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WM-Vorbereitung mit dem Bulldozer

Die Filmaufnahmen sind dramatisch: Eine schreiende Frau wehrt sich vehement gegen den Abriss ihres Hauses, während der Bulldozer bereits anrollt. Ein von brasilianischen Produzenten erstelltes Video dokumentiert mit solchen Szenen auf erschreckende Weise, wie das lateinamerikanische Land sich zurzeit auf die Fußball-WM 2014 vorbereitet.

YouTube Preview ImageAndere im Internet kursierende Filme bringen auf den Punkt, was in diesen Tagen auch zu den Massenprotesten am Zuckerhut geführt hat: Während das Umfeld für die Spiele mit milliardenteuren Investitionen in Infrastruktur und Stadionbauten möglichst glanzvoll in Szene gesetzt werden soll, stellt das große Elend, das Millionen Brasilianer in ihrem Alltag erleben, dazu einen krassen Gegensatz dar. Und dann reicht, wie die aktuellen TV-Bilder aus den  brasilianischen Metropolen es zeigen, eine vermeintlich unbedeutende Erhöhung der Busfahrpreise, um Massenproteste auszulösen. Die Menschen haben es satt, dass global vor allem über die aufstrebende Großmacht Brasilien geredet wird, weniger aber von den bitteren Lebensbedingungen in den Favelas, den Missständen in der Gesundheitsversorgung, den überlasteten öffentlichen Verkehrsmitteln.

Und vor allem von den Vertreibungen vieler Menschen, die den Großprojekten zur Vorbereitung auf die WM, aber auch Olympia im Jahr 2016, schlicht im Weg sind. Oft erfahren die Betroffenen von Zwangsräumungen nur verschleiert durch die Presse. Das sorgt für nachhaltige Verunsicherung.

Vertreibung hat viele Gesichter

Luiz Kohara, ein Mitarbeiter der brasilianischen MISEREOR-Partnerorganisation Centro Gaspar Garcia de Direitos Humanos, berichtete bei einem Besuch in Aachen davon, dass in vielen Städten Arme wegen geplanter Neubauten von Häusern, aber auch von großen Straßenbauprojekten, sowie dem Bau von U- und S-Bahnen ihre Wohnungen bereits verlassen mussten. Als Alternative würden ihnen nicht selten Standorte angeboten, die 20 oder 30 Kilometer entfernt liegen. Was aus deutscher Perspektive nicht besonders problematisch  klingt, kann für die betroffenen Brasilianer schwerwiegende Konsequenzen haben. „Sie haben zum Beispiel oft gar nicht das Geld, um die Fahrt zu ihren bisherigen Arbeitsplätzen zu bezahlen.“ Auch fehlt es dort häufig an grundlegenden Einrichtungen der Infrastruktur wie eine gesicherte Versorgung mit Wasser und Strom, ein ausreichendes Abwassersystem und geregelte Müllabfuhr.

Nicht immer rückt gleich der Bagger an, wenn es zu den Vertreibungen kommt. So sehen sich viele Menschen auch gezwungen, ihre bisherigen Wohnungen in zentralen Lagen zu verlassen, weil sie die stark gestiegenen Mieten nicht mehr aufbringen können. Eine andere Art, unliebsame Bevölkerungsgruppen aus dem Stadionumfeld zu verbannen, wurde durch ein eigenes WM-Gesetz der Regierung ermöglicht. Das erlaubt nun, das traditionelle Kleingewerbe zu verdrängen, damit in bestimmten Stadtvierteln nur noch die offiziellen Sponsoren des großen Fußball-Zirkus ihre Geschäfte machen können. „Das Ziel lautet: Effiziente Städte für abgesicherte Gewinne aus den Investitionen der Sponsoren“, erläutert Kohara. „Dafür dürfen die von Elend und Armut geprägten Gegenden nicht gezeigt und die sozialen Proteste müssen unterdrückt werden, denn sie beschmutzen die Verpackung des zu verkaufenden Produkts. Die Vertreibung der Armen oder die ‚Säuberung‘  der Gebiete, die während der großen Sportereignisse besonders ins Sichtfeld rücken, ist notwendig, um die Stadt als Postkartenmotiv präsentieren zu können.“

Wo bleibt das Recht auf Wohnen in Würde?

MISEREOR unterstützt in Brasilien Organisationen wie das Centro Gaspar Garcia de Direitos Humanos, die für das Recht auf ein Wohnen in Würde und Sicherheit kämpfen und den von Vertreibung betroffenen oder bedrohten Menschen zur Seite stehen. „Ein Wohnen in Würde ist für Millionen Menschen, die noch immer in ungeeigneten Unterkünften leben, nicht realisiert, obwohl dies als grundlegend für die menschliche Entwicklung betrachtet wird“, kritisiert Kohara. Die Zahl der Bewohner von Elendssiedlungen sei in Brasilien ebenso wie die der Obdachlosen stark gestiegen.

Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mein Glaube an die Vernunft einer breiten Bevölkerung gerade hier im angeblichen zivilisierten Europa singt zunehmend gegen Null. Mir ist es ein sehr großes Rätsel, dass es so viele blinde Menschen gibt, die sich bedingungslos diesen brutalen Massensport unterwerfen. Die Fifa genießt sozusagen von der Massensucht und der Politik eine uneingeschränkte Unterstützung. Es wäre ein leichtes, wenn die Fifa sich endlich mal Ihrer Verantwortung gegenüber den Menschenrechten massivst einsetzen würde.
    Mir ist Übel und ich finde keine weiteren Worte mehr zu dieser verantwortungslosen und brutalen Rücksichtslosigkeit all jener die dies zu verantworten und auch nur mit zu verantworten haben.
    Uwe Wagner

  2. UND DIE FIFA MACHT DEN GRÖSSTEN REIBACH: DER FUSSBALL GEHT DEN MENSCHEN ÜBER ALLES-EGAL WER DARUNTER LEIDET.
    LEUTE DEMONSTRIERT, DEMONSTRIERT NEHMT EUCH EIN BEISPIEL AN DER TÜRKEI EINE STILLE DEMONSTRATION IST IN DER GESAMTEN WELT VERNOMMEN WORDEN

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