genieße die seichte Brise und den Blick auf die Sundabarns, den größten Mangrovenwald der Welt und die Heimat der majestätischer Wildkatze.

Der Königstiger © Muhammad Mahdi Karim via Wikipedia GNU

Der Königstiger © Muhammad Mahdi Karim via Wikipedia GNU

Meine romantischen Vorstellungen über den Königstiger zerplatzen durch einen Nebensatz, der im Dorf Datinakhali fällt. Wir sitzen in einem dieser typischen, einfachen Versammlungshäuser in Bangladesch. Vier Pfeiler, ein Strohdach, auf dem Boden wurden für uns Bambusmatten ausgerollt. Etwa 60 Frauen der Vereinigung landloser Frauen sind gekommen. Eine erwähnt eher nebenbei, sie sei eine „Tigerwitwe“.

Erschrocken schaue ich auf. Immer wieder hatte ich gehört, dass jedes Jahr ca. 200 Menschen von Tigern in der Region getötet werden. Mir fällt die Kinnlade runter: Allein in diesem Dorf, so erfahre ich, trifft dieses Schicksal 30 Frauen. Auf einmal bekommen die Erzählungen der Frauen, die vor mir sitzen, eine andere Dimension.

Khadiza ist eine von 30 "Tigerwitwen“ in ihrem Dorf.

Khadiza ist eine von 30 „Tigerwitwen“ in ihrem Dorf.

Der Angriff des Tigers

Hatten wir vorher von Reusen und fischen nach Krabben im seichten Gewässer des Flusses am Rand des Mangrovenwaldes gesprochen, von wildem Honig und dem Sammeln von Krebsen im Wald selbst, so wird mir erst jetzt die tödliche Gefahr wirklich bewusst. Denn diese Menschen können im Kampf ums tägliche Überleben jederzeit von Tigern angegriffen werden.

Leise erzählt Khadiza von diesem schicksalhaften Tag, der ihr Leben auf den Kopf stellte: Zu sechst waren die Männer im großen Boot ausgelaufen, um tief im Mangrovenwald wilden Honig

Königstiger sind eine tödliche Gefahr für die Fischer.

Königstiger sind eine tödliche Gefahr für die Fischer.

zu sammeln. Der Honig ist eine der wenigen Einnahmequellen der Familien, die keine Felder haben. Sie alle wissen um das Risiko, doch was bleibt ihnen übrig? Im Schutz der Gruppe, ausgestattet mit Büffelhörnern, mit denen sie sich warnen, fühlen sich die Männer halbwegs sicher. Auch Khadizas Mann hatte den bengalischen Tiger schon öfter gesehen. Doch diesmal konnte er sich als einziger der Gruppe nicht retten. Der Baum, auf dem er Honig sammelt, wird für ihn zur tödlichen Falle. Seine Begleiter rudern um ihr Leben, informieren umgehend die Forstverwaltung, die einen Trawler aussendet, um den Mann zu suchen. Der Warnschuss der Beamten vertreibt den Tiger, doch der Anblick, der sich den Männern bietet, ist grauenhaft: Der Tiger hat Khadizas Mann in den Hals gebissen und sein rechtes Bein ist völlig zerfetzt. Jede Hilfe kommt zu spät.

Der tägliche Kampf

Khadiza spricht ohne Verbitterung, aber ihre Stimme ist leise. Sie ist 45 Jahre alt, hat zwei Kinder. Ihre Tochter, heute 18, hat sie vor einem Jahr „zur Heirat gegeben“. Ihr 25-jähriger Sohn lebt mit ihr zusammen, kommt aber seiner „Verpflichtung“ nicht nach. Resigniert zieht sie die Schultern hoch. Ihr Sohn hat keine Arbeit, erzählt sie. Es gibt kaum noch Jobs für Tagelöhner in der Region und in die Nähe des Waldes traue er sich nach dem traumatischen Verlust seines Vaters nicht mehr. Das heißt für sie: Kein Honig, keine Krabben, kein Fisch, keine Caudara Beeren, mit denen sie Geld verdienen könnten. Auch für ihre kleine Krabbenzucht hat das Konsequenzen.

Die kleinen Krebse aus den Sundabarns werden in den Dorfteichen großgezogen und auf dem Markt verkauft.

Die kleinen Krebse aus den Sundabarns werden in den Dorfteichen großgezogen und auf dem Markt verkauft.

Früher brachte ihr Mann Jungtiere aus den Sundabarns, heute muss sie diese auf dem Markt kaufen. Gerade fehlt es ihr wieder an Geld. Sie hält sich damit über Wasser, bei Verwandten im Haushalt mitzuhelfen. Sie selbst bekommt nach zwei Operationen keine Arbeit mehr als Tagelöhnerin. Irgendwie schlägt sie sich durch. Irgendwie bekommen sie die 200 Taka, ungefähr zwei Euro am Tag, zusammen, die sie für sich und ihren Sohn braucht. Ohne ihren kleinen Nutzgarten, aus dem sie zumindest das Gemüse ernten kann, wäre die Frau völlig verloren. Aber Reis, den muss sie kaufen. Denn ohne Reis, das wird immer wieder deutlich, haben die Menschen in Bangladesch Hunger.

Mut zu Taten = Mut zum Überleben

Jesmin Ara von Barsik hat für mich mit viel Einfühlungsvermögen übersetzt, mir Zugang zu dieser scheuen Frau verschafft. An der Seite von Jesmin taut Khadira auf, entwickelt Zukunftspläne, trotz aller Armut, die sie umgibt. Die junge Muslima verteilt kein Geld, aber sie ist für die Frauen da. Sie hat sie ermutigt, eine Frauenorganisation zu gründen. Sie gibt ihnen Tipps, wie man Gelder bei der Regierung beantragt, sie vermittelt ihnen Kontakte zu anderen Bauern, die wissen, wie man einen umgekippten kleinen Teich wieder reaktiviert, die Erfahrung haben, welche Fische dort jetzt gedeihen können. Sie bringt Menschen zusammen, die Ideen haben und solche, die sie mit ihrer Erfahrung unterstützen. Sei es mit Saatgut und Setzlingen für den kleinen Nutzgarten von Khadira oder mit Tipps für ihren kleinen Teich. Khadira schaut wieder nach vorne. Und bekommt dabei Hilfe von den anderen Frauen der Frauenvereinigung ihres Dorfes. Sie sind füreinander da. Das macht ihnen Mut, Mut zu Taten. Das spürt man.

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Autor:

Katrin Heidbüchel

Katrin Heidbüchel arbeitet als Referentin für Fundraising bei MISEREOR.

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