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Tot ziens Thailand

„Tot ziens Thailand, doei Teacher, see you in the Netherlands!“ ruft Veena mir kurz vor dem Sicherheitsbereich des Bangkoker Flughafens noch zu, als sie sich ein letzten Mal umdreht. Sie springt aufgeregt herum, lacht und macht mit jedem noch einmal ein Erinnerungsfoto. Fröhlichkeit,Traurigkeit, Aufregung, Abschied, alle Gefühle kommen in diesem Moment zusammen und ein riesiger Kloß im Hals verschlägt mir die Sprache. 

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Zusammen mit niederländischen Expets und Helfern des Sprachkurses verabschieden wir die Flüchtlinge

Gestern Abend ging es für 53 Flüchtlinge aus Pakistan, Sri Lanka, dem Irak und Somalia von Bangkok direkt nach Amsterdam und dann weiter in ihr neues Zuhause, in das sie nun offiziell ‚umgesiedelt‘ werden. Seit Januar habe ich „meine Holländer“ nun auf ihrem Weg hierher begleiten dürfen (siehe Blogeintrag Met mij gaat het goed). Wir haben bei den Ausspracheübungen viel gelacht, über die Eigenarten des Fahrradfahrens und des niederländischen Wetters gestaunt, Marktbesuche und Notfallanrufe nachgestellt, diverse Geburtstage und Königinnentag zusammen gefeiert und die lange Gepäckliste durchgesprochen. Ich habe gelernt wie man in Sri Lanka tanzt, dass Pakistanische Christen auch den Geburtstagskuchen segnen, wie schwer ein ‚ü‘ für ungeübte auszusprechen ist und wie schnell Kinder sich auf eine neue Sprache einstellen können.

Ich habe versucht ihnen von der Kultur, die sie erwartet, meiner Kultur,  etwas mitzugeben, um vielleicht dem ersten Kulturschock ein wenig vorzubeugen. Doch ich musste auch erkennen, dass ich sie davor nicht beschützen kann. Der Pfad zwischen Motivation und Illusion ist in diesem Fall sehr schmal.  Das Thema  Erwartungen, dass auch mich im Ausland immer begleitet hat, spielt hier eine große Rolle. Sie hoffen alle direkt einen Job zu finden, am Besten in dem von ihnen zuvor erlernten Beruf. Die Kinder werden zur Schule gehen, ohne Probleme Niederländisch lernen, keinerlei Integrationsprobleme haben und danach die Universität besuchen. Sie können sich ein eigenes Haus und ein Auto leisten und am Wochenende viele Ausflüge unternehmen. Die Realität wird wahrscheinlich erst einmal anders aussehen, dass ist den meisten von ihnen auch bewusst und trotzdem haben wir das Gespräch über mögliche negative Situationen so gut es ging verdrängt.

„Weißt du“, sagt Shaista aus Pakistan zu mir, „ich weiß, dass uns jetzt nicht das Paradies erwarten wird. Aber es fühlt sich gerade so für mich an. Wir mussten unsere Heimat verlassen und unser Leben in Thailand war arm und schwer genug. Es wird auch in Holland erst nicht einfach werden, doch gerade bin ich einfach nur voller Vorfreude und dieses Gefühl möchte ich mir so lange wie möglich beibehalten.“ Diese positive Einstellung und dieser Mut etwas Neuem mit so viel Realität und Selbstsicherheit entgegen zu gehen hat mir immer imponiert und ihre Vorfreude hat auch mich angesteckt.

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Vithusa wartet mit dem Teddy auf ihre Familie

Die 7-jährige Vithusa hat einen riesigen Teddy im Arm. „Hast du den zum Abschied geschenkt bekommen?“, frage ich. „Nein, der gehört meiner Schwester, ich passe nur auf ihn auf.“ Vithusas Schwester kommt mit ihren Eltern erst später zum Flughafen. Da sie zum Zeitpunkt der Abreise kein gültiges Visum mehr besaßen und sich die Strafe von umgerechnet 500 Euro pro Person nicht leisten konnten, mussten sie ihre Strafe absitzen. Die letzten sieben Tage haben sie im Immigration Detention Center (IDC) verbracht, in Thailand eine Arte Gefängnis. Von dort aus wurden sie dann direkt von der Polizei zum Flughafen gebracht. Vithusa musste als einzige aus der Familie nicht ins gefürchtete IDC, da sie noch unter 16 Jahren ist. Sie hat die letzten Tage vor der Abreise bei Freunden verbracht.
Als der Polizeibus endlich vor dem Flughafengebäude vorfährt, geht eine fühlbare Erleichterung durch die Halle. Kinder, die auf ihre Eltern warten, Frauen auf ihre Männer. Veena, elf Jahre alt, war mit ihrer Mutter und ihrem Bruder im IDC. Sie haben vor drei Jahren für ein ganzes Jahr im IDC „gewohnt“, nachdem sie, trotz UN Flüchtlingspapieren, als Illegale verhaftet wurden. Da sie nun auf Kaution in den letzten zwei Jahren frei waren, müssen sie dieses Geld nun „zurückzahlen“, sprich auch die Kinder müssen ins IDC.
Ein System, für das ich nach wie vor kein Verständnis habe, da es mir einfach nicht einleuchtet, wie man Kinder auf Grund ihres Daseins als Flüchtlinge einsperren kann.

Aus Fremden wurden Bekannte, aus Bekannten wurden Freunde.
So stehen wir nun alle zusammen und machen die letzten Abschiedsfotos. Es ist eine große Zusammenkunft dort am Bangkoker Flughafen: Viele  werden von ihren Freunden begleitet und die Stimmung ist eher eine freudige als trauriger Abschied. Sie haben sich schick gemacht, tragen Anzug mit Krawatte und bunte, feine Kleider. Nicht gerade was ich wahrscheinlich auf einem elf Stunden Flug anziehen würde, doch sie wollten sich dem feierlichen Anlass entsprechend kleiden.

Ich umarme Veena nochmals und mir bleibt nichts anderes übrig, als allen von ganzem Herzen Glück, Kraft und Mut für ihre neue Zukunft zu wünschen.

„Will you visit us? Please let us know, we will prepare a great dinner for you in our new home“, lässt Shaista mich wissen. Ich werde vorbei kommen, sobald auch ich tot ziens Thailand gesagt habe. Versprochen.

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Autor:

Ich bin Katharina Koller und habe 2012/13, im Rahmen des MISEREOR-Freiwilligendienstes, für COERR (Catholic Office for Emergency Relief and Refugees) in Bangkok und an der thailändisch-burmesischen Grenze mit Flüchtlingen zusammengearbeitet.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Katha,

    das hast du sehr gut geschrieben. Die Mischung aus Vorfreude und Angst. Aus Illusionen und Verdrängung. Diese Menschen freuen sich, zu Recht, denke ich. Und trotzdem werden sie noch einige Rückschläge erleben und Negatives auf ihrem Weg erfahren. Schön, dass du sie besuchen möchtest. Sie werden sich bestimmt sehr freuen, ein bekanntes Gesicht zu sehen!

    LG, Uta

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