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20.000 Hektar – Das Leben im Überfluss ist schön.

Mit INCUPO lerne ich die Kultur und die Positionen der Kleinbauern kennen, die für ein würdiges Leben auf dem Land sowie eine nachhaltige Landwirtschaft kämpfen. Auf der anderen Seite stehen Großgrundbesitzer sowie starke wirtschaftliche und politische Interessen. Auch diese Seite möchte ich versuchen zu verstehen und besuche eine Familie im Besitz von 20.000 Hektar.

Monte (Buschwald) bedeutet für die Kleinbauern „Arbeit, Nahrung und Leben“.

Monte (Buschwald) bedeutet für die Kleinbauern „Arbeit, Nahrung und Leben“.

Ich fahre durch die von Añatuya (meinem Einsatzort) nur etwa 70 km weit entfernte Kleinstadt Bandera – doch könnte man meinen, in einer anderen Kultur gelandet zu sein. Die physische Grenze in diese neue Kultur bildet eine plötzlich auftretende Agrarfront. Trockener Buschwald verwandelt sich in riesige Sojafelder. Filialen von John Deer und Claas sowie Werbeplakate mit Agrarprodukten von Unternehmen wie Monsanto und Bayer säumen den Straßenrand. Ausländische Unternehmen – ausländische Kultur? In Bandera sind die Straßen sauberer, die Häuser gepflegter und die Menschen weißer sowie rassistischer.

An dem Haus der Familie angekommen treffe ich auf den Vater. René, einer der Söhne, mit dem ich verabredet bin, ist in der Soja-Ernte tätig. Zusammen mit dem Vater mache ich mich entlang der Sojafelder auf dem Weg zu ihm. Das Ausmaß von 20.000 Hektar wird mir erst mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, bewusst. 20.000 Hektar können 20 km lang und 10 km breit oder auch 200 km lang und 1 km breit sein. Wie man es sich auch versucht vorzustellen – es ist viel Land! Wir kommen an gesetzlich festgelegten Waldstreifen zum Schutz vor Erosionen vorbei. „So sah das hier vor 15 Jahren überall aus“, erzählt mir der 76 Jahre alte Vater. Ein Kleinbauer hätte dies mit Tränen in den Augen gesagt – hier klingt jedoch der Stolz des alten Mannes auf sein Lebenswerk mit. Er hat das Land vor 15 Jahren nach und nach aufgekauft, gerodet und seitdem bewirtschaftet. 10.000 Hektar verpachtet er. Das sichert ihm seinen hohen Lebensstandard auch bei niedrigen Erträgen auf den verbleibenden 10.000 Hektar.

Das argentinische Agrarmodell bedeutet für die Grossgrundbesitzer Fortschritt.

Das argentinische Agrarmodell bedeutet für die Grossgrundbesitzer Fortschritt.

Mit dem Vater stehe ich inmitten des Sojafeldes. Am Horizont erkennt man wage die Waldstreifen, mit denen man es anscheinend nicht allzu ernst gemeint hat. Ein riesiges Ungetüm kommt immer näher auf uns zu – John Deere 9650 STS. René steigt hinaus und begrüßt mich freudig. Zusammen drehen wir ein paar Runden. Im klimatisierten Cockpit lässt es sich gut sitzen – draußen hat es etwa 45°C. Kleinbauern arbeiten daher in den frühen Morgen- und späten Abendstunden. Zu dieser Zeit halten sie im Schatten eines Quebrachos, Mistols oder Algarrobos (für die Kleinbauern lebensnotwendige einheimische Bäume) ihre ausgiebigen Siestas.

Der Mähdrescher fährt im Autopilot. Kiloweise rauscht das Soja hinter uns hinunter. Der Computer zeigt uns verschiedene Kennzahlen und eine farbige Karte an, anhand welcher man sieht, wo wieviel geerntet wurde. Nach der Auswertung der Daten wird zum Beispiel entschieden, wo in Zukunft stärker mit Düngemitteln oder Pestiziden gearbeitet werden muss. Die Technik beeindruckt mich! René ist in meinem Alter und studiert Agrarwissenschaften – genauer gesagt das intensive Agrarmodell, das er seit klein auf vorgelebt bekommt. Über Alternativen lernen die Agronomen nichts.

„Missgönne mir nicht meinen Fortschritt ohne zu wissen, welche Opfer ich dafür aufbringe“, steht groß in der Eingangshalle des Elternhauses geschrieben. Ich werde nachdenklich. Die Opfer: Der Vater arbeitet noch bis ins hohe Alter jeden Tag vom Morgengrauen bis in die späten Abendstunden. Und der Fortschritt? Damit ist wohl der Überfluss gemeint, in der die Familie lebt. Intelligente Technik, teure Autos, prächtige Häuser, Bedienstete, exotische Essen, ferne Reisen – wann fängt Überfluss an? Vielleicht lebe ich selbst im Überfluss. Es ist schön im Überfluss zu leben. Aber inwieweit beruht unser Überfluss auf Kosten von Mitmenschen oder unserer Umwelt? Welchen Fortschritt bringt das argentinische Agrarmodell?

Politisch gesehen füllt der Sojaanbau durch seine hohen Exportsteuern die öffentlichen Kassen. Wenn diese Gelder gut verwaltet und investiert werden würden, könnte man sicherlich von einem argentinischen Fortschritt sprechen. In Añatuya sehe ich jedoch die staatlichen Ausgaben in Neueinstellungen in den bereits schon aufgeblähten Staatsapparat, in fragliche soziale Leistungen und allerlei Subventionen fließen – Ausgaben, die den anfangs erwähnten Rassismus zwischen Añatuya und Bandera fördern. Denn tatsächlich beziehen viele Einwohner Añatuyas fragwürdige soziale Leistungen, unverhältnismäßige Renten, einen Extra-Bonus beim siebten geborenen Kind oder ein monatliches Gehalt von der Gemeinde ohne effektiv zu arbeiten. Den Argwohn der Familie, dass sich die einen auf der Arbeit anderer ausruhen, verstehe ich. Weder der Vater noch der Sohn verstehen jedoch etwas über die Kultur der Kleinbauern, die vor 15 Jahren noch auf ihren Sojafeldern gelebt haben. Tatsächlich ist diese Kultur auch schwer mit unserer Fortschritts-Kultur zu verstehen.

Das argentinische Agrarmodell, auf welches nicht nur der Überfluss der Familie beruht, sondern durch welches auch unser Überfluss in Deutschland gefördert wird, ist jedenfalls, wie man es auch dreht, kein langfristiger Fortschritt – da kann die Technik noch so beeindruckend sein. Auf diesen von Pestiziden verseuchten Böden wird nur noch das genveränderte Soja von Monsanto wachsen. Erwärmt sich das Klima weiterhin oder fällt der Soja-Weltmarktpreis eines Tages stark, dann wird dort überhaupt nichts mehr wachsen – Wüste, das einzigartige und artenreiche Ökosystem ist kaputt!

Die wirtschaftlichen Interessen sind wie das Handeln der Großgrundbesitzer kapitalistischer Natur. Wenn ein Unternehmen neue Agrartechnologien entwickelt, hat es sich dann auch um einen verantwortungsvollen Einsatz zu sorgen? Oder ist das die Aufgabe der Politik? Zumindest spricht die Förderung dieser Agrarmodelle gegen das Mode-Wort „Corporate Social Responsibility“ (Unternehmerische Sozialverantwortung), welches sich diese Unternehmen auf ihre Fahnen schreiben.

Autor:

Ich bin 23 Jahre alt und habe vor kurzem den Bachelor in "Wirtschaftspädagogik" an der Universität Mannheim abgeschlossen. Im Rahmen des Freiwilligendienstes werde ich von meinen Erfahrungen in der Partnerorganisation, INCUPO, berichten. INCUPO setzt sich auf vielfältige Weise für benachteiligte Kleinbauern und indigene Völker sowie gegen den fortschreitenden Landraub in den nördlichen Provinzen Argentiniens ein.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Fabian, gut beschrieben, sehr nachvollziehbar, in welcher konfliktären Welt wir leben. Social Responsibility hört leider Gottes allzu oft dort auf, wo Unternehmen zulasten des eigenen Profits echte Opfer bringen müssten. Ja, es stimmt, dass sich viele Dinge auf die Fahne schreiben, die eine schöne Fassade bilden, hinter der es manchmal ganz schön schmutzig zugeht.

  2. Lieber Fabian,

    wir wissen alle, dass es solche Dinge gibt und dass die Umwelt leidet und dass wir mit unserem Konsum mit Schuld sind und dass sich viel ändern müsste und und und … Aber: Geld regiert die Welt. So ist es. Leider werden unsere Enkel- oder Urenkelkinder irgendwann feststellen müssen: Geld kann man nicht essen!

    LG, Uta

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