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Indien: „Bewusstsein schaffen für die Angst der Frauen“

Nach der brutalen Vergewaltigung und Ermordung einer Studentin im Dezember 2012 gingen allein in Neu-Delhi Zehntausende auf die Straße und demonstrierten gegen Polizei und Politik sowie für mehr Sicherheit für Frauen auf Indiens Straßen. Die Frauenrechtlerinnen Suneeta Dhar und Kalpana Viswanath (Jagori) über ein neues Gesetz und alte Normen.

Das indische Oberhaus hat im Februar ein Gesetz verabschiedet, das Frauen besser vor sexuellen Übergriffen schützen soll. Wie bewerten Sie dies?

Suneeta Dhar

Suneeta Dhar

Suneeta Dhar und Kalpana Viswanath: Die Verabschiedung dieses Gesetzes ist ein wichtiges politisches Signal. Ein Sieg für die Frauenrechte. Wir haben uns sehr für ein solches Gesetzt eingesetzt, haben Lobbyarbeit betrieben, um Parlamentarier und Politiker zu überzeugen.

Ein Gesetz zu verabschieden, reicht allerdings noch nicht aus, das Leben von Frauen in Indien zu verbessern.

Suneeta Dhar und Kalpana Viswanath: Es ist ein Prozess, und in diesem ist die Verabschiedung des Gesetzes ein Schritt in die richtige Richtung. Endlich wurde anerkannt, unter welchen unsicheren Bedingungen Frauen in Indien leben. Das Gesetz ist wie gesagt ein politisches Signal, dass die Rechte von Frauen endlich anerkannt werden. Es ist weitaus besser als alles, was wir zuvor hatten, und beinhaltet auch Teile unserer „Safe-Cities“-Kampagne, die jede Form alltäglicher Gewalt bekämpft, nicht nur Vergewaltigung. Dennoch geht unser Kampf weiter, auch weil nicht alles im Gesetz erfasst wurde, was wir gefordert haben.

Was meinen Sie mit ‚alltäglicher Gewalt‘?

Suneeta Dhar und Kalpana Viswanath: Für uns ist es wichtig zu definieren, was sexuelle Gewalt ist. In unserer Gesellschaft gibt es die Tendenz, ausschließlich Vergewaltigung und schwere sexuelle Nötigung anzuprangern, weil es so entsetzlich ist. Aber sexuelle Gewalt ist auch sexuelle Belästigung, ist Stalking, ist alles, was Frauen Angst macht. Wir müssen ein Bewusstsein für die Angst der Frauen schaffen. Es gibt Jungen und Männer, die denken, sie müssten junge Frauen stalken und unter Druck setzen, sie verwechseln das mit Romantik und Liebe. Aber das ist keine Romantik! Das ist keine Liebe! Das ist kein Respekt!

Sie erwähnten Stalking. Wie groß ist dieses Problem?

Suneeta Dhar und Kalpana Viswanath: Stalking ist ein sehr großes Problem für Frauen in Indien. Vor zweieinhalb Jahren wurde beispielsweise ein junges Mädchen in Delhi erschossen. Mitten am Tag, mitten zwischen all den Menschen. Die Eltern sagten, der Täter sei ein Junge gewesen, der ihr über zwei Jahre lang gefolgt sei. Stalker kontaktieren ihre Opfer auch über das Telefon, über SMS, über soziale Medien. Die neuen Technologien bieten zusätzliche Möglichkeiten zu Gewalt gegen Frauen.

Welche Möglichkeiten haben Frauen, sich gegen Stalker zu wehren?

Kalpana Viswanath

Kalpana Viswanath

Suneeta Dhar und Kalpana Viswanath: Es gibt zum Beispiel eine telefonische Hotline für Stalking-Opfer. Bis jetzt war Stalking kein Verbrechen. Man konnte nichts dagegen tun, belästigt zu werden. Wenn etwas kein Verbrechen ist, kann auch die Polizei nichts dagegen unternehmen. Mit dem neuen Gesetz können Stalker nun verhaftet und zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist ein sehr wichtiger Schritt.

Wie optimistisch sind Sie, dass sich ein Bewusstseinswandel in den nächsten Jahren einstellt?

Suneeta Dhar und Kalpana Viswanath: Nun, der Prozess hat begonnen. Wir glauben, dass dieses Thema in unserer Gesellschaft noch nie so diskutiert wurde wie derzeit. Noch nie gab es so viele Bürger, die sich für Frauenrechte, für einen Wandel einsetzten. Während der Demonstrationen sah man übrigens keine Politiker. Sie waren überrascht von der Intensität der Bewegung, der Berichterstattung nationaler und internationaler Medien, der Diskussionen im Social Web. Sie dachten, das legt sich von alleine wieder. Doch es hörte nicht auf. Und die Politik musste reagieren. Wie die Gesetze nun umgesetzt werden, wie die Gesellschaft weiter mit Gewalt gegen Frauen umgeht, wird sich erst in der Zukunft zeigen. Wir sehen den Prozess jedoch als Chance. Vergangenes Jahr haben wir beispielsweise angefangen, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Wir sind optimistisch.


Mehr Informationen…

…zu unserer Partner-Organisation „Jagori“
Die MISEREOR-Partnerorganisation Jagori wurde 1984 als wichtiger Teil der indischen Frauenbewegung gegründet und stand Ende Dezember 2012 an der Spitze der Proteste nach der Vergewaltigung und Ermordung einer Studentin in einem Bus in Delhi. Jagori beteiligt sich unter anderem an einer Kampagne, in deren Rahmen zum Beispiel Notrufnummern für Frauen verteilt sowie Polizeibeamte und Sozialämter für den Umgang mit weiblichen Gewaltopfern sensibilisiert werden. Auch hat Jagori eine Hotline für geschlagene oder vergewaltigte Frauen eingerichtet, begleitet Betroffene zur Polizei und setzt sich für deren Sicherheit im eigenen Lebensumfeld ein.

In Indien kommt es alle…

… drei Minuten zu einer Straftat gegen Frauen.
… 20 Minuten zu einer Vergewaltigung.


Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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