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Dem Hunger ins Gesicht sehen

Ich habe dem Hunger ins Gesicht gesehen…Es war im Zentral Gefängnis der madagassischen Hauptstadt Antananarivo, kurz Tana genannt. Mit einer kleinen Gruppe der von MISEREOR geförderten kirchlichen Gefangenenpastoral besuchte ich die von der Gefangenenpastoral eingerichtete und betreute „Krankenstation“ des Gefängnisses. Da in dem Gefängnis zu der Zeit monatlich mehr als 10 Gefangene, Männer und Frauen, am Hunger starben, waren es vor allem durch Hunger geschwächte Gefangene, die hier lagen.

Von Hans Maier

Einen sterbenden Mitgefangenen hatte man unter eine der Pritschen geschoben – wie die Mitgefangenen sagten brauchte er seine Milchration nicht mehr. Die madagassischen Gruppenmitglieder zogen den Sterbenden unter der Pritsche hervor; er starb in ihren Armen und vor meinen Augen. Hat er in den letzten Augenblicken seines Lebens noch gespürt, dass er nicht wie ein Tier verenden musste, sondern in den Armen von Menschen, die ihm Zuneigung schenken wollten?

In und vor einer solchen Situation bist du sprachlos, fühlst dich so schrecklich ohnmächtig. Du weißt nicht, ob du vor Trauer heulen oder vor Schock und Wut schreien sollst. Das Bild begleitet mich bis heute.

Ich hatte das Gesicht des Hungers gesehen. Es sah so aus wie das Gesicht dieses Mitgefangenen. Aus Scham hatten Frauen der Gruppe einen Pullover über seinen skelettartigen Torso gezogen. Bei Kindern ist das „Gesicht des Hungers“ noch brutaler, noch schockierender – der große Kopf auf dem ausgemergelten Körper, das Greisengesicht, die weißen Haare und die Augen, die Augen…

Diese beiden Gesichter stehen für knapp 870 Millionen Menschen, die hungern, mehr als die Bevölkerung der EU, der USA und Kanada zusammen genommen. Alle 5 Sekunden stirbt ein Kind unter 10 Jahren an Hunger und den Folgen des Hungers. Der Kindermord von Bethlehem geht weiter.

Hunger bedeutet langsames qualvolles Sterben oder auf Dauer zerstörte Chance eines menschenwürdigen Lebens. Beide Gesichter zeigen die hässliche Fratze des Hungers – zerstörte, entwürdigte Menschengesichter – zertretene Menschenwürde – eine skandalöse Verletzung des von der internationalen Gemeinschaft garantierten Menschenrechtes auf Nahrung und Würde.

Man könnte an dieser Unmenschlichkeit verzweifeln, wenn da nicht für uns als Christen ein anderes Gesicht in oder hinter diesen Gesichtern aufleuchten würde – das Bild dessen, der als Richter sagt: „Ich war hungrig…“ und der uns in diesen Gesichtern sagt: „Ich bin hungrig“. Im Evangelium sagt er uns: „Gebt ihr ihnen zu essen.“ Jesus, in dem sich Gott mit uns Menschen identifiziert, sagt uns auch, dass Hunger, weil er Unmenschlichkeit bedeutet, auch ein Affront gegen Gott ist, des Gottes, der den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat…

Müssen (so viele) Menschen hungern? N E I N !

Nach den wissenschaftlich begründeten Aussagen der Welternährungsorganisation FAO könnten mit den heute weltweit verfügbaren natürlichen und technischen Kapazitäten an Nahrungsmittelproduktion mindestens doppelt so viele Menschen ausreichend ernährt werden wie heute auf der Welt leben.

Natürlich gibt es örtliche kulturelle und soziale Faktoren, wie Brandrodung, die Nahrungsmittelknappheit und Hunger verursachen. Auch örtliche politische Gegebenheiten, u.a. die sträfliche Vernachlässigung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft in vielen Ländern des Südens, sind mitverantwortlich für Hunger. Aber mehr und mehr sind es globale profitgesteuerte und profitorientierte Wirtschaftsmechanismen, die Hunger produzieren indem sie eine nachhaltige und eigenständige Nahrungsmittelproduktion in den Hungerländern des Südens verhindern. Die europäische Subventionspolitik der Agrarindustrie ist integraler Teil dieses Szenarios. Die skrupellose Ausbeutung der Nahrungsmittelknappheit durch die zunehmende Spekulation mit Nahrungsmitteln mit, lt. Werbung, gesicherten 14% Gewinnaussichten, der damit verbundene Landraub in Hungerländern und die wachsende Nutzung von landwirtschaftlichen Anbauflächen für Tierfutter und Biotreibstoff sind wichtige Verursacher von Hunger.

In und hinter alledem steht Gier, der frenetische und obszöne Tanz um das goldene Kalb Mammon. Jesus wusste, wovon er sprach als er sagte: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Und Jean Ziegler hat recht mit seinem Buchtitel: „Wir lassen sie verhungern“ – es ist Mord. Und weil das so ist, bedeutet Hunger Ausgrenzung, Ausschluss vom Tisch der Menschheit, der zum Tisch der Reichen geworden ist… Gier schließt aus, Gier trennt.

Gibt es da Hoffnung? Aus der langen Erfahrung Misereors kann und muss diese Frage mit einem klaren JA beantwortet werden.

Hunger kann besiegt werden

Das soll mit einem von MISEREOR geförderten konkreten Projekt in Haiti illustriert werden, ein durchaus vergleichbares Projekt mit Projekten aus dem Niger, Bangladesch und Paraguay der Fastenaktion 2013. Weite Teile der ehemaligen „Perle der Karibik“ Haiti sind durch radikale Abholzung und Misswirtschaft verwüstet – Haiti ist ein Hochrisikoland für Naturkatastrophen, das nur 50% seiner 10,5 Millionen Einwohner ernähren kann.

Im Rahmen eines von MISEREOR unterstützten Förderprogramms für ökologische Landnutzung haben sich seit Anfang der 90-iger Jahre landesweit 17.600 kleinbäuerliche Familien in 1.150 lokalen Solidargruppen und 24 örtlichen Trägerorganisationen organisiert, um ihr Land, von ihnen „Garten“ genannt, durch die harmonische Verbindung von Feld- und Forstwirtschaft ökologisch und nachhaltig zu bewirtschaften.

Die nachhaltige Sicherung der Bodenfruchtbarkeit, u.a. durch Wiederherstellung und Verbesserung der Pflanzendecke, Erosionsschutz und Aufforstung, Diversifizierung der Produktion von Feld- und Baumfrüchten, Mischkulturen, Selbstversorgung mit eigenem Saatgut und angepasste Tierhaltung haben vielerorts neue grüne Oasen und produktive ländliche Lebensräume geschaffen.

Die in dem Programm engagierten Familien haben inzwischen für sich selbst weitgehende Ernährungssicherheit geschaffen. Der Verkauf der für örtliche Märkte produzierten Feld-, Garten- und Baumfrüchte ermöglicht die Deckung sonstiger Lebenshaltungskosten wie Wohnen, Gesundheit und Ausbildung.
Es ist neue Lebensqualität entstanden. Bäuerinnen und Bauern sind stolz auf das, was sie geleistet haben und leisten.

Um ihre Interessen selbstbewusst in Gesellschaft und Politik zu vertreten, organisieren sich die örtlichen Gruppen und Bauernbewegungen in regionalen Bauernverbänden und schaffen so eine ländliche Zivilgesellschaft.

Hunger ist kein Schicksal

Die Erfahrung in Haiti zeigt, dass Hunger kein Schicksal und keine Naturkatastrophe ist und dass die Schöpfung ein reiches Mahl für alle bereit hält. Die Erfahrung des agrarökologischen Programms in Haiti verdeutlicht auch, dass weitgehend mit eigener Kraft geschaffene Ernährungssicherheit Menschen ihre Würde zurückgibt, aus Hungergesichtern Gesichter der Hoffnung macht und allen Menschen Platz am gemeinsamen Tisch der Menschheit gibt, an dem wir uns gegenseitig bedienen und den Jesus mit uns teilt.

Weil Hunger menschenunwürdig und menschenverachtend ist… – weil Hunger kein Schicksal, sondern von Menschen gemacht ist… – und weil weltweit hunderttausende Frauen und Männer gezeigt haben und zeigen, dass Hunger besiegt und ein Leben in Würde für alle Menschen möglich ist… – sagt MISEREOR mit diesen mutigen Menschen: Wir haben den Hunger satt.

Ein ehemaliger Kurienkardinal, der heute in einem Pflegheim für Aidskranke in Asien mitarbeitet, hat als Bilanz seines Lebens folgende Schlüsselfrage für ein Leben aus dem Glauben formuliert: Ist es uns gelungen, aus der Kraft unseres Glaubens etwas mehr Menschlichkeit in eine Welt zu bringen, in der Unmenschlichkeit an der Tagesordnung ist? Hunger zu besiegen ist genau das: etwas mehr Menschlichkeit in eine Welt zu bringen, in der Unmenschlichkeit an der Taqesordnung ist.

Die Vision: „Es handelt sich nicht nur darum, den Hunger zu besiegen, die Armut einzudämmen. Der Kampf gegen das Elend, so dringend und notwendig er ist, ist zu wenig. Es geht darum, eine Welt zu bauen, wo jeder Mensch, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Abstammung, ein volles menschliches Leben führen kann, frei von Versklavung seitens der Menschen oder einer nicht hinreichend gebändigten Natur; eine Welt, wo die Freiheit nicht ein leeres Wort ist, wo der arme Lazarus an derselben Tafel mit dem Reichen sitzen kann“.

Mut ist, dem Zynismus von Macht und Mammon den tätigen Glauben an den Menschen entgegen zu setzen.

Über den Autor: Hans Maier arbeitete bis zu seinem Ruhestand 2012 als Länderreferent bei MISEREOR.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Protest gegen Nahrungsmittel-Spekulationen
    Spekulanten profitieren vom Handel mit Nahrungsmitteln, während die Zahl der Hungernden weltweit steigt! Die Initiative handle-fair.de protestiert dagegen!

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