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Usiondoke Dada Maleeni!

9 ½ Monate Tansania, 38 Wochen anderes Leben, 266 Tage durchgehalten. Da sollten die verbleibenden drei Wochen eigentlich ein Klacks dagegen sein. Eigentlich. Denn in diesen drei Wochen heißt es Abschied nehmen von den Kindern, die wie eine Familie für mich sind, von den Menschen, die von Fremden zu Freunden wurden, von dem Land, das eine zweite Heimat ist. Es heißt Abschied nehmen von einem ganz anderen Leben, welches ich mir in dieser Zeit aufgebaut habe, von Träumen und Plänen, die noch nicht erfüllt wurden, von einem Jahr, das für den Rest meines Lebens fest in meinem Herzen sein wird.

Wie kann ich gehen?

“Usiondoke Dada Maleeni”, Geh nicht weg, Schwester Maleen, fleht ihr Kinder mich jeden Tag an, seid ihr wisst, dass unsere gemeinsame Zeit bald zu Ende sein wird. “Wer wird uns dann unterrichten, wer mit uns spielen, wenn du nicht mehr da bist?”

Die letzten zehn Monate haben wir jeden Tag zusammen verbracht, jeden Abend gemeinsam gebetet, gegessen, zu Bett gegangen. Ihr seid zu mir gekommen, damit ich eure Träne trockne, wenn es euch nicht gut ging, damit ich euch in Arm nehme, wenn ihr euch einsam gefühlt habt oder ich eure Wunden verband.

Ihr habt mich an der Hand genommen, habt mir euer Leben, eure Kultur, eure Art zu denken gezeigt.

Ihr habt mich an der Hand genommen, habt mir euer Leben, eure Kultur, eure Art zu denken gezeigt.

Ihr habt mich an der Hand genommen, habt mir euer Leben, eure Kultur, eure Art zu denken gezeigt. Habt mir geholfen, wenn ich nicht wusste, wie man Wäsche mit der Hand wascht, wie man Kohlen anzündet, wie man einen Kanga schließt.

“Usiondoke” sage ich auch zu mir selbst, mit Tränen in den Augen. Wie kann ich gehen, euch zurücklassen, und nicht wissen, ob ich zurückkehren werde?

Ich habe das Gefühl, als werde ich irgendwo herausgerissen, wo ich mich doch gerade erst mit so viel Mühe und Anstrengung hineingearbeitet habe. Wie konnte die Zeit so schnell vergehen? Fragen über Fragen…Wie viel kann ich von diesem Jahr mit nach Hause nehmen? Nicht die Mitbringsel, die Stoffe, die Geschenke. Wie viel kann ich vielmehr von dem, was ihr mir von eurem Herzen offenbart habt, mitnehmen? Wie sehr kann ich der Person, zu der ich in diesem Jahr geworden bin, in Deutschland treu bleiben?

Rückblick

Die ersten Tage, Wochen, waren nicht einfach. Das Land, die Menschen, das Essen, die Sprache, die Hitze, das Verkehrschaos – ich kam mir vor wie in einem Strudel aus anderen Farben, Gerauschen, Gefühlen. Ich war die “mzungu”, die Weise, die Fremde. Egal ob auf der Straße, im Daladala, den kleinen tansanischen Bussen, oder in der Kirche – immer wurden mir diese einen Worte hinterhergerufen, meist begleitet von einem aufgeregten Winken und einem lauten Lachen. Manchmal ergab sich ein Gespräch daraus, und dann versuchte ich zu erklären, dass ich es nicht gern höre, dieses „mzungu“. „Aber warum denn nicht, du bist doch eine mzungu?“ wurde ich dann gefragt, mit großen Augen, in denen ich Erstaunen und teilweise auch wahres Interesse lesen kann. Warum störte es mich so, wenn ich auf meine andere Hautfarbe angesprochen wurde?  Ist es Angst, Ärger, Unverständnis? Ich kann es nicht so genau beschreiben. Es ist von allem ein bisschen. “Es ist ja nicht böse gemeint”, bekam ich als Antwort, wenn ich nach dem Grund für die Rufe gefragt habe. Das glaube ich auch, aber irgendwie war dieses Wort wie eine Metapher für meine Gefühle: Ich habe mich fremd gefühlt, verloren. Und dieses Wort hat mir täglich gezeigt, dass ich so auch bin: anders, ganz anders. Dass es da eine Grenze gibt, meine Hautfarbe, meine Herkunft, meine Geldbörse, die nie zulassen wird, dass ich ganz zu euch gehöre. Doch seitdem sind viele Monate vergangen. Wir hatten genug Zeit, uns zu beschnuppern, uns näher zu kommen.

Grenzen überschreiten

Wir sind doch alle irgendwie gleich, egal welche Hautfarbe. Egal, welche Sprache.

Wir sind doch alle irgendwie gleich, egal welche Hautfarbe. Egal, welche Sprache.

Heute? Da winke ich lachend zurück. Denn als mzungu fühle ich mich schon lange nicht mehr. Oder nur noch wenig. Nicht mehr fremd, aber ein klein bisschen weiß, ein schönes sonnengebräuntes dunkelweiß. Denn eben dieses Wort hat mich gelehrt, wie wichtig es, die Grenze zu überschreiten. Dass wir doch alle irgendwie gleich sind, egal welche Hautfarbe. Egal, welche Sprache. Dass wir in diesem einen Jahr lernen konnten, den andern ein bisschen mehr zu verstehen.

Ihr habt mir eure Hand gereicht, und ich habe sie ergriffen. Sehe ich eure Gesichter, dann weiß ich: Wir sind ihn gegangen, diesen Weg, über diese Grenze. Wir haben sie überschritten. Zusammen.

 

 

Autor:

Ich bin Maleen, 19 Jahre alt und habe seit diesem Sommer mein Abitur in der Tasche. Mit einem großen Koffer voller Hoffnungen, Erwartungen und Abenteuerlust geht es im August für mich „Weltwärts“: Von Schwäblishausen, einer 110-Seelengemeinde in der Nähe des Bodensees, mitten hinein nach Daressalam, der größten Stadt Tansanias. Dort werde ich zusammen mit indischen Nonnen der Ordensgemeinschaft Daughters Mary Immaculate (DMI) leben und arbeiten.

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wow, Maleen. Dein Artikel hat mich richtig im Herzen berüht. Es ist so schön zu lesen, dass dein Freiwilligendienst so eine Bereicherung für dich war. Dass du dich verändert hast. Dass es ein nicht einfacher Weg gewesen ist. Dass der Abschied schwer fällt und dir so viele Menschen an Herz gewachsen sind. Und du ihnen auch! Ich freue mich auf unser Wiedersehen im Juli. Genieße die Zeit bis dahin. Auch das Abschiednehmen will gelernt sein …

    Liebe Grüße, Uta

  2. Liebe Maleen,
    danke für die vielen Dinge, die du uns die letzten Monate eröffnet hast. Deine Artikel sind so toll und berührend. Wir wünschen Dir noch eine schöne Zeit mit den Kindern – sie werden für dich immer einen Platz in ihrem Herzen haben.
    Und Denk beim Abschied daran: Tansania ist nicht das Ende der Welt – und immer einen Aufenthalt wert!

  3. Liebe Maleen,

    ich habe Tränen in den Augen stehen…danke für deinen Artikel! Es ist schwer zu gehen, komisch, verwirrend…muss man sich nicht auch freuen, nach Hause zu kommen? Doch ich glaube auch, dass es gut ist, dass es uns schwer fällt wegzugehen, zeigt es doch, wie wichtig dieses Jahr für uns war. Du hast es dir verdient, diesen schweren Abschied, du hast es dir verdient, dass die Kinder dich dort behalten wollen, denn es war nicht immer leicht.
    Ich freu trotzdem Schweschter Maleen in einem Monat wieder zu sehen!

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